26. April 2005 17:13; Akt: 26.04.2005 17:18 Print

Syrien verliert Macht

Der Abzug ihrer letzten Soldaten und Geheimdienstoffiziere aus dem Libanon ist nur eine von vielen Etappen des Abstiegs der einst bedeutenden arabischen Regionalmacht Syrien.

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Mit Wehmut denken ältere Genossen der regierenden Baath-Partei in Damaskus an die Zeiten zurück, als Syrien neben Ägypten das einflussreichste Land der arabischen Welt war. Lange vorbei sind die Zeiten als sich die Syrer auf eine starke Armee und ein enges Bündnis mit der Sowjetunion stützen konnten.

Bei arabischen Gipfeltreffen wird heute deutlich, dass die islamisch-konservativen Monarchen aus Saudi-Arabien die panarabisch- sozialistischen Syrer als zweite Regionalmacht neben Ägypten verdrängt haben.

Durch den Abzug verlieren die Syrer nun auch einen Teil ihres Einflusses auf die von Iran unterstützte Schiiten-Miliz Hisbollah im Libanon. Die Hisbollah war die syrische Trumpfkarte für Verhandlungen um die 1967 von Israel besetzten syrischen Golan- Höhen.

Das Gesicht wahren

Nach dem von der libanesischen Opposition und auf amerikanisch- französischen Druck erzwungenen Abzug versucht die syrische Führung vor allem das Gesicht zu wahren. «Syrien respektiert das internationale Recht und hat sich deshalb zurückgezogen», schrieben regierungsnahe Zeitungen in Damaskus am Dienstag.

Doch ist für die Führung schwer zu verwinden, dass 29 Jahre Truppenpräsenz im Nachbarland schliesslich mit einer schlichten Zeremonie auf einem Luftwaffenstützpunkt endeten. Mit Blumen wurden die syrischen Soldaten nicht etwa von dankbaren Libanesen bedacht, sondern nur von einigen Landsleuten, die sie an der Grenze empfingen.

Verbittert beklagen sich die Damaszener Staatsmedien über den UNO-Sicherheitsrat, der mit zweierlei Mass messe. Gegenüber Syrien operierte die UNO mit massiven Drohungen. Israel missachte dagegen schon seit Jahrzehnten ungestraft diverse UNO-Resolutionen, die seinen Rückzug aus besetzten arabischen Gebieten forderten.

Im Innnern so stark wie früher?

Offen ist, wie sich der aussenpolitische Machtverlust der syrischen Staatsführung im Inneren auswirken wird. Zwar hoffen Oppositionelle in Syrien schon seit dem Machtantritt des jungen Assad, dass dieser seine Reformversprechen wahr machen wird, anstatt, «immer wieder einen Schritt nach vorne und zwei zurück zu machen».

Was der von Angehörigen der alawitischen Minderheit dominierten Regierung bislang geholfen hat, ist die Tatsache, dass die Regimekritiker teilweise sehr unterschiedliche Ziele verfolgen. Neben einigen Liberalen sind es vor allem islamistische Sunniten, Linke und Kurden.

Schwerer Schlag für die Wirtschaft

Für die von Problemen geplagte syrische Wirtschaft, die immer noch stark vom Staatssektor beherrscht wird, ist der Truppenabzug aus dem Nachbarland ein schwerer Schlag.

Denn erstens ist das Schicksal von Hunderttausenden syrischen Arbeitern ungewiss, die im Libanon bisher indirekt unter dem Schutz der Soldaten standen. Ausserdem hat sich Libanon in den vergangenen Jahren zu Syriens «Fenster zur Welt des Kapitalismus» entwickelt.


(sda)