Forensiker über Täter von Hanau

21. Februar 2020 09:36; Akt: 21.02.2020 15:46 Print

«Er war intelligent, hatte aber bizarre Wahnideen»

von B. Zanni - Der rechtsextreme Terrorist Tobias R. hat krude Verschwörungstheorien verfochten. Der Forensiker Andreas Frei schätzt das Täterprofil ein.

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«Der Mann war intelligent, wies aber lehrbuchartige Symptome einer paranoiden Schizophrenie auf», sagt Andreas Frei, Leitender Arzt an der Fachstelle Forensik der Psychiatrie Baselland. Andreas Frei sieht in den Skripten und Videos Hinweise auf bizarre Wahnideen. «Die Inhalte deuten auf eine sogenannte Ich-Störung hin. Er glaubte, dass ihm Gedanken geraubt wurden, und hatte das Gefühl, seine Gedanken würden ausspioniert.» Die Polizei sichert den Tatort vor der Midnight-Hookah-Sisha-Bar, einem der beiden Schauplätze des Verbrechens in Hanau. Eine Frau zündet ausserhalb der Bar Kerzen an. Nach eigenen Angaben wurde er im Jahr 1977 in Hanau geboren und studierte BWL. Das Ziel des Angriffs waren zwei Shisha-Lokale in der Innenstadt: Ein beschädigtes Auto in Hanau. (19. Februar 2020) Die Zahl der Verletzten kann sich laut einem Polizeisprecher noch nach oben oder unten verändern. Hanau liegt im Main-Kinzig-Kreis etwa 20 Kilometer östlich von Frankfurt/Main und hat etwa 100'000 Einwohner. Die Polizei sichert in Hanau einen Tatort ab. «Die Fahndung nach den Tätern läuft auf Hochtouren», teilt die Polizei in Offenbach mit. Die Polizei fordert neugierige Passanten auf, sich in ihre Wohnungen und die Lokalitäten vor Ort zu begeben. Forensiker untersuchen den Tatort. A projectile lies on the sidewalk following a deadly shooting attack in central Hanau, Germany, Thursday, Feb. 20, 2020. A German man shot and killed several people at different locations in a Frankfurt suburb overnight, before police attended the gunman's home where he was found dead. (AP Photo/Michael Probst)

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Tobias R. (43) erschoss am Mittwochabend in Hanau (D) 10 Menschen. Darunter auch seine Mutter. Neun der Getöteten hatten einen Migrationshintergrund. Andreas Frei, Leitender Arzt an der Fachstelle Forensik der Psychiatrie Baselland, hat für 20 Minuten das Täterprofil analysiert.

«Der Mann war intelligent, wies aber lehrbuchartige Symptome einer paranoiden Schizophrenie auf», steht für Frei fest. Die Skripte und Videos zeigten, dass er bizarre Wahnideen gehabt habe. «Die Inhalte deuten auf eine sogenannte Ich-Störung hin. Er glaubte, dass ihm Gedanken geraubt wurden, und hatte das Gefühl, seine Gedanken würden ausspioniert.»

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Video und Skripte

R. veröffentlichte wenige Tage vor der Tat ein Video auf Youtube. In fliessendem Englisch behauptet er darin, in den USA existierten unterirdische Militäreinrichtungen, in denen Kinder misshandelt und getötet würden. Dort werde auch dem Teufel gehuldigt. Er fordert amerikanische Staatsbürger zum Aufwachen und dazu auf, gegen diese Zustände «jetzt zu kämpfen».

Auch veröffentlichte er auf seiner Homepage drei umfangreiche Skripte. Eines davon leitete er ein mit :«Dies ist eine Botschaft an das gesamte deutsche Volk!» Darin erklärt er, warum er angeblich von einem Geheimdienst überwacht wurde.

In einem weiteren Skript referiert R. über «Strategie und taktisches Vorgehen für die Kampfeinsätze im Irak und Afghanistan». In einer dritten Schrift verteidigt er seine Strategie für den Deutschen Fussball-Bund DFB, mit der der DFB wieder wettbewerbsfähig werden könne.

«Gebilde selber aufgebaut»

In einem Skript nennt er verschiedene Völker, die seiner Meinung nach «komplett vernichtet werden müssen». Auch fallen die Worte «Grob- und Feinsäuberung». Laut Generalbundesanwalt Peter Frank hatte der Täter eine zutiefst rassistische Gesinnung. Andreas Frei hält es kaum für möglich, dass ein derart gestörter Mann in rechtsextremen Gruppen aktiv verkehrte und dort Anklang fand.

«Ein unbedeutender Anlass kann ihn zur Tat getrieben haben», sagt Frei. «Vielleicht wurden der innere Druck und sein Gefühl der Bedrohung zu gross. Er hatte sich ein Gebilde selber aufgebaut.» Er gehe deshalb davon aus, dass R. ein Einzeltäter mit rechtsextremem Gedankengut gewesen sei.

Keine Grammatikfehler

Frei überrascht die Klarheit der Gedankengänge in den Skripten. «Ich habe noch nie erlebt, dass jemand einerseits derart in psychiatrischem Sinne gestört ist und andererseits derart klare Gedankengänge hat.» R. verfüge über sehr gute Kenntnisse über Politik und Geschichte.

«Besonders auffällig ist, dass seine Schriften praktisch keine formalen Störungen zeigen.» Die Sätze seien wohlformuliert und enthielten keine Grammatikfehler. «Auch verwendet er nirgendwo Ausrufezeichen in übermässiger Anzahl, was für Menschen mit einer paranoiden Schizophrenie eigentlich typisch ist.»

Gemäss einem Nachbarn verhielt sich R. unauffällig. «Es ist untypisch, dass er unauffällig war», sagt Frei. Bei ihm habe aber wohl eine sogenannte doppelte Buchführung vorgelegen. «Nach aussen funktionierte er normal, im Innern lebte er aber in einer ganz anderen Welt.»

Sind Schizophrene gefährlich?

Stunden nach der Tat stürmten Spezialkräfte im Stadtteil Kesselstadt die Wohnung von R. Dort entdeckten sie dessen Leiche und diejenige seiner 72-jährigen Mutter. Beide wiesen Schussverletzungen auf. Auch wurde eine Waffe gefunden. «Er baute seine Mutter in sein System ein. Er könnte sie dafür verantwortlich gemacht haben, dass sie ihn diesen Mächten ausgeliefert hatte», sagt Frei. Auch zieht er die Handlung als perversen Akt der Solidarität in Betracht. «Dass er die Mutter nicht in dieser schlechten Welt zurücklassen wollte.»

Von dieser Krankheit Betroffene lassen sich laut Frei nicht pauschal als gemeingefährlich beurteilen. «Jemand mit einer paranoiden Schizophrenie hat aber ein rund dreifach höheres Risiko, eine schwere Gewalttat zu begehen.» Meist werde diese im familiären Umfeld ausgeführt. «Dass ein schwer psychisch Kranker wildfremde Menschen attackiert, ist selten.»