Krise in Ägypten

17. Dezember 2011 16:38; Akt: 19.12.2011 04:57 Print

Tahrir-Platz gestürmt - Zehn Tote

In Kairo brach erneut die Gewalt zwischen Polizei und Demonstranten aus. Mindestens zehn Menschen kamen dabei ums Leben. Die Situation eskalierte, als die Polizei eine Sitzblockade auflöste.

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Am 21. Dezember geben die Ägypter in einer zweiten Wahlrunde ihre Stimme ab. Nach tagelangen Unruhen verläuft die Wahl mehrheitlich ruhig. Am 20. Dezember sind in Kairo zehntausend Frauen auf die Strasse gegangen. Mit ihrem Aufmarsch wollten die Ägypterinnen gegen die massive Gewalt demonstrieren, die Soldaten der Militärregierung gegen Demonstrantinnen anwendet. Stein des Anstosses war insbesondere dieses Bild, auf welchem zu sehen ist, wie Soldaten eine verschleierte Frau über den Boden schleifen bis diese halbnackt ist. Zudem treten einige der Soldaten auf die Frau ein. Die Demonstrantinnen protestierten lautstark. «Schluss mit dieser Gewalt» forderten die Frauen am 20. Dezember 2011. Der Militärrat liess eine Entschuldigung folgen - allerdings erst, nachdem unter anderem auch US-Aussenministerin Hillary Clinton das Vorgehen der Sicherheitskräfte Ägyptens kritisierte. Am Wochenende des 17. und 18. Dezember war es auf dem Tahrir-Platz in Kairo zu schweren Ausschreitungen gekommen. Die Polizei war massiv gegen die Demonstranten vorgegangen. Mindestens zehn Personen wurden getötet und über 300 verletzt. Am 28. November 2011 beginnen in Ägypten die ersten Wahlen nach dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak. Der Andrang ist riesig. Stundenlang stehen die Wähler geduldig in der Schlange, bis sie ihre Stimmen abgeben können. Die Wahllokale sind nach Geschlechtern getrennt. Grössere Zwischenfälle blieben bislang aus. Nicht mehr lange bis zur Wahlurne... Eine Ägypterin gibt ihre Stimme ab. Die Wahlurnen werden versiegelt. Es wird alles gemacht, damit nicht betrogen wird. Die versiegelten Urnen werden an einen sicheren Ort gebracht. Der gefärbte Daumen als Zeichen: «Ja, ich habe gewählt!»

Ägypten hat gewählt.

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Bei den schwersten Unruhen in Ägypten seit Wochen sind in der Hauptstadt Kairo seit Freitag zehn Menschen getötet und nahezu 550 verletzt worden. Steine flogen, Verwaltungsgebäude und Barrikaden brannten.

Auch am Sonntag gingen Demonstranten und Sicherheitskräfte rund um den zentralen Tahrir-Platz mit Steinen aufeinander los. Die Proteste richteten sich gegen die Militärführung, die nach dem Sturz von Präsident Hosni Mubarak im Februar die Macht übernommen hatte.

Es sei wie in einem Katz-und-Maus-Spiel, berichtete der Demonstrant Mustafa Fahmi telefonisch vom Tahrir-Platz. Immer wieder rückten die Soldaten vor und zögen sich dann schnell wieder zurück. Im Laufe des Tages übernahmen immer mehr Bereitschaftspolizisten die Stellungen von den Soldaten. Letztere verschwanden zunehmend aus dem Strassenbild.

Soldaten stürmen Tahrir-Platz

Am Samstag hatten Soldaten den Tahrir-Platz gestürmt und Zelte von Demonstranten verbrannt. Sie versuchten die Regierungsgegner mit Warnschüssen zu vertreiben. Reuters-TV zeigte aber auch Bilder von einem Soldaten, der in die Menge schoss. Fernsehbilder zeigten zudem, dass auch fliehende Demonstranten - Männer wie Frauen - verfolgt und niedergeknüppelt wurden.

Die Soldaten durchkämmten Gebäude, konfiszierten die Ausrüstung von Fernsehteams und nahmen einige Journalisten kurzzeitig fest. Augenzeugenberichten zufolge stürmten Soldaten zudem ein provisorisches Spital nahe einer Moschee.

Am Samstagabend errichteten dann Soldaten in den Zufahrtsstrassen zum Platz Barrikaden. Zuvor waren sie nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters mit Steinen und Brandsätzen beworfen worden. Aus Militärkreisen verlautete, seit Freitag seien 164 Menschen festgenommen worden.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Beide Seiten gaben sich gegenseitig die Schuld für die Ausschreitungen. Für Empörung unter den Regierungsgegnern sorgte zudem der Tod eines Geistlichen, der sich mit der Protestbewegung solidarisiert hatte.

Hunderte Menschen, darunter viele Politiker, nahmen an der Beerdigung von Scheich Emad Effat teil. Er war am Freitag bei Zusammenstössen getötet worden. Etliche Trauergäste riefen Slogans gegen den Obersten Militärrat.

Regierung beschuldigt «eingeschleuste Elemente»

Begonnen hatten die Zusammenstösse am Freitag, nachdem Sicherheitskräfte versucht hatten, eine Blockade des Kabinettsgebäudes am Tahrir-Platz durch Demonstranten gewaltsam zu beenden. Die Demonstranten hatten verhindern wollen, dass die Regierung des von der Armee eingesetzten Ministerpräsidenten Kamal al-Gansuri seine Arbeit aufnimmt.

Gansuri machte Jugendliche für die Gewalt verantwortlich. «Auf der Strasse findet keine Revolution statt, sondern eine Konterrevolution», sagte er. Diese «eingeschleusten Elemente» hätten auch das Feuer auf Demonstranten eröffnet und nicht Sicherheitskräfte.

Wertvolle Dokumente und Bücher verbrannt

In Mitleidenschaft gezogen wurde auch das Wissenschaftliche Ägyptische Institut nahe dem Tahrir-Platz. Es wurde gemäss ägyptischen Medien von Brandbomben getroffen. Demonstranten und Sicherheitskräfte beschuldigten sich gegenseitig, den Brand verursacht zu haben.

Das Gebäude brannte aus; wertvolle Bücher und historisch bedeutende Original-Dokumente wurden ein Raub der Flammen. Sie stammten zum Teil aus der Zeit der französischen Ägypten-Expedition unter Napoléon Bonaparte (1798-1801), wie Behördenvertreter mitteilten. Demonstranten und Freiwillige hätten am Sonntagmorgen geholfen, rund 30 000 der 196 000 Bücher zu retten.

Tantawi und Gansuri sollen gehen

Die Proteste richten sich gegen den Obersten Militärrat und den Ministerpräsidenten. Gansuri war bereits in den 1990er Jahren Regierungschef unter Mubarak. Die Demonstranten fordern die rasche Machtübergabe an eine gewählte Zivilregierung.

Besonders verhasst ist ihnen der Chef das Obersten Militärrats, Hussein Tantawi, der unter Mubarak 20 Jahre lang Verteidigungsminister war. Bereits Ende November waren bei Zusammenstössen in Kairo über 40 Menschen getötet worden.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Sa am 17.12.2011 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Reise nach ägypten?

    Wir haben eigentlich vor in 2 wochen nach Ägypten (sharm el shake) zu fliegen, bin mir aber langsam etwas unsicher ob das eine so gute jdee ist? Kennt sich jemand aus, würdet ihr davon abraten oder reisen? Danke

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  • jaja am 18.12.2011 07:13 Report Diesen Beitrag melden

    tauchen

    solange weiterhin Touristen geld in die kassen der regierung spülen, wird wohl nichts passieren. Es gibt auch noch andere gegenden zum tauchen...

  • Rönz am 17.12.2011 18:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kaum ein Tag

    Mubarak hatte Ägypten Jahrzehnte im Griff. Die neuen Regenten kaum einen Tag!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Beat Trummer am 18.12.2011 09:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Man kann sich auch mal der Wahrheit stellen

    In dem wir diese Länder (nicht nur Ägypten) bereisen, unterstützen wir auch die Machthaber. Nicht mit Geld (von dem haben die eh genug), aber unsere Haltung zeigt doch, dass wir das billigen - Hauptsache unser Reisevergnügen stimmt. Wir können auch da bewusst ein Zeichen setzen und mit dem Boykott dieser Länder Solidarität zur unterdrücken Bevölkerung signalisieren! Mir wäre definitiv die Ferienstimmung versaut, wenn ich am Strand liege derweil um die Ecke Menschen gefoltert und getötet werden. Aber die rechtzeitige Sonnenbräune zu Weihnachten ist natürlich für uns reichen Erdenbürger allemal wichtiger - damit lässt sich nach der Rückkehr viel kompetenter im Büro Kritik an den offensichtlich massiven Menschenrechtsverletzungen üben. Sorry! Das war hier ja nicht die Frage - es geht ja um die eigene Sicherheit und um unsere Wertsachen - ja, da kann ich nur versichern, dass das Militär gute Arbeit leistet. Viel Spaß allen Sonnenhungrigen in den Touristen-Ghettos!

  • zoyah am 18.12.2011 08:17 Report Diesen Beitrag melden

    Reisen in Ägypten

    Reisen in Länder wo Menschen wegen Demonstrationen getötet werden sind pietätslos. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

  • jaja am 18.12.2011 07:13 Report Diesen Beitrag melden

    tauchen

    solange weiterhin Touristen geld in die kassen der regierung spülen, wird wohl nichts passieren. Es gibt auch noch andere gegenden zum tauchen...

  • Lili am 17.12.2011 21:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sharm

    Wir würden auch jetzt nach Sharm fliegen, sofern das EDA keine Warnung ausspricht.

  • Sa am 17.12.2011 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Reise nach ägypten?

    Wir haben eigentlich vor in 2 wochen nach Ägypten (sharm el shake) zu fliegen, bin mir aber langsam etwas unsicher ob das eine so gute jdee ist? Kennt sich jemand aus, würdet ihr davon abraten oder reisen? Danke

    • RaWa am 17.12.2011 19:49 Report Diesen Beitrag melden

      EDA Nachfragen

      Da fragst am bessten beim EDA nach.

    • Pma am 17.12.2011 20:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ferien in Sharm

      ich war vor 3 Wochen in Sharm. Ausser mehr Polizei und Militär ist dort nichts weiter ersichtlich, dass auf Unruhen weisen würde. Die Menschen leben dort sehr intensiv vom Tourismus inkl. Polizei und Militär und sind sich der Folgen sehr bewusst, wenn die Leute nicht mehr kommen. Sie haben dies sehr schmerzhaft bei den letzten Unruhen erfahren. Wünsche trotzdem schöne Ferien.

    • Expat am 17.12.2011 20:07 Report Diesen Beitrag melden

      Kein Problem

      Ich lebe in Kairo und war auch heute unterwegs in der Stadt ohne irgendwelche Probleme gehabt zu haben. Die Ausschreitungen sind sehr Lokal und wenn man die Umgebung des Tahrir Platzes meidet, ist die Stadt sehr sicher. Sharm ist hunderte von Kilometer weit weg, also machen Sie sich keine Sorgen und geniessen Sie Ihren Urlaub!

    • B.A. am 17.12.2011 20:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Reise nach Ägypten

      Von einer Reise nach Sharm el Sheik würde ich nicht abraten.Die Unruhen beschränken sich auf die Umgebung des Tahrirplatzes in Kairo.Ich selbst fliege in 1Woche nach Hurghada und habe überhaupt keine Bedenken.

    • Schläpfer Andreas am 17.12.2011 20:30 Report Diesen Beitrag melden

      Andere Dest.

      Ich würde eine andere Dest.besuchen. War gerade dort und habe meine Mutter besucht. Sharm ist relativ sicher, ist aber eh nicht mehr schön. Zu überbaut.

    • DieTaucherin am 17.12.2011 20:54 Report Diesen Beitrag melden

      Ich würde gehen..

      Du wirst dort nicht viel davon merken..Du kannst Dich immer beim EDA erkundigen (Reisewarnungen). Mein Mann ist gerade in Hurghada und hat es auch nur im TV gesehen. Ich war schon oft in Ägypten und hätte kein Problem, jetzt dorthin zu fliegen. Vielleicht nicht gerade nach Kairo ;-)

    • susana ibrahim am 17.12.2011 21:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      schöne ferien

      hallo,war gerade in cairo.die unruhen sind lokal auf den taharir platz beschränkt.cairo ist eine 20 milionen stadt.man kann sehr gut das ganze umgehen.gehen sie beruhigt nach sharm.schoene ferien.

    • Fabienne am 17.12.2011 22:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Unbegründete Angst

      Ich lebe seit einigen Jahren im südlichen Ägypten und kenne inzwischen viele Leute, die in Sharm El Sheik, Kairo und Hurghada leben. Die Angst, Urlaub hier zu machen ist zwar verständlich aber wirklich unnötig. Klar in die Nähe des Thair Platzes sollte man nicht gehen. Aber alles andere ist sicher. Man bedenke, dass die Ägypter auch wissen, dass der Tourismus hier sehr wichtig ist für die Wirtschaft und sie werden diese Einkommensquelle auf jeden Fall schützen.

    • Sariyah am 18.12.2011 04:05 Report Diesen Beitrag melden

      Sprachaufenthalt

      Ende Januar gehe ich für einen Monat nach Ägypten. Ironischerweise befindet sich das Studentenheim und die American University gleich in der Nähe des Platzes. Ich hoffe natürlich, dass sich die Situation bis dahin nicht verschlechtert, es muss jedoch einiges passieren, dass ich meinen lang erwünschten Sprachaufenthalt nicht durchführe...

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