Gazastreifen

20. Juli 2014 19:36; Akt: 20.07.2014 21:27 Print

Tausende fliehen vor israelischer Offensive

Das israelische Militär rückt in ein dicht besiedeltes Viertel von Gaza-Stadt ein. Zehntausende Palästinenser verlassen ihre Häuser. Gegen hundert Menschen starben am Wochenende.

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Tausende Palästinenser haben in der Nacht zum 20. Juli nach stundenlangem israelischem Bombenfeuer auf den Vorort Sadschaija von Gaza-Stadt ihre Häuser verlassen, um irgendwo Schutz zu finden. Das Pulverfass Sadschaija liegt unweit der israelischen Grenze. Ganze Strassenzüge sahen dort am Sonntag aus, als hätte es ein zerstörerisches Erdbeben gegeben. Bewohner aus Sadschaija erzählen, dass der Beschuss am Samstagabend angefangen hat und immer schlimmer wurde. Die Rettungskräfte konnten wegen des Bombenhagels unmöglich vordringen. Deshalb mussten die Familien ihre müden Kinder tragen und zu Fuss los, um Gaza-Stadt zu erreichen. Tausende Menschen liessen Sadschaija am Sonntagmorgen in Panik hinter sich, eilten vorbei an zerbombten Häusern und verbrannten Leichen auf den Strassen. Mindestens 50 Menschen wurden bei den israelischen Angriffen auf den Vorort allein am Sonntag getötet, 17 Kinder waren darunter. Bombendonner, Rauchschwaden, Schutt - und mittendrin eine alte Frau im Rollstuhl. Die linke Hand verkrampft um einen Stock, daran bläht sich im Wind ein weisser Fetzen als Zeichen der Kapitulation. Auch diese beiden Männer zeigen die weisse Flagge, während sie von ihrem Zuhause fliehen. Unzählige Verletzte schleppten sich ins Schifa-Spital im Zentrum von Gaza-Stadt. Ein verwundetes Mädchen wird ins Spital getragen. Die meisten Verletzten waren von Granatsplittern getroffen worden. Auch eine Frau mit Russ im Gesicht wird, begleitet von zwei Männer, eingeliefert. Rettungswagenfahrer wurden von verzweifelten Bewohnern angebettelt und angeschrien, aber in viele Gebiete kämen sie eben schlichtweg nicht hinein. Menschen, die am Sonntagmittag noch immer in Sadschaija festsassen, beschrieben eine Hölle auf Erden.

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Israelische Soldaten haben sich bei ihrer Bodenoffensive am Sonntag in Gaza-Stadt heftige Gefechte mit Kämpfern der radikalislamischen Hamas geliefert. Panzer und Flugzeuge beschossen das Viertel Schidschaija, während die Bodentruppen vorrückten. Nach Angaben von Ärzten wurden mindestens 87 Palästinenser getötet worden. Allein im dicht besiedelten Gaza-Stadtteil Sadschaija kamen 62 Menschen ums Leben. Auf israelischer Seite fielen 13 Soldaten.

Die Rettungsdienste zählten unter den Opfern im Stadtteil Sadschaija 14 Frauen und 17 Kinder. Augenzeugen sprachen von Dutzenden Leichen, die auf den Strassen gelegen hätten. Hunderte Menschen wurden verletzt.

Seit Beginn des Militäreinsatzes im Gazastreifen am 8. Juli sind damit nach Angaben des dortigen Gesundheitsministeriums mindestens 425 Palästinenser getötet worden. Israel meldete insgesamt 20 Tote, darunter zwei Zivilisten.

Die internationale Gemeinschaft drang weiter auf eine Waffenruhe. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon war in Katar, wo er sich unter anderem mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Hamas-Führer Chaled Maschaal treffen sollte. Die Hamas hatte ein von Ägypten vermitteltes Angebot einer Waffenruhe abgelehnt und hofft stattdessen auf einen Alternativplan Katars und der Türkei, denen sie mehr vertraut als Ägypten, das im eigenen Land hart gegen die Muslimbruderschaft vorgeht.

Tausende Soldaten im Einsatz

US-Aussenminister John Kerry erwähnte die katarischen und türkischen Bemühungen nicht, er rief die Hamas am Sonntag aber auf, Vernunft zu zeigen und dem Plan Ägyptens zu folgen. Eine Einigung über eine Waffenruhe dürfe keine «Belohnungen für terroristisches Verhalten» beinhalten, fügte er hinzu. Die Hamas will Garantien, dass die Gaza-Blockade gelockert wird, bevor sie die Waffen niederlegt. Kerry kündigte an, vermutlich in den kommenden Tagen in die Region zu reisen.

Die Kämpfe in Schidschaija waren die blutigsten, seit das israelische Militär zusätzlich zu ihren Luftangriffen in der Nacht zum Freitag eine Bodenoffensive mit Tausenden Soldaten und Panzern gestartet hatte. Erklärtes Ziel ist die Zerstörung von Tunneln und Arsenalen der Hamas.

Die Armee sei in Schidschaija auf erbitterten Widerstand von Extremisten gestossen, die von Hausdächern aus mit Panzerabwehrraketen, Granatenwerfer und Maschinengewehren gefeuert hätten, sagte Militärsprecher Peter Lerner. Die Zivilbevölkerung sei schon zuvor gewarnt und zur Evakuierung aufgefordert worden. Aus dem Viertel seien in den vergangenen Wochen besonders viele Raketen auf Israel abgefeuert worden.

Über 80'000 Palästinenser in Notunterkünften

Insgesamt 35'000 Menschen flohen nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza vor den Kämpfen am Sonntag. Viele von ihnen suchten Zuflucht in den Unterkünften der Vereinten Nationen. Dort seien bereits 81'000 Palästinenser untergebracht, teilte das UN-Flüchtlingshilfswerk für Palästina mit.

Bei dem Angriff auf Schidschaija wurden nach Angaben Lerners zehn Schächte gefunden, die zum Tunnelnetzwerk der Hamas gehören, das bis nach Israel reicht. Gezielt nahm Israel ranghohe Funktionäre der Palästinenserorganisation unter Beschuss. In Schidschaija wurden nach palästinensischen Angaben der Sohn, die Schwiegertochter und zwei Enkel des Hamas-Führers Chalil al-Haja getötet. Al-Haja gelobte Vergeltung. «Das Blut meines Sohnes und der Märtyrer wird nicht vergeudet sein und der Widerstand wird weitergehen», sagte er einem örtlichen Radiosender der Hamas.

(sda)