Geflüchtete Saudiaraberin

07. Januar 2019 15:59; Akt: 07.01.2019 15:59 Print

«Sie hat momentan keine andere Möglichkeit mehr»

von S. Strittmatter - Die 18-jährige Rahaf Mohammed al-Kunun kämpft gegen ihre Abschiebung nach Saudiarabien. Sie befürchtet, von der eigenen Familie ermordet zu werden. Das sind die Hintergründe.

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Die Saudiaraberin Rahaf Mohammed al-Kunun hat sich am Flughafen von Bangkok in ihrem Hotelzimmer verschanzt. Die 18-Jährige befand sich auf der Durchreise nach Australien, wo sie Asyl beantragen wollte, als ihr der Pass abgenommen wurde. Die junge Frau beschuldigt ihre Familie, sie für sechs Monate in einem Zimmer eingesperrt zu haben, weil sie sich die Haare geschnitten hatte. Sie fürchtet die Gewalt ihrer Familie: «Ich bin zu 100 Prozent sicher, dass sie mich umbringen werden», sagte sie gegenüber der Nachrichtenagentur AFP.

Die tunesisch-schweizerische Romanistin und islamische Menschenrechtsaktivistin Saïda Keller-Messahli beurteilt den Fall im Gespräch mit 20 Minuten.

Frau Keller-Messahli, die junge Frau sagt, sie befinde sich nach einer Rückkehr nach Saudiarabien in Lebensgefahr. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ja, das ist eine absolut berechtigte Befürchtung. Weil die Repressionen gegenüber Frauen in diesem sogenannt islamischen Land enorm sind. Die männlichen Mitglieder ihrer Familie beurteilen diesen Ausbruch als Ehrverletzung. Dass einer jungen Frau die Flucht gelungen ist, ist in ihren Augen eine Schande. Gerade jetzt, da das alles so publik wird.

Geflüchtet ist die Frau, weil sie von der eigenen Familie sechs Monate eingesperrt worden sein soll, weil sie sich die Haare geschnitten hatte. Ist auch das glaubhaft?
Leider ja. In diesem Milieu, das sich als islamisch bezeichnet, wird die Tatsache, dass sich eine junge Frau schön macht, als Frechheit empfunden. Eine Frau darf ihren Körper und ihre Weiblichkeit nicht betonen. Denn in dem Verständnis, mit dem der Islam in Saudiarabien ausgelegt wird, muss eine Frau der Norm entsprechen und möglichst unscheinbar sein. Ausdruck von Individualität ist unerwünscht. Das kennzeichnet jede totalitäre Gesellschaft.

«In diesem Milieu wird die Tatsache, dass sich eine junge Frau schön macht, als Frechheit empfunden.»

Verstösse gegen diese Vorstellung werden mit Gewalt geahndet. Ist das denn im Rahmen der saudiarabischen Gesetzgebung legal?
Sie haben ja gesehen, was mit Jamal Khashoggi passiert ist. Saudiarabien ist ein Land, das so eine obszöne Art von Islam lebt – mit Hinrichtungen und Steinigungen im öffentlichen Raum. Sie nehmen für sich in Anspruch, nach der Scharia zu leben, dieses islamische Gesetz rigoros einzuhalten. Und was das bedeutet, das sehen wir auch beim IS, wo Menschen abgeschlachtet werden. Und der IS beruft sich auf die gleichen Gesetze wie die Saudis, die beiden sind sich absolut verwandt. Der IS ist eigentlich eine Kopie des saudischen Systems.

Im schlimmsten Fall, wenn die junge Frau zurückkehren müsste und von ihrer Familie umgebracht würde, müssten die Täter keine rechtlichen Folgen fürchten?
Sie würden sich dann durch das Gesetz hindurch mogeln. Sie hätten auf jeden Fall die Sympathien auf ihrer Seite, weil in den Köpfen der meisten Leute wird die Schuld stets bei der Frau gesucht – im Übrigen auch bei einer Vergewaltigung. Die Leute sind da so konditioniert, dass sie der Ansicht wären, die Männer hätten bloss die Ordnung wiederhergestellt.

Was am aktuellen Fall zusätzlich irritiert, ist, dass die junge Frau in Thailand aufgehalten worden ist. Greift der Fangarm der Saudis also auch in andere Länder?
Ja. Anscheinend bestehen da Kanäle, die aktiviert wurden. Ich nehme an, dass ein Familienmitglied die Botschaft informiert hat. Da wurde man dann aktiv und hat jemanden abgesandt, der der Frau am Flughafen den Pass abnahm.

Wozu denn dieser Aufwand?
Die Saudis sind sehr darauf bedacht, solche Skandale unter den Tisch zu wischen. Es ist sehr bedenklich, wie dieser Machtapparat auch im Ausland Wirkung zeigt.

Wobei der Fall ja erst eine breite Öffentlichkeit erlangte, nachdem die Botschaft eingegriffen hatte. Man hätte die Frau ja einfach fliehen lassen können.
Das ist in der Tat widersprüchlich. Aber die Saudis probieren ein poliertes Bild abzugeben. Man will der Welt ja auch weismachen, dass eine neue Ära angebrochen sei, in der man den Frauen mehr Rechte zugestehe ...

... Zum Beispiel dürfen Frauen seit Kurzem Auto fahren ...
Ja, angeblich. Dann ist aber so eine Frau wie jetzt ein Ausreisser, den sie unter den Teppich kehren wollen. Aber das gelingt ihnen nicht, gerade im Zeitalter des Internets. Es zeigt, wie absurd es ist, im 21. Jahrhundert nach der Scharia leben zu wollen. Das ist in sich schon ein Widerspruch und einfach nicht mit unserer Zeit kompatibel.

Sie sprechen den Gang an die Öffentlichkeit an. Sind Twitter und Facebook die Waffen, die junge Frauen einsetzen können?
Ja, diese Generation ist mit den Möglichkeiten der sozialen Medien aufgewachsen. Sie wissen, dass sie auf diesen Kanälen nach Hilfe rufen können. Im Gegenzug ist die Repression umso brutaler.

«Diese Generation weiss, dass sie auf Social Media nach Hilfe rufen können.»

Die junge Saudiaraberin hat geschrieben, sie habe nun nichts mehr zu verlieren.
Ja, spätestens nach ihrem Tweet stellt sie ja das Image der heilen Welt der Saudis komplett in Frage, nun muss sie mit dem Schlimmsten rechnen. Dabei ist dieser traurige Fall ja kein Einzelfall, auch junge Männer, die sich gegen das System in ihrem Land auflehnen, werden verfolgt. Der Schritt an die Öffentlichkeit ist für alle das Letzte, das sie machen können.

Die 18-Jährige hat also nicht unüberlegt gehandelt?
Nein, sie schätzt die Situation richtig ein. Sie hat momentan keine andere Möglichkeit mehr. Ihr kann nun nur die internationale Aufmerksamkeit helfen.

Besteht in Ihren Augen Hoffnung auf ein Happy-End?
Ich hoffe es sehr, dass sich jetzt eine Menschenrechtsorganisation einschaltet.

Thailand hat soeben angekündigt, die Frau nicht gegen ihren Willen zurückzuschicken.
Das freut mich sehr für sie. Wenn es nicht bloss ein Lippenbekenntnis ist. Es kommt nun darauf an, wie Thailand gegenüber Saudiarabien auftritt. Man muss nun bewirken, dass die Frau sofort ihren Pass zurückbekommt, damit sie nach Australien weiterreisen kann.

Und dort ist sie dann sicher?
Ich befürchte, dass sie auch in Australien früher oder später ausfindig gemacht wird. Sie wird wohl nie mehr ein Leben in Ruhe geniessen können. Die Tentakeln der Saudis reichen weit.