28. April 2005 14:05; Akt: 28.04.2005 14:08 Print

Trauer trotz Befreiung

Ganz Moskau war lärmend und lustig», erinnert sich Stalins Tochter Swetlana an den 9. Mai 1945.

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«»Papa, ich gratuliere dir zum Sieg!», konnte ich nur sagen, dann musste ich weinen», gab die damals 21-Jährige später zu Protokoll.

Doch der Tag der deutschen Kapitulation brachte nicht nur Jubel. Weltweit herrschte Trauer um Kriegstote. 50 Millionen Menschen kamen nach jüngsten Schätzungen um. Millionen wurden versehrt oder verloren ihre Heimat - Zahlen, die auch heute nur schwer vorstellbar sind.

Fast alle Staaten waren betroffen, kein Konflikt in der Geschichte war so verheerend. Die meisten Kriegstoten hatte die Sowjetunion mit mindestens 20 Millionen getöteten Zivilisten und Soldaten. Dahinter folgt China mit 15 Millionen Opfern. In Europa ist dies kaum bekannt.

Opfer als Politikum

Die Zahlen erzählen trotz oder gerade wegen ihrer unverstellbaren Höhe wenig von dem Elend auf den Schlachtfeldern der Welt. Dennoch: Kurz nach der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands wurden Opferzahlen zum politischen Argument.

Stalin betonte beim Feilschen um Reparationen immer wieder die höhere Opferzahl seines Volkes im Vergleich zu Grossbritannien und den USA. London beklagte die vergleichsweise niedrige Zahl von 386 000 Toten, Washington 400 000.

Auf deutscher Seite starben aus Historiker-Sicht mehr als sieben Millionen Menschen, davon eine halbe Million Zivilisten im Land selbst. Rund zwei Millionen kamen auf der Flucht um. Mindestens sechs Millionen Menschen waren von den Nazis systematisch vernichtet worden.

Dies ist zugleich die einzige relativ sichere Zahl. Bei allen anderen gibt es grosse Schwankungen, Die Zahl der polnischen Opfer wird zwischen 4,5 und 6 Millionen angegeben, die der deutschen zwischen 3,3 und mehr als 9 Millionen. Viele Dokumente verbrannten.

Tabu: deutsche Opfer

Nach der Kapitulation Hiterdeutschlands zogen acht bis zehn Millionen ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene durch das verwüstete Land. Mehr als elf Millionen Deutsche waren in alliierter Gefangenschaft, erst 1955 kehrten die letzten aus Russland zurück.

Im Blick auf die Millionen Toten in aller Welt galt es lange als Tabu, deutsche Opfer hervorzuheben. Seit einem Buch über den Bombenkrieg und Günther Grass' Novelle «Im Krebsgang» mehren sich in jüngster Zeit jedoch die Stimmen, die auch auf das Leid von Deutschen hinweisen.

Ein deutscher Historiker verweist zugleich auf die Chronologie: Vor dem deutschen Leid stand die deutsche Aggression.

(sda)