Im Stich gelassen

27. Dezember 2011 21:13; Akt: 28.12.2011 12:39 Print

US-Bürokratie überlässt Iraker ihrem Schicksal

Weil ihre Visa in Washington hängen bleiben, müssen tausende irakische Dolmetscher um ihr Leben fürchten. Nach dem Abzug der USA blasen Milizen zur Jagd auf die «Verräter».

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Ein irakischer Dolmetscher (Mitte) unterhält sich im Juni 2007 mit einem Landsmann (rechts) in der Region Bakuba. Solche «Kollaborateure» fürchten speziell nach dem Abzug der USA um ihr Leben. (Bild: Keystone/AP/Ssgt Antonieta Rico)

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Als sich die USA 1975 aus Vietnam zurückzogen, evakuierten sie innerhalb von nur zwei Tagen über 7000 Personen aus Saigon durch die Luft. Darunter befanden sich viele vietnamesische Zivilisten, die sich vor den anrückenden Kommunisten aus dem Norden in Sicherheit bringen wollten. Gegenüber den Irakern zeigt sich die Supermacht heute weniger zuvorkommend.

Dabei klingt der Deal ebenso einfach wie verlockend: Ein Jahr mit der Besatzungsmacht kooperieren und danach mit einem Spezialvisum in die USA umsiedeln. Der Job ist gefährlich: Wer im Irak mit den Amerikanern arbeitet, gilt vielen als Verräter. Schutz vor Verfolgung bietet einzig die Auswanderung. Doch die Ausstellung der begehrten Visa ist ins Stocken geraten. Nachdem Mitte Dezember die letzten US-Truppen das Land verlassen haben, fürchten deren ehemalige Mitarbeiter um ihr Leben.

Nur neun Visa pro Monat

Über 140 000 Iraker arbeiteten während des achtjährigen Kriegs mit den Amerikanern zusammen. Zehntausende haben sich für ein Spezialvisum beworben. Seit einer Gesetzesänderung 2008 stehen der US-Botschaft in Bagdad theoretisch 25 000 solcher Visa über einen Zeitraum von fünf Jahren zur Verfügung. Bis dato sind laut US-Aussenministerium aber nur 7000 ausgestellt worden. 30 000 befinden sich in Bearbeitung. Der Ablauf wurde im laufenden Jahr zusätzlich verlangsamt, als die US-Regierung ein strengeres Prüfverfahren anordnete. Im gesamten Monat April kamen gerade einmal neun Personen in den Genuss eines Visums. Der US-Botschafter in Bagdad James Jeffrey gesteht die Verzögerungen ein und verweist auf die Bürokratie in Washington.

Die durchschnittliche Wartezeit beträgt inzwischen neun Monate. «Das ist verrückt», sagte ein irakischer Dolmetscher gegenüber Al Jazeera. «Alle um mich herum wissen, dass ich für die Amerikaner gearbeitet habe.» Also wartet er, in ständiger Angst, von einer Miliz aufgespürt und umgebracht zu werden. Laut einem Bericht der irakischen Zeitung «Sabah al-Jadid» haben einige begonnen, Unterlagen über ihre frühere Tätigkeit zu vernichten. Über 18 000 sind laut der UNO in die Nachbarländer Syrien und Jordanien geflohen und warten dort auf Bescheid aus Bagdad. Weder die irakischen noch die amerikanischen Behörden führen Statistik, aber laut Al Jazeera sind seit Kriegsbeginn über 300 Iraker wegen Kollaboration getötet worden.

Behörden verschachern Informationen

Ein anderer irakischer Dolmetscher, der über zwei Jahre in den Diensten der Amerikaner stand, bewarb sich im November 2010 für eines der Spezialvisa. Dreizehn Monate später wartet er immer noch auf eine Antwort. Bereits hat er mehrere anonyme Telefonanrufe bekommen, in denen er als Verräter beschimpft wurde. Was ihn besonders beunruhigt: Die Anrufer wissen über ihn und seine frühere Tätigkeit genauestens Bescheid. Sie kennen seinen Namen, wo und wann er eingesetzt wurde und was er genau machte.

Er vermutet, dass gut informierte Kreise seine Informationen an eine Miliz verraten haben, die nun Jagd auf ihn macht. Während der Wiederaufbauphase flossen reichlich Hilfsgelder durch die irakischen Amtsstuben, doch viele dieser Quellen sind seit dem Abzug der Amerikaner versiegt. Um trotzdem weiterhin an Geld zu kommen, verkaufen korrupte Beamte die Kontakte ehemaliger irakischer Mitarbeiter offenbar an militante Gruppen.

(kri)