Pentobarbital

18. November 2010 09:26; Akt: 18.11.2010 09:58 Print

US-Staat will Menschen wie Tiere hinrichten

Weil der Nachschub des einzig zugelassenen Wirkstoffs stockt, soll in Oklahoma ein Todeskandidat mit einem Medikament getötet werden, das sonst nur bei Tieren eingesetzt wird.

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Oklahoma will in der Not seine Todeskandidaten mit dem Wirkstoff Pentobarbital hinrichten. (Bild: Keystone/AP/Chuck Robinson)

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Im US-Bundesstaat Oklahoma laufen Anwälte eines Todeskandidaten gegen das Vorhaben Sturm, erstmals ein Tierbetäubungsmittel bei einer Hinrichtung einzusetzen, berichtet die «Welt». Die Behörden begründen den umstrittenen Schritt mit Lieferengpässen. Weil das sonst verwendete Medikament Thiopental knapp geworden ist, mussten bereits einige Bundesstaaten Hinrichtungen aufschieben.

Der einzige Hersteller von Thiopental in den USA, der Pharmakonzern Hospira, kann voraussichtlich erst Anfang 2011 wieder liefern. Ob ersatzweise das Tierbetäubungsmittel Pentobarbital eingesetzt werden darf, soll ab dieser Woche ein US-Bundesgericht klären.

Todeskandidat als «Versuchskaninchen»

Eingesetzt werden soll das Ersatzmittel bei dem 58-jährigen Todeskandidaten John Duty. Seine Anwälte protestierten heftig und werfen Oklahoma vor, ihren Mandanten als «Versuchskaninchen» zu missbrauchen. Denn bisher ist Thiopental das einzige Betäubungsmittel, das bei der Vollstreckung der Todesstrafe in den USA zugelassen ist.

«Dieses Medikament ist deshalb so wichtig, weil es bei richtiger Anwendung den Verurteilten bewusstlos macht, so dass er von der zweiten und der tödlichen dritten Injektion nichts mehr mitbekommt», sagt Elisabeth Semel, Professorin an der kalifornischen Berkeley-Universität. Die Expertin sieht den Einsatz von Pentobarbital als Ersatz kritisch: «Wenn ein anderes Betäubungsmittel benutzt wird, ein unbekanntes Mittel, dann wissen wir nicht, ob die Mischung stimmt und ob das Personal erfahren genug ist, um es richtig anzuwenden.»

Oklahoma könnte Präzedenzfall schaffen

Auch Megan McCraken, als Anwältin auf Fälle von Todesstrafe spezialisiert, hält den Einsatz von Pentobarbital für riskant. Sie verweist auf ein Urteil des Obersten Gerichtshofs von 2008: «Dort wurde eingeräumt, dass der Einsatz des zweiten und dritten Gifts äusserst qualvoll ist, wenn die erste Injektion versagt.»

Wegen der Lieferengpässe war am 27. Oktober in Arizona der 48-jährige Jeffrey Landrigan bereits mit einer Dosis Thiopental unbekannter Herkunft hingerichtet worden. Den Import hatte eigens der Oberste Gerichtshof autorisieren müssen. Um auf Importe von ausserhalb der USA verzichten zu können, soll bei Duty in Oklahoma nun Pentobarbital ausprobiert werden.

Viele Rechtsexperten haben aber Bedenken. Der Bundesstaat dürfe nicht einfach heimlich ein neues Medikament einsetzen, ohne vorher zu untersuchen, ob es ebenso wirksam sei, sagt die Juristin Jen Moreno. Elisabeth Semel moniert, die Entscheidung sei unter Ausschluss der Öffentlichkeit getroffen worden. Oklahoma schaffe damit einen Präzedenzfall, «ganz nach dem Motto: Vertraut uns, wir wissen, was wir tun, und ihr solltet uns einfach wie immer hinter verschlossenen Türen entscheiden lassen.»

Auch zur Sterbehilfe eingesetzt

Die Vollzugsbehörden argumentieren, Pentobarbital sei keineswegs unerprobt. Das Medikament werde schon lange von Tierärzten zur Betäubung eingesetzt und sei bereits an Menschen getestet worden. Bei einer Anhörung am kommenden Freitag will sich der zuständige Bundesrichter Stephen Friot über den Stand der Forschung informieren. Erst dann soll die Entscheidung fallen, ob Pentobarbital zugelassen wird. Davon hängt ab, ob der verurteilte Mörder und Vergewaltiger Duty am 16. Dezember hingerichtet wird oder nochmals einen Aufschub bekommt.

Der britische «Guardian» weist darauf hin, dass Pentobarbital keineswegs nur Tieren verabreicht wird. Sterbehilfeorganisationen wie Dignitas in der Schweiz setzen den Wirkstoff ebenso ein wie der US-Bundesstaat Oregon, dessen Gesetzgebung die Praxis erlaubt.

(kri)