Plus 50 Prozent

07. Mai 2014 15:29; Akt: 07.05.2014 15:29 Print

US-Stadt testet welthöchsten Mindestlohn

Demnächst stimmen wir über die Erhöhung des Mindestlohns ab. Da lohnt es sich, einen Blick über den Tellerrand hinaus zu werfen. Etwa auf die US-Westküste.

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Je grösser die Ungleichheit wird, desto lauter werden die Rufe nach höheren Gehältern. Nicht nur in der Schweiz, auch in den USA steht der Mindestlohn mitten auf der politischen Tagesordnung. Für Präsident Barack Obama gehört es zu den wichtigsten Vorhaben seiner zweiten Amtszeit, den minimalen Stundenlohn von 7.25 Dollar heraufzusetzen.

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Die wahre Action findet jedoch ausserhalb Washingtons statt. In der Stadt Seattle im US-Nordwesten hat Bürgermeister Ed Murray letzte Woche angekündigt, den Mindestlohn auf 15 Dollar anzuheben. Das sind rund 50 Prozent mehr als der gegenwärtige Minimallohn von 9.32 Dollar im Gliedstaat Washington, zu dem Seattle gehört. Da in der Heimat von Boeing und Microsoft die Demokraten das städtische Parlament kontrollieren, gilt als ausgemacht, dass Seattles markante Erhöhung abgesegnet wird.

Sogar mehr als in der Schweiz

15 Dollar pro Stunde tönt nicht nach viel. Nach Kaufkraft korrigiert, würden Seattles Arbeitgeber jedoch die höchsten Mindestlöhne der Welt entrichten, schreibt Jordan Weissmann in «Slate». In Australien entspreche das dort geltende Mindestgehalt von 15 Dollar einem realen Lohn von bloss zehn Dollar, gleich viel wie in Frankreich oder Belgien. Laut «Bloomberg» ist sogar der in der Schweiz zur Abstimmung kommende Mindestlohn von 22 Franken im Kaufkraftvergleich bloss 14 Dollar wert.

Wie sich der starke Anstieg wirtschaftlich auswirken wird, weiss niemand. Bisherige Studien in den USA untersuchten meist nur kleine Erhöhungen des in den 1930er-Jahren eingeführten staatlichen Mindestlohns. Und selbst bei diesen sind die Resultate kontrovers. Zwingt ein Gesetz Löhne nach oben, gehen kurzfristig meistens Arbeitsplätze verloren. Aber nach einer Umfrage des letzten Jahres halten amerikanische Ökonomen den längerfristigen Nutzen einer Erhöhung des Mindestlohns für niedrige Einkommensklassen für wichtiger.

Jobs könnten in die Vororte wandern

Im Fall von Seattle beträfe die Heraufsetzung 102’000 Arbeiterinnen und Arbeiter mit Stundenlöhnen von weniger als 15 Dollar. Deren Arbeitgebern würde es leicht fallen, die Jobs in die Vororte auszulagern, wo ein tieferer Minimallohn gilt. Fachleute glauben, dass der Jobabbau jene am meisten schädigen würde, die am schlechtesten ausgebildet seien: junge Schwarze und Angehörige von Minderheiten. Weissmann sorgt sich um die Folgen: «Es gibt einigen Grund zur Annahme, dass die Resultate hässlich aussehen werden.»

Bei einer Heraufsetzung des nationalen Mindestlohns könnte niemand Jobs in eine andere US-Stadt oder einen anderen Gliedstaat verschieben. Nach Berechnungen des unparteiischen «Congressional Budget Office» würde die vom Kongress erwogene Erhöhung auf 10.10 Dollar bis 2016 national eine halbe Million Arbeitsplätze kosten. Doch sie würde gleichzeitig gegen eine Million Familien mit ihrem Einkommen über die Armutsgrenze stemmen.

Mehrheiten sind für eine Erhöhung

Beim Volk ist die Idee einer Heraufsetzung populär. Rund 70 Prozent von Befragten sprechen sich in der Regel für höhere Mindestlöhne aus. Diese Stimmung spiegelt, dass insgesamt 21 US-Gliedstaaten und der Hauptstadtbezirk bereits jetzt höhere Minimallöhne kennen als der Bundesstaat. Der nationale Mindestlohn betrifft bloss 3,3 Millionen Arbeitnehmer.

Gleichwohl kommt in Washington nichts voran. In der vergangenen Woche versuchte die demokratische Mehrheit im US-Senat, eine Vorlage zur Heraufsetzung des Mindestlohns auf 10.10 Dollar voranzubringen. Doch sie fand keine Mehrheit. Die Republikaner sorgten dafür, dass der Vorstoss nicht einmal zur Abstimmung gelangte.

Obama nutzt das Thema für den Wahlkampf

Kaum war das Senatsgeschäft vorüber, stand Präsident Barack Obama vor eine Kulisse von Mindestlohn-Beschäftigten und geisselte die Hartherzigkeit der Republikaner. «Sie sagten Amerikanern wie diesen hier, dass sie auf sich allein gestellt seien – ohne ihnen in die Augen zu blicken.» Obama will das Thema jetzt als Wahlargument nutzen. Er rief das Publikum auf, sich für einen höheren Mindestlohn einzusetzen und in den Kongresswahlen Kandidaten zu wählen, die «Amerika eine Lohnerhöhung geben» wollen.

Bis Wahlen die Verhältnisse in der Hauptstadt verändern, sind für höhere Mindestlöhne Amerikas Gliedstaaten und Städte zuständig. Ökonomen werden genau beobachten, wie sich die Heraufsetzungen auswirken. Jordan Weissmann ist deshalb froh um das 15-Dollar-Experiment von Seattle: «Es ist besser, wenn der Arbeitsmarkt einer Stadt zusammenbricht als der eines ganzen Landes.»

(sut)