Truppenabzug aus Syrien

20. Dezember 2018 13:48; Akt: 20.12.2018 19:50 Print

«Es ist hart zu sehen, wie brutal der IS Krieg führt»

Der Abzug der US-Soldaten aus Syrien beeinflusst das Kräfteverhältnis im Konflikt stark. Trump wird von den Verbündeten für seine Entscheidung kritisiert.

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Der von US-Präsident Donald Trump angekündigte Truppenabzug aus Syrien hat heftigen Widerspruch und Besorgnis bei internationalen Verbündeten und in Washington ausgelöst. Wie zuvor Grossbritannien verwies Frankreich am Donnerstag auf die anhaltende Bedrohung durch den IS und erklärte, es halte an seiner Militärpräsenz in Syrien fest. Trumps Entschluss bedeutet eine Abkehr von der langjährigen US-Politik gegenüber Syrien und der Region.

«Wir haben gegen ISIS gewonnen», sagte Trump in einem auf Twitter veröffentlichten Video mit Blick auf die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). «Wir haben das Land zurückerobert. Und nun ist es an der Zeit, dass unsere Soldaten nach Hause zurückkehren.»


«Der Kampf gegen den Terrorismus ist nicht beendet»

Der US-Präsident hatte am Mittwoch erklärt, er sehe die Mission der US-Armee in Syrien mit dem Sieg über die Dschihadistenmiliz als erfüllt an. Seine Sprecherin Sarah Sanders sagte, der Rückzug der 2000 Soldaten sei bereits eingeleitet worden.

Die französische Verteidigungsministerin Florence Parly erklärte auf Twitter, der IS sei «nicht von der Landkarte gelöscht». Er müsse «endgültig militärisch besiegt» werden. Auch Frankreichs Europaministerin Nathalie Loiseau widersprach: «Der Kampf gegen den Terrorismus ist nicht beendet», sagte sie und verwies auf den Anschlag in Strassburg mit fünf Toten vom 11. Dezember. Deshalb bleibe Frankreich vorerst weiter militärisch in Syrien engagiert.

Auch Deutschland meldet sich

Auch aus London kam heftiger Widerspruch: Die internationale Koalition gegen den IS habe zwar «grosse Fortschritte gemacht», erklärte das britische Aussenministerium, «aber es bleibt viel zu tun». Die Gefahr durch die Dschihadistenmiliz dürfe nicht ausser Acht gelassen werden, da sie auch ohne Territorium eine «Bedrohung» bleibe. Laut der Zeitung «New York Times» wurde Grossbritannien nicht vorab über Trumps Entscheidung informiert.

Bundesaussenminister Heiko Maas (SPD) hat die US-Entscheidung zum Abzug der Truppen aus Syrien scharf kritisiert. «Es besteht die Gefahr, dass diese Entscheidung dem Kampf gegen IS schadet und die erreichten Erfolge gefährdet», erklärte Maas am Donnerstag im Kurzbotschaftendienst Twitter. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) sei zwar zurückgedrängt, aber die Bedrohung sei noch da.

Schweizer in Kurdistan befürchten Attacken des IS

Ein Schweizer, der als Sanitäter im Militärspital in Hasake die kurdischen Volksverteidigungseinheiten in der Demokratischen Föderation Nordostsyrien unterstützt, ahnt die Konsequenzen.

«Wir werden im Kampf gegen den IS geschwächt, weil Erdogan den Truppenabzug der Amerikaner als klares Signal zum Angriff werten wird. Wir müssen Truppen verschieben, die in der Verteidigung gegen die Türkei eingesetzt werden können. Der IS wird die Chance nutzen und uns verstärkt angreifen. Es ist hart zu sehen, wie brutal der IS seinen Krieg führt"», sagt er zu 20 Minuten.

«Niemand behauptet, dass die Mission erfüllt sei.»

Seine jetzige Ankündigung stiess in Washington parteiübergreifend auf Kritik. Der demokratische Senator Jack Reed warf Trump «Verrat» an den Kurden vor und sprach von einem «weiteren Beweis» für die «Unfähigkeit» des Präsidenten, «auf der Weltbühne zu führen».

Erst vergangene Woche hatte Trumps Anti-IS-Beauftragter Brett McGurk versichert, die US-Truppen würden noch eine Weile in Syrien bleiben, da es «noch viele versteckte Zellen gibt» und «kein Mensch so naiv sein wird zu glauben, dass sie einfach verschwinden». Er fügte hinzu: «Niemand behauptet, dass die Mission erfüllt sei.»

Abzug ein Traumszenario für den IS

Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), bisher der wichtigste Partner der US-Streitkräfte im Kampf gegen die IS-Miliz im Norden und Osten Syriens, warnten vor den Folgen für den Kampf gegen den IS. «Er wird negative Auswirkungen auf den Anti-Terror-Einsatz haben», erklärte das kurdisch-arabische Bündnis. Ein US-Abzug werde den Dschihadisten die Möglichkeit geben, sich wieder zu sammeln und einen Gegenangriff zu starten. «Wir versichern der internationalen Öffentlichkeit, dass der Kampf gegen die IS noch nicht beendet ist und dass der Sieg noch nicht erreicht ist.

Der US-Abzug dürfte erhebliche Auswirkungen auf die Kräfteverhältnisse in Syrien haben. Der Nahost-Experte Charles Lister vom Washingtoner Middle East Institute bewertete Trumps Entscheidung als «ausserordentlich naiv und kurzsichtig». Der Abzug sei ein «Traumszenario» für den IS, Russland, den Iran und die Regierung von Syriens Machthaber Baschar al-Assad - «sie alle profitieren erheblich von einem US-Rückzug».

Putin begrüsst den Abzug

Russlands Staatschef Wladimir Putin hat die Ankündigung von US-Präsident Donald Trump zum US-Truppenabzug aus Syrien als «richtig» bezeichnet. «Im Grossen und Ganzen» stimme er mit Trumps Einschätzung überein, dass der IS in Syrien besiegt sei, sagte Putin am Donnerstag bei seiner Jahrespressekonferenz in Moskau. «Wir haben dem IS in Syrien ernsthafte Schläge versetzt», fügte er mit Blick auf die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) hinzu.

Zugleich meldete Putin Zweifel an der konkreten Umsetzung von Trumps Ankündigung an: «Wir sehen noch keine Anzeichen für abziehende US-Truppen, aber ich schätze, dass es möglich ist.»

(zos/afp)