Nach Newtown

15. Januar 2013 14:44; Akt: 15.01.2013 15:27 Print

US-Waffenlobby lanciert Baller-Game

Die Welt ist um einen Ego-Shooter reicher. Diesmal kommt das Game von der mächtigen US-Waffenlobby höchstselbst. Obwohl die NRA Videospiele für Amokläufe verantwortlich macht.

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Seit Montag mischt die National Rifle Association (NRA), die mächtige Waffenlobby der USA, auf dem hart umkämpften Markt für Baller-Games mit. «NRA: Practice Range» schaffte es auf Anhieb in die Schlagzeilen, denn es hat drei Probleme: Es ist schlecht gemacht. Der Zeitpunkt seiner Lancierung ist denkbar schlecht gewählt. Und es entlarvt die NRA-Führung als einen Haufen Heuchler.

Wer ein iPhone oder ein iPad besitzt, kann «NRA: Practice Range» im App Store gratis herunterladen. Davon sei allerdings dringlichst abgeraten, denn das Spiel ist ausgesprochen langweilig. «Fertiger Mist, schlechteste Shooting-App aller Zeiten. Musste ihr einen Stern geben, aber sogar der ist zu viel», lautet eine (von drei) Kundenbewertungen. Möglicherweise gewinnt es an Unterhaltungswert, wenn die kostenlose Standard-Pistole für 99 Cents durch eine AK-47 ersetzt wird.

Abgesehen von diesen Mängeln könnte der Zeitpunkt des Markteintritts kaum schlechter gewählt sein: Es kam auf den Tag genau einen Monat nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School, bei dem 28 Menschen ums Leben kamen, in den App Store. Wie die «Huffington Post» betont, könnte die NRA hier einfach Pech gehabt haben: Wann eine App verfügbar wird, kontrolliert bekanntlich nicht deren Hersteller, sondern Apple.

Prädikat pädagogisch wertvoll

«NRA: Practice Range» kommt mit einer Altersempfehlung von 4+ Jahren, weil darin weder auf Menschen noch auf Tiere geschossen werden kann. Doch die verwendeten Zielscheiben erinnern an menschliche Körper, nicht zuletzt, weil sie rote Markierungen in der Kopf- und Herzregion aufweisen, wie der Polit-Blog «ThinkProgress» festhält.

Die NRA, die bisher jeglichen Kommentar verweigert hat, dürfte solche Vorwürfe mit dem Hinweis auf den pädagogischen Charakter des Spiels kontern: Die Waffenlobby beschreibt «NRA: Practice Range» als Sammlung von «News, Gesetzen, Wissen, Sicherheitshinweisen und Ausbildungsmaterial». Tatsächlich erscheinen immer wieder Meldungen auf dem Bildschirm im Stil von «Konsumiere niemals Alkohol oder Drogen vor oder während dem Schiessen».

Grenzenlose Heuchelei

Der eigentliche Skandal liegt allerdings im Umstand, dass die NRA Baller-Games offiziell verurteilt. In seiner mit Spannung erwarteten Reaktion auf das Newtown-Massaker machte ihr Vize-Präsident Wayne LaPierre die Medien, Hollywood – und Games für die Gewalt mit Schusswaffen verantwortlich. Der Vorwurf ist nicht neu und weder be- noch widerlegt. Doch steht er einer Organisation schlecht an, die selbst Games vertreibt und sogar damit Geld verdient.

Die Heuchelei der NRA geht allerdings noch weiter, wie «ThinkProgress» schreibt: 2012 kritisiert sie die Filmindustrie, doch 2010 zeigte sie in ihrem eigenen Museum eine Ausstellung über Waffen aus berühmten Filmen, darunter «The Dark Knight» und «No Country For Old Men». Ein entsprechendes Promo-Video mit Kurator Phil Schreier hat die NRA inzwischen aus ihrem YouTube-Kanal entfernt. Ein anderes über die Walther PPK von James Bond hat sie offenbar übersehen (siehe unten).

(Video: Youtube/NRAVideos)

(kri)