04. April 2005 07:07; Akt: 04.04.2005 09:11 Print

Umbruch im Vatikan?

Der Thron ist leer, der «Global Player» katholische Kirche ist führungslos, einer der wichtigsten Chefposten der Welt ist verwaist - und nun, steht ein Umbruch bevor?

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Karol Wojtyla, der Pole aus der Nähe von Auschwitz, hat die Kirche in die Weltpolitik zurückgeführt.

Heute, angesichts des religiösen Rumorens in der Welt, der explosiven Konflikte mit dem Islam und des globalen Zusammenwachsens schaut nicht nur das fromme Glaubensvolk nach Rom.

Auch die Staatsmänner rund um den Globus lässt es nicht kalt, wenn in der Spitze der «Weltmacht Vatikan» die Karten neu gemischt werden.

«Fenster der Demokratie»

«Nie zeigt das Papsttum zugleich Macht und Ohnmacht, Glanz und Elend deutlicher als dann, wenn es keinen Papst gibt», schreibt ein deutscher Vatikanist. Die «Zeit zwischen den Päpsten», das waren früher riskante Zeiten für die Kirche, Zeiten der Ränkespiele und der Ranküne.

Noch heute ist die Phase des Machtvakuums von höchster Bedeutung: Nur für einige wenige Tage ist in der römisch- katholischen Weltkirche das «Fenster der Demokratie» geöffnet.

Ist der Neue erst mal im Amt, schliesst es sich sofort, dann ist die Kirche wieder die zweitälteste Monarchie der Welt (nach der japanischen). Und der Papst ist unumschränkter Herrscher. Spannende Wochen stehen bevor.

Schuldgefühle Gläubiger?

«Dieser Papst war ein Glücksfall», immer wieder ist das in den letzten Tagen in Rom zu hören. «Er hat die Kirche von ihrem Minderwertigkeitskomplex befreit», meint ein Kommentator. Er war auf gleicher Augenhöhe mit den Mächtigen. Zu seinen Messen kamen Millionen, das Fernsehen übertrug sie in die hintersten Winkel der Welt.

Religiöse Rituale, katholische Zeremonien, Gottesdienst - alles uralte Dinge, scheinbar aus der Mode gekommen, doch das Scheinwerferlicht der Mediengesellschaft tauchte plötzlich alles in ein neues Licht, die Dinge erhielten plötzlich eine andere Bedeutung - durch diesen Papst.

Aber Millionen gläubige hatten es nicht gerade leicht mit dem strengen Polen, nicht nur in «glaubensfernen» Ländern wie Deutschland: Fromme katholische Ehepaare in Lateinamerika mussten sich schuldig fühlen, wenn sie künstlich verhüteten.

Begeisterte katholische Afrikaner durften eigentlich keine Präservative benutzen, nicht mal als Schutz gegen Aids. Stehen jetzt die grossen Reformen an, auf die so viele Gläubige so lange warten?

Kompromiss-Lösung

Wie verlaufen die «Frontlinien», wie spielt es sich ab, das vermeintliche Ringen hinter den Vatikanmauern? Sind es Machtkämpfe, Diadochenkämpfe gar, wie Aussenstehende oft meinen? Konservative gegen Progressive, Europa gegen Dritte Welt? Ganz anders, sagen die Kirchenleute, statt rüden Machtgerangels solle schliesslich der Heilige Geist walten.

«Kardinäle gehen pfleglicher miteinander um als Parteipolitiker», weist ein Theologe in Rom alle Vergleiche mit dem Machtgerangel in der Politik zurück. Auch die Aufteilung nach dem bekannten Begriffspaar konservativ-progressiv ist mehr als misslich und verwirrend.

Wenn es in Kürze um die Besetzung des Chefsessels im «Global Player» Vatikan geht, ist eher Kompromiss gefragt. Schliesslich sollen alle einverstanden sein, das Wort «Kampfabstimmung» kennen die Purpurträger nicht.

(sda)