Deutschland und Österreich

24. August 2015 08:19; Akt: 24.08.2015 08:20 Print

Unis lassen Flüchtlinge gratis studieren

Unter den Flüchtlingen, die derzeit nach Europa kommen, sind viele Akademiker. Universitäten in Deutschland und Österreich öffnen für sie die Tore. Schweizer Unis nicht.

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«Wenn ich in dem kleinen Dorf, in dem ich wohne, Tag für Tag herumsitzen und warten müsste, wäre das sehr, sehr langweilig», sagt der aus dem Sudan geflohene Moussa (33), der jetzt an der Uni Hildesheim einen Deutschkurs besucht (Symbolbild). (Bild: Keystone/Petra Orosz)

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800'000 Flüchtlinge erwartet Deutschland allein in diesem Jahr. Statt dass viele von ihnen gelangweilt in Unterkünften herumsitzen, sollen sie studieren – und ihr erworbenes Wissen später beim Wiederaufbau in der eigenen Heimat einbringen. So lautet vereinfacht gesagt der Grundgedanke des Programms, dem sich mittlerweile rund 60 Universitäten im ganzen Land angeschlossen haben. «Migration ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft, und auch Universitäten müssen ihren Teil beitragen», sagt Wolfang-Uwe Friedrich, Rektor an der Universität Hildesheim, gemäss «Washington Post».

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«Ich will Kontakt zu deutschen Studenten», sagt Moussa, der aus dem Sudan geflohen ist. Er studierte dort Politologie. Jetzt will er Deutsch lernen, und radelt dafür 13 Kilometer zur Uni in Hildesheim. Später will er mit den erworbenen Sprachkenntnissen Kurse in Umweltwissenschaft besuchen. «Wenn ich in dem kleinen Dorf, in dem ich wohne, Tag für Tag herumsitzen und warten müsste, wäre das sehr, sehr langweilig», so Moussa im «Handelsblatt».

Studenten gründen Online-Uni

An den Unis abschliessen können Asylsuchende zwar meist nicht, doch sie können als Gaststudenten den Vorlesungen beiwohnen, Kurse – in Deutschland gibt es davon über 900 auf Englisch – absolvieren oder extra vor Semesterbeginn eingerichtete Deutschstunden besuchen. Studiengebühren, die an den staatlichen Universitäten ohnehin entfallen, müssen keine gezahlt werden, und einige Hochschulen übernehmen auch die Transportkosten oder stellen Bücher und Schulmaterial gratis zur Verfügung. Auch Studenten helfen mit, damit sich die Fremden zurechtfinden: So stellen sich an der Uni Hildesheim viele für Deutsch-Tutorate zur Verfügung, was ihnen wiederum als Praktikum angerechnet wird.

Das studentische Engagement geht noch weiter: Mit der «Wings University» holen ehrenamtlich arbeitende Studenten und Lehrer die Universität quasi in die Asylbewerberheime. Diese Online-Universität für Flüchtlinge bietet ab diesem Herbst erste Kurse an. Ein solches Angebot werde sicherlich auf grosse Resonanz stossen, sind Migrationsforscher überzeugt. «Schliesslich sind viele Flüchtlinge Akademiker», sagt Andreas Pott, Direktor des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien in Osnabrück. «Menschen, die fliehen, sind nicht die Ärmsten der Armen. Die Allerärmsten haben meist gar keine Mittel, um aufzubrechen.»

Schweizer Unis nur für anerkannte Flüchtlinge

«Die jungen Menschen sollen die Chance bekommen, ihre Zukunft aktiv zu gestalten und sich fest in der Gesellschaft zu verankern», sagt Wilfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg in der «Süddeutschen». Sein Bundesland hat soeben Stipendien an 50 junge Syrer vergeben, damit diese weiterstudieren oder ein Studium aufnehmen können. Billig ist das nicht – ein Studierender kostet den deutschen Staat rund 10'000 Euro jährlich – und die ohnehin schon überfüllten Unis dürften so nicht weniger Platzprobleme bekommen. Ohne Sponsoren und Freiwilligenarbeit wäre das Programm nicht umsetzbar.

Auch in Österreich bieten eine Reihe von Universitäten Sommerkurse sowie Sprach- und Sportstunden an. An der Universität Wien etwa gibt es die Initiative «Welcome.TU.code», die kostenlose Informatik-Kurse für Flüchtlinge organisiert.

In der Schweiz hingegen können nur anerkannte Flüchtlinge Stipendien für ein Studium beziehen – in einigen Kantonen erst nach einem fünfjährigen Aufenthalt. Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene sind nicht stipendienberechtigt.

(gux)