Litwinenko-Fall

31. Juli 2014 14:51; Akt: 31.07.2014 15:02 Print

Untersuchung soll Mord an Ex-Spion klären

War Moskau an der Ermordung des russischen Regierungskritikers Alexander Litwinenko beteiligt? Ein britisches Gericht will die offenen Fragen zum Mordfall klären.

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Ein russischer Ex-Agent trinkt in einem Londoner Luxushotel mit zwei ehemaligen Kollegen Tee. Anschliessend trifft er einen italienischen Geheimdienst-Experten zum Sushi. Wenig später fühlt der Mann sich nicht gut, drei Wochen darauf ist er tot.

Spät entdecken die Ärzte, was den 43-Jährigen quälend langsam sterben liess: Er war mit radioaktivem Polonium 210 vergiftet worden. Was sich liest wie die Handlung eines Spionagethrillers, ist die Kurzfassung des Giftmords am Kreml-Kritiker Litwinenko.

Das Bild des sterbenden Mannes ging damals um die Welt. Zwischen Grossbritannien und Moskau brach eine monatelange diplomatische Eiszeit an: Die Briten hielten einen der beiden teetrinkenden ehemaligen KGB-Männer, Andrej Lugowoi, für den Hauptverdächtigen, aber der Kreml lieferte ihn nicht aus.

Einlenken nach MH17-Absturz

Gelöst ist der Fall trotz zahlloser Indizien bis heute nicht. Jetzt, acht Jahre nach dem Mord, wird er in einer öffentlichen Untersuchung neu aufgerollt.

Es ist ein Sieg für die Witwe des Ermordeten, die lange für diese öffentliche Untersuchung kämpfte und dabei bis vor das höchste britische Gericht zog. Bei der Regierung stiess sie auf taube Ohren – bis jetzt. Vergangene Woche, fünf Tage nach dem mutmasslichen Abschuss von Flug MH17, gab Innenministerin Theresa May den Sinneswandel bekannt.

Ist der Zeitpunkt ein Zufall? Die Downing Street sagt ja. Stutzig macht das Timing trotzdem. Hinter dem Flugzeugunglück in der Ostukraine, das auch zehn Briten das Leben kostete, vermutete man in London schnell Moskau als Waffenlieferanten oder gar Drahtzieher.

Gegen Moskau gewandt

Nun haben Journalisten und interessierte Zuhörer also Gelegenheit, sich den Litwinenko-Krimi noch einmal in allen Details anzuhören. Er beginnt so: Der Ex-KGB-Mann war im Jahr 2000 aus Russland gekommen, nachdem er den Geheimdienst FSB unter anderem beschuldigt hatte, Morde in Auftrag gegeben zu haben.

Damit fiel er in die Kategorie Regierungsgegner, Grossbritannien nahm ihn auf. Das tödliche Gift verabreichte ihm jemand am 1. November 2006.

Der mordverdächtige Lugowoi verbreitete im folgenden Jahr medienwirksam seine Sicht der Dinge: Der Oligarch Boris Beresowski, ein im Londoner Exil lebender Intimfeind von Wladimir Putin, habe Litwinenko getötet, oder aber der britische Auslandgeheimdienst MI6, für den Litwinenko in London gearbeitet haben soll.

Viele Fragezeichen

Es ist zweifelhaft, ob die britischen Juristen nun ermitteln können, welche Version stimmt. Oligarch Beresowski hätte vielleicht helfen können. Doch er wurde im März 2013 tot in seinem Badezimmer entdeckt. Ob es Selbstmord oder Mord war, konnten britische Ermittler nicht klären.

Es ist eine von vielen offenen Fragen: Vergiftete Beresowski Litwinenko, um Russland zu diskreditieren? Oder steckt doch Moskau hinter dem Mord? Warum wählte der Täter eine so aufsehenerregende Waffe? Und wo kam der tödliche Stoff überhaupt her?

Bis Ende 2015 soll die Untersuchung voraussichtlich dauern. In Russland findet das Thema derzeit so gut wie keine öffentliche Beachtung. Der Kreml hat mit der Ukraine-Krise andere Sorgen. Eine erneute diplomatische Eiszeit müssen London und Moskau nicht fürchten, schliesslich ist das Klima schon eiskalt.

(sda)