Winnenden

10. Februar 2011 10:28; Akt: 10.02.2011 12:48 Print

Vater des Amokläufers verurteilt

Beim Amoklauf von Winnenden hatte Tim K. mit seiner Waffe 15 Menschen und sich selber getötet. Nun wurde sein Vater wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt.

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Beim Amokläufer Tim K. von Winnenden handelt es sich um einen ehemaligen Schüler der Albertville-Realschule. Der 17-jährige Tim K. legte 2008 seine Mittlere Reife an der Albertville-Realschule ab. Tim K. stammte aus Weiler zum Stein, das zu Leutenbach bei Winnenden gehört. Sein Elternhaus ist zwölf Kilometer von der Albertville-Realschule entfernt. Er wird von Anwohnern und seinem Umfeld als unauffälliger und zurückhaltender Einzelgänger mit einer Vorliebe für Waffen beschrieben. Tim K.s Mutter ist laut Medienberichten Kindergärtnerin, der Vater ein erfolgreicher Unternehmer. Tim K. soll eine jüngere Schwester haben. Der Vater ist Mitglied in einem Schützenverein und besitzt deshalb legal 16 Schusswaffen. Eine der Waffen wurde später bei einer Hausdurchsuchung des Elternhauses nicht gefunden. Im November 2009 wird Ks. Vater schliesslich angeklagt, weil sein Sohn viel zu leicht an seine Schusswaffe gekommen war. Die Familie ist nach Angaben des Bürgermeisters normal in die 5000 Einwohner zählende Gemeinde und ins Vereinsleben integriert. Der 19-jährige Nachbar und Freund von Tim K., Michael V., beschrieb diesen als unauffälligen Typ mit Brille und kleinem Bart, der in letzter Zeit deutlich an Gewicht zugenommen habe. Er habe mit Tim früher im örtlichen Verein Tischtennis gespielt. Tim K. sei ein verschlossener Einzelgänger gewesen, der von Horrorvideos und Spielen mit Soft-Air-Waffen fasziniert gewesen sei. Tischtennis war seine Leidenschaft, behaupten ehemalige Kollegen. Fotos zeigen Tim K., wie er ein wenig unsicher, aber stolz einen Pokal präsentiert. «Er hatte Soft-Air-Waffen in seinem Zimmer hängen», sagte Kollege V. Sie hätten damit auch gespielt, «es hat dabei blaue Flecken gegeben». Ausserdem habe Tim K. in den Monaten vor seiner Tat viel Zeit mit Killerspielen am Computer verbracht. «Wir haben bei ihm unter anderem das Spiel «Counterstrike» gefunden», sagte Polizeisprecher Klaus Hinderer in Waiblingen. Der 17-Jährige war zwischen April und September 2008 wegen Depression in psychiatrischer Behandlung. Nach fünf Sitzungen brach er aber die Behandlung ab. Eine Mitschülerin behauptet, Tim K. sei gemobbt worden: «Er schrieb seinen Eltern, dass er leide und nicht mehr weiter könne», sagte sie. Mitschüler hätten sich über ihn lustig gemacht, die Lehrer hätten ihn ignoriert. Mitschüler bezeichnen Tim K. zudem als Angeber, der mit Geldsummen geprahlt habe, die ihm sein Vater gegeben habe. Dagegen beschreibt die Wirtin des Schützenhauses SSV Leutenbach Tim K. als «ganz lieb» und «nicht auffällig». Er sei ein «schmaler, hübscher junger Mann» gewesen. Während des Amoklaufs soll Tim K. schwarze Kampfkleider getragen haben. Die Tatwaffe, eine 9mm-Beretta-Pistole, hatte Tim K. aus seinem Elternhaus. «Der Täter muss die Waffe im Schlafzimmer der Eltern an sich genommen haben», hiess es. Er habe «Munition im dreistelligen Bereich» bei sich gehabt. Die Mehrzahl der Opfer waren Mädchen und Frauen. Die Behörden bezeichneten die überwiegende Zahl von weiblichen Opfern als «auffällig». Am 11. März, gegen 12.30 Uhr, kommt es auf einem Parkplatz zum Schusswechsel mit der Polizei. Der Amokläufer erschiesst zwei Passanten und verletzt zwei Polizeibeamte schwer, ehe er sich selbst richtet.

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Knapp zwei Jahre nach dem Amoklauf von Winnenden hat ein Gericht entschieden, dass der Vater des Täters nicht ins Gefängnis muss. Das Landgericht Stuttgart verurteilte den 52-Jährigen unter anderem wegen fahrlässiger Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 21 Monaten auf Bewährung.

Das Gericht unter Vorsitz von Reiner Skujat blieb damit am Donnerstag unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Diese hatte zwei Jahre auf Bewährung verlangt. Einige Nebenkläger, die Hinterbliebene vertraten, hatten eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren gefordert.

Der Sportschütze hatte die Tatwaffe und 285 Patronen offen im Hause herumliegen lassen, sagte der Richter zur Begründung. «Waffe und Munition waren nicht ausreichend voneinander getrennt», sagte Skujat.

Der Sohn habe an einem Hass an der Menschheit gelitten. Keiner habe jedoch eine solche Bluttat voraussehen können, sagte der Richter weiter.

Am 11. März 2009 hatte der Sohn mit einer Sportpistole 15 Menschen in seiner ehemaligen Schule, auf der Flucht und in einem Autohaus getötet. Zudem verletzte er 14 weitere Menschen. Danach erschoss der 17-Jährige sich selbst.

Präzedenzfall

Es war der erste Prozess in Deutschland, bei dem ein Unbeteiligter nach einem Amoklauf vor Gericht stand und verurteilt wurde. Das Gericht sprach den Vater auch der fahrlässigen Körperverletzung in 14 Fällen schuldig. Zudem habe dieser gegen das Waffengesetz verstossen.

Die Verteidiger hatten einen Freispruch gefordert. Sie verwiesen darauf, dass der Angeklagte und seine Familie selbst unter den Folgen litten.

Ende Oktober hatte sich der Unternehmer krankschreiben lassen. Nach dreimonatiger Abwesenheit erschien er erst am 1. Februar wieder vor Gericht. «Ich fühle mich verantwortlich für meinen Sohn und die Fehler, die ich gemacht habe», sagte er und drückte den Hinterbliebenen sein Mitgefühl aus. Während des Verfahrens hatte der Vater meistens geschwiegen.

Opferfamilien wollten klares Signal

Der Prozess dauerte knapp ein halbes Jahr. Vor Gericht waren auch 43 Angehörige von Opfern als Nebenkläger aufgetreten. Die meisten Hinterbliebenen hatten eine Haftstrafe für den Vater verlangt.

«Und wenn es nur für ein Vierteljahr ist, aber er muss ins Gefängnis», sagte der Sprecher des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden, Hardy Schober, vor dem Urteil. Schobers Tochter war in Winnenden erschossen worden.

Für andere Hinterbliebene war das Strafmass «sekundär», wie Jens Rabe, einer ihrer Vertreter, es formulierte. Am wichtigsten sei, dass es ein klares Signal des Gerichts gebe und der Vater nicht nur wegen Verstosses gegen das Waffengesetz verurteilt werde, sondern auch wegen fahrlässiger Tötung.

Nach dem Amoklauf war in Deutschland das Waffengesetz verschärft worden. So soll Ende 2012 deutschlandweit ein Waffenregister eingeführt werden. Jedoch geht Kritikern das Gesetz zu wenig weit: Sie fordern auch ein Verbot von grosskalibrigen Waffen.

(sda/ap)