Interview

19. April 2005 23:21; Akt: 19.04.2005 23:24 Print

Vatikan-Kenner: «Auf der ganzen Linie überrascht»

Erwin Koller ist Vatikan- Kenner und ehemaliger Leiter der Redaktion Sternstunden von SF DRS. Der 65-jährige Theologe äussert sich kritisch zur Papstwahl.

Fehler gesehen?

Kardinal Ratzinger wurde zum neuen Papst gewählt. Überrascht?

Erwin Koller: Jawohl, und zwar fast auf der ganzen Linie. Dass man trotz offensichtlicher Krise innerhalb der katholischen Kirche den Chefideologen des Papstes zu dessen Nachfolger macht, ist wirklich erstaunlich.

Die Wahl erfolgte relativ früh. Was bedeutet das?

Koller: Dass sich die Kardinäle schon im Vorfeld des Konklaves mit der Wahl auseinander gesetzt haben. Sie hatten offensichtlich keine Lust, sich auf eine Alternative zu den letzten 25 Jahren katholische Kirche einzulassen.

Was ist von Papst Benedikt XVI. zu erwarten?

Koller: Das Grösste wäre, er käme auf die aufgeschlossene Theologie seiner Jugend zurück. Ratzinger war damals offen, auf die Probleme der Welt einzugehen.

Und das ist er heute nicht mehr?

Koller: Bei der Eröffnung des Konklaves sagte er sinngemäss: Die moderne Welt ist böse, ihr müsst auf die gute Kirche hören. Das ist für mich der Inbegriff des Unheilspropheten. Das hilft uns nicht weiter.


Interview: Andy Fischer