Kohle statt Atom

30. Juni 2011 13:55; Akt: 30.06.2011 14:21 Print

Volldampf auf allen Rohren

Atomkraft ist bald passé, so hat es Deutschland beschlossen. Nur: Der Ökostrom ist noch nicht so weit. Nun rauchen wieder die Schlote. Kann Deutschland so die hoch gesteckten Klimaziele noch erreichen?

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Als Ersatz für die schon abgeschalteten acht Kernkraftwerke werden in Deutschland alte Kohlemeiler wieder angefeuert. Zudem sollen allein bis 2013 neue fossile Kraftwerke mit zehn Gigawatt Leistung fertig gebaut werden, bis 2020 dann noch einmal so viele. Schon fragen Skeptiker, ob das alles überhaupt reicht und was mit so viel Kohle und Gas aus den deutschen Klimazielen werden soll.

Tatsächlich sieht die Bundesnetzagentur als zuständige Behörde erhebliche Unsicherheit, ob nach dem plötzlichen Aus für die Hälfte der Atomreaktoren derzeit genügend Kraftwerke bereit stehen, um den Energiehunger zu Spitzenzeiten im Winter zu stillen.

Dreckschleudern aus den 50er-Jahren

Erwogen wird deshalb, ein abgeschaltetes Atomkraftwerk als «Kaltreserve» auf Standby zu halten. Atomkritische Wissenschaftler und das Umweltbundesamt halten jedoch dagegen: Die Kapazität reiche und das Klima müsse auch keinen Schaden nehmen. Die Deutsche Bundesnetzagentur will hingegen prüfen, ob für die kommenden beiden Winter doch noch einer der alten Atomreaktoren für den Notfall bereit stehen soll.

Ob nun ein Reaktor vorgehalten wird oder nicht - klar ist, dass die übrigen vorhandenen Kohlekraftwerke in Spitzenzeiten ziemlich nah am Anschlag laufen müssen, um die Atomlücke zu schliessen. Und darunter sind ausweislich der Kraftwerksdatenbank beim deutschen Umweltbundesamt auch noch Uraltdreckschleudern aus den 50er und 60er Jahren.

Risiken für den Klimaschutz

«Kritiker werden nun argumentieren, dass durch den Ersatz der Restlaufzeiten der deutschen Kernkraftwerke durch alte Kohle- und Gaskraftwerke zusätzliche klimaschädliche CO2-Emissionen verursacht werden», heisst es denn auch in einer Expertise des Flensburger Wirtschaftswissenschaftlers Olav Hohmeyer. «Dies ist ein durchaus ernstzunehmender Einwand.»

Dennoch hält Hohmeyer die Nachteile für den Klimaschutz für beherrschbar. Der vorübergehende Anstieg des Treibhausgases CO2 lasse sich in wenigen Jahren überkompensieren, wenn konsequent auf einen raschen Ausbau von Ökostrom gesetzt werde. Er hält eine Komplettversorgung mit Erneuerbaren schon 2030 für möglich.

Bundesamt setzt auf Zertifikate-Handel

Auch das deutsche Umweltbundesamt sieht trotz der Kohle- und Gas-Renaissance «keine negativen Auswirkungen auf den Klimaschutz» und das deutsche Ziel, den Treibhausgasausstoss bis 2020 um 40 Prozent unter den Wert von 1990 zu drücken. Nur argumentiert das UBA anders: Der Emissionshandel deckele den Ausstoss aus Kraftwerken - ob nun mit Atomausstieg oder ohne.

«Damit wird ein erhöhter CO2-Ausstoss durch die Kohleverstromung an anderer Stelle durch CO2-Emissionsminderungen eingespart», schreiben die Experten. Denn mit den Emissionen steige auch der Preis für Zertifikate, und das wiederum gebe einen Anreiz für mehr Klimaschutz.

(ap)