06. April 2005 12:10; Akt: 06.04.2005 12:11 Print

Vom Rebellenführer zum Präsidenten

Nach wochenlangem Tauziehen um das höchste Staatsamtes hat das irakische Parlament mit Dschalal Talabani einen Vertreter der kurdischen Minderheit zum Präsidenten gewählt.

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Er übernimmt das Amt, das sein Todfeind Saddam Hussein besetzt hatte.

Der glühende kurdische Nationalist und Chef der patriotischen Union Kurdistans (PUK) wird so Staatschef jenes Landes, das er jahrzehntelang bekämpft hatte.

Mehr Ehre als Macht

Talabanis Ernennung ist das Ergebnis eines Deals der bislang benachteiligten Volksgruppen der Kurden und Schiiten, die bei der Parlamentswahl als grosse Sieger hervorgegangen waren.

Als Präsident wird Talabani mehr Ehre zukommen als Macht, denn die Verfassung bestimmt den Ministerpräsidenten und dessen Regierung als Machtzentrum. Im Gegenzug für Talabanis Posten sicherten die Kurden der Schiitenallianz die Unterstützung bei der Wahl des Regierungschefs zu.

Einst Weggefährte Barsanis

Dschalal Talabani wurde 1933 als Spross einer einflussreichen Familie in einem Dorf bei Koi Sanjak nördlich von Kirkuk geboren. Er studierte Jura in Bagdad und erlernte mehrere Sprachen, darunter Englisch und Französisch.

Niemand im Irak zweifelt daran, dass er ein Polit-Profi ist. Seit Jahrzehnten ist er eine der bestimmenden Figuren in der Politik des Landes. Schon in jungen Jahren schloss er sich der Bewegung des legendären Kurdenführers Mollah Mustafa Barsani an, der als Vater des kurdischen Nationalismus' gilt.

Barsani wollte für die Kurden, die gegen ihren Willen von der britischen Mandatsmacht dem am Reissbrett entworfenen Vielvölkerstaat Irak zugeschlagen worden waren, eine Autonomieregelung aushandeln. Dies wurde von den Regierungen in Bagdad stets abgelehnt.

Spaltung der Kurden

1961 rief Barsani zu den Waffen: Der kurdische Aufstand begann. Drei Jahre später überwarf sich Talabani mit Barsani und gründete seine eigene Bewegung - die jahrzehntelange tragische Geschichte interner kurdischer Querelen begann. Mit dem Chef der rivalisierenden Demokratischen Partei Kurdistans (DPK), Barsanis Sohn Massud, verband ihn eine innige Feindschaft.

Diese überdauerte auch die Zeit grösster Not: 1988 startete das Regime Saddam Husseins seine berüchtigte «Operation Anfal», bei der ganze Dörfer in Kurdistan dem Erdboden gleichgemacht wurden. Allein bei dem Giftgasangriff auf Halabdscha starben tausende Menschen.

In den 90er Jahren kam es wiederholt zu Gefechten zwischen den rivalisierenden kurdischen Parteien, wobei Barsani sogar einmal Hilfe durch Saddam Husseins Truppen erhielt.

PUK regiert seit 1991 in Suleimanijah

Nach dem Golfkrieg 1991 konnte Talabani schon mal regieren: Mit Billigung der USA entstand im Nordirak eine de facto autonome kurdische Zone, in der die Bagdader Zentralregierung nichts zu sagen hatte. Zudem gehörte er nach dem Krieg 2003 dem von der US- Besatzungsverwaltung ernannten Provisorischen Regierungsrat an.

Mit seiner sozialistisch eingefärbten Rhetorik fand Talabani vor allem in Städten Zulauf. Bis heute kontrolliert die PUK die Provinz Suleimanijah, die DPK die Provinzen Dohuk und Erbil. Erst als 2002 klar wurde, dass die USA es diesmal ernst meinten mit dem geplanten Sturz von Saddam Hussein, rauften sich die Kurdenführer zusammen.

Bei den Parlamentswahlen Ende Januar traten sie mit einer gemeinsamen Liste an. Die Kurdenunion wurde zweitstärkste Fraktion im Parlament.

(sda)