#MeToo-Initiant Farrow

08. Oktober 2018 13:19; Akt: 08.10.2018 14:08 Print

Vom Wunderkind zum US-Aussenminister?

Der 30-jährige Ronan Farrow gilt als Ausnahmetalent. Er brachte #MeToo ins Rollen. Und er hat Erfahrung auf dem diplomatischen Parkett.

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Er sieht viel jünger aus als 30 Jahre. Ein Milchgesicht. Doch dieser Jungspund hat in seinem Leben Beeindruckendes erreicht. Farrow ist der Sohn von Schauspielerin Mia Farrow und Regisseur Woody Allen. Schon lange wird aber gemunkelt, sein wahrer Vater sei der legendäre Frank Sinatra. Vom Aussehen her könnte das hinkommen. Und Ronan Farrow selbst hätte dagegen wohl nichts einzuwenden: Mit Allen hat sich Farrow schon vor Jahren überworfen. Er wirft ihm vor, seine ältere Halbschwester Dylan missbraucht zu haben.

Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn es war Farrow, der den mächtigen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein wegen zahlreicher sexueller Übergriffe zu Fall brachte und damit den Grundstein für die #MeToo-Bewegung legte, die sich erstmals jährt. «Es ist die Tragik des Ronan Farrow», schreibt der «Spiegel», «dass allein ein Prominenter, der sexueller Übergriffe beschuldigt wird, den Kampagnen gegen sich zu widerstehen scheint: sein eigener Vater.»

«Gelangweilt von den Hausaufgaben»

Schon bevor letztes Jahr sein Weinstein-Enthüllungsartikel im renommierten «New Yorker» erschien, hat sich Farrow einen Namen gemacht – zumindest in den Kreisen des liberalen Ostküsten-Amerika, als dessen Inbegriff er gilt.

In der Schule übersprang Farrow so viele Klassen, dass er schon mit elf Jahren aufs College ging. «Ich war ein Nerd. Ich habe mich früh für Naturwissenschaften interessiert, las Bücher wie verrückt. Draussen habe ich Steine umgedreht und darunter nach Würmern gesucht. Ich war ständig gelangweilt von den Hausaufgaben», so Farrow im «Spiegel»-Interview.

«Er wird die USA aus dem Sumpf ziehen»

Als Teenager war er für Unicef in Afrika unterwegs, mit 16 Jahren begann er einen Masterstudiengang in Jus, mit 21 arbeitete er unter Präsident Obama im US-Aussenministerium und eng mit dem Chefdiplomaten Richard Holbrooke zusammen. Der 2010 verstorbene Holbrooke sei wie ein Vater für ihn gewesen, so Farrow. Holbrook wiederum hatte immer wieder erklärt, dass Farrow «grossartige Taten» vollbringen und die USA aus dem Sumpf ziehen werde.

Eine Prognose, die nachhallt. Denn neben seinen Enthüllungen zu übergriffigen Männern veröffentlichte Farrow dieses Jahr auch «Das Ende der Diplomatie». Das Buch, für das der 30-Jährige alle lebenden Ex-Aussenminister der USA und zahlreiche Diplomaten interviewte, handelt vom Niedergang der amerikanischen Diplomatie zugunsten des Militärs und der Geheimdienste. Beobachter sehen darin nichts Geringeres als die «Selbstpositionierung eines jungen Demokraten», als «Programmschrift eines kommenden Aussenministers» der USA («Süddeutsche Zeitung»).

Einer der «100 einflussreichsten Menschen der Welt»

Nicht, dass sich Farrow öffentlich über derlei Ambitionen äussern würde. Noch ist er voll und ganz Journalist. Seit seinem Artikel über Hollywood-Mogul Weinstein hat er zahlreichen weiteren mächtigen Männern in die Suppe gespuckt. Wegen seiner Recherchen zu sexuellen Übergriffen mussten etwa der Generalstaatsanwalt von New York und der Chef des Fernsehsenders CBS gehen. Er war es auch, der die möglichen Übergriffe durch Brett Kavanaugh publik machte, dem mittlerweile bestätigten Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten.

Vor dem Hintergrund der #MeToo-Debatte, als deren Initiant Farrow gilt, habe er «in diesem einen Jahr mehr bewirkt als der gesamte Newsroom eines mittelgrossen Medienunternehmens», schrieb der Journalismusprofessor Jeff Jarvis laut «NZZ am Sonntag». Klar, dass der 30-Jährige so auch in die «Time»-Liste der «100 einflussreichsten Menschen der Welt» gewählt wurde.

(gux)