Brasilien

01. März 2011 14:40; Akt: 01.03.2011 15:01 Print

Vor der Mega-Party die Akkordarbeit

Ein Grossbrand zerstörte 1800 Karneval-Kostüme in Rio de Janeiro. Damit das Fest trotzdem stattfinden kann, gönnen sich die Samba-Schulen keine Pause.

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In mehreren der grossen Karnevals-Werkstätten unter dem Zuckerhut wird in den Tagen vor den Paraden am Sonntag und am Montag Tag und Nacht durchgearbeitet.

Ein Grossbrand hatte Anfang Februar in Rio de Janeiro zahlreiche Festwagen, tausende der farbenprächtigen Kostüme und damit monatelange harte Arbeit vernichtet. Besonders schwer traf es die Samba-Schulen Grande Rio und União da Ilha. Dennoch wollen sie bei den weltberühmten Umzügen dabei sein. Und deswegen werden in aller Eile neue Kostüme genäht und neue Festwagen zusammengebaut.

«Ich schlafe im Schnitt drei Stunden pro Tag,» erzählt Teresa, eine Arbeiterin in den Werkstätten von União da Ilha, während sie blaues Tuch an einem mit glitzernden schwarzen Katzen dekorierten Wagen festmacht. «Aber nach dem Schock und den Tränen musste ich mich einfach zusammenreissen und wieder von vorn anfangen.»

Dem Bühnendirektor von Grande Rio, Cae Rodrigues, kommen immer noch die Tränen, wenn er an das Desaster denkt: «Nichts ist übrig geblieben, kein Wagen, kein Kostüm. Wir mussten wieder ganz von vorne anfangen.»

1800 Kostüme verbrannt

Der Grossbrand in der «Samba-Stadt», wo die berühmtesten Samba- Schulen ihre Ausrüstung für die Paraden im Stadion Sambódromo herstellen, wurde nach bisherigen Erkenntnissen der Behörden wohl zufällig und nicht mutwillig ausgelöst.

Die Schäden gehen in Millionenhöhe - bereits acht Monate lang war in den Werkstätten auf das wegen seiner verschwenderischen Dekorationen, mitreissenden Samba-Rhythmen und frenetisch-tropischen Atmosphäre berühmteste Karnevalsspektakel der Welt hingearbeitet worden.

In der verbliebenen kurzen Zeit die Pracht wieder in ihrem vollen Glanz herzustellen, bleibt bei allem Fleiss ein aussichtsloses Unterfangen. 1800 Kostüme seien vernichtet worden, berichtet Kawan, ein anderer Arbeiter in den Hallen von União da Ilha, während er Plastikflügel an einem Bienenkostüm befestigt. Die jetzt auf die Schnelle angefertigten Kostüme seien «offensichtlich etwas einfacher» als die vorherigen.

Auftritt weniger aufwendig

Cae Rodrigues von Grande Rio sagt, dass seine Schule in den Monaten vor dem Brand umgerechnet mehr als vier Millionen Euro in den Dekor gesteckt habe. Dieses Geld sei grossteils von privaten Sponsoren und Behörden gekommen.

3000 Kostüme und acht Wagen müssten neu hergestellt werden - wegen des Mangels an Geld und Zeit würden jetzt einfachere Materialien verwendet. Zerstört worden seien aber auch technische Installationen für «Überraschungseffekte». Der Auftritt von Grande Rio werde notgedrungen nun «weniger aufwendig» ausfallen.

Bei den bevorstehenden Paraden konkurrieren wie jedes Jahr die zwölf besten Samba-Schulen um den Titel des «Siegers des Karnevals». Die Umzüge sind vor allem für die Bewohner der Favelas, der Armenviertel der Metropole, ein Anlass zu höchsten Glücksgefühlen - in den Slums haben die Samba-Schulen ihre Wurzeln, dort wurden auch noch bis vor wenigen Jahren die Dekorationen hergestellt, bevor dann der Hallenkomplex «Samba-Stadt» hochgezogen wurde.

Gestärkte Solidarität

Und zugleich ist der Wettbewerb der Samba-Schulen von Rio ein Ereignis, das ganz Brasilien mit einer ähnlichen Leidenschaft verfolgt wie eine Fussball-WM. Diesmal aber wird der Wettbewerb etwas anders sein als sonst. Die Organisatoren haben angekündigt, dass sie wegen des Feuers den Gewinner nicht nach den üblichen Kriterien auswählen würden - das gibt den flammengeschädigten Samba- Schulen etwas Hoffnung.

Schon jetzt aber hat das Feuer auch einen positiven Effekt gehabt: Die Solidarität unter den rivalisierenden Samba-Schulen wurde gestärkt. Schulen, die unversehrt davon gekommen waren, griffen den geschädigten unter die Arme. So wurden etwa Fahrgestelle für neue Wagen gespendet oder auch Nähmaschinen. «Diese Tragödie hat uns alle näher zusammengebracht», sagt Jennifer, eine Arbeiterin in den Hallen von Grande Rio.

(sda)