PALÄSTINA

30. Mai 2008 13:38; Akt: 30.05.2008 14:22 Print

War die Erschiessung eines Knaben inszeniert?

von Daniel Huber - Das Bild ging um die Welt: Vor laufenden Kameras erschossen israelische Soldaten im Herbst 2000 den 12-jährigen Mohammed al-Durra. Oder etwa doch nicht? Ein französisches Gericht hat sich nun mit dem Fall befasst.

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Das Bild ist zur Ikone des palästinensischen Widerstands geworden (Bild: EPA PHOTO/AFP/JOSEPH BARRAK)

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Der Videoclip, der am 30. September 2000 in den Nachrichten des französischen TV-Senders France 2 ausgestrahlt wurde, dauerte nur 55 Sekunden. Zu sehen bekam die Welt verstörende Bilder eines palästinensischen Vaters, der — gefangen im Kreuzfeuer — verzweifelt versucht, sich und seinen kleinen Jungen vor den Kugeln zu schützen. Vergeblich: Der Vater wird schwer verletzt, das Kind stirbt. «Mohammed ist tot, sein Vater schwer verletzt», kommentiert der Nahost-Korrespondent des Senders, Charles Enderlin. Schuld am Tod des Jungen sind israelische Soldaten. Denn: «Dschamal al-Durra und sein Sohn sind Zielscheiben des Maschinengewehrfeuers von der israelischen Position her», so sagt es Enderlin.

Ikone des Widerstands

Weltweit strahlen die Fernsehsender den Videoclip aus, das Bild des verängstigten Jungen schafft es auf die Frontseiten der Zeitungen. Der französische Präsident Chirac rügt den israelischen Premier Barak öffentlich. Der Vorfall an der Netzarim-Kreuzung im Gaza-Streifen befeuert die zweite Intifada der Palästinenser, die just in diesem Herbst ihren Anfang nimmt.

Der kleine Märtyrer wird zu einer Ikone des palästinensischen Widerstands; sogar Al-Kaida-Führer Osama Bin Laden verwendet das Bild in seinen Videobotschaften. Postkarten, Graffiti und Briefmarken zeigen die al-Durras. Noch heute wird der kleine «Schahid» (Märtyrer) den palästinensischen Kindern als Vorbild präsentiert.

Erste Zweifel

2002 äussert die deutsche Journalistin Esther Schapira in der Dokumentation des Hessischen Rundfunks «Drei Kugeln und ein totes Kind» Zweifel an der Version von France 2. Denn Vater und Sohn sind nur während 31 Sekunden wirklich im Bild – und obwohl behauptet wird, die beiden seien konstant unter Beschuss und mehrfach getroffen worden, sind kaum Einschüsse und keinerlei Blut zu sehen. Zudem war Kommentator Enderlin gar nicht vor Ort, sondern hatte einfach der Schilderung des palästinensischen Kameramannes vertraut.

David gegen Goliath

Der Franzose Philippe Karsenty griff Schapiras Zweifel auf und begann selber zu recherchieren. Und der Betreiber der Ein-Mann-Nachrichtenagentur «Media-Ratings» kam zum Schluss: Der Vorfall an der Netzarim-Kreuzung war komplett inszeniert. Dies liess France 2 nicht auf sich sitzen — der Staatssender verklagt den Einzelkämpfer Karsenty.
Am 21. Mai ist jetzt das vorerst letzte Urteil in der Sache gefallen: Das Appellationsgericht in Paris hat Karsenty freigesprochen. Der Anwalt der Kläger hat angekündigt, das Urteil anzufechten.

Der Freispruch bedeutet zwar noch nicht, dass das Gericht sich mit der Frage beschäftigt hat, was denn tatsächlich an diesem 30. September geschah, wie Esther Schapira in einem Interview mit dem Deutschlandfunk richtig bemerkt: «Aber die Zweifel, die Karsenty angemeldet hat, sind so substanziell, dass das Gericht sagt: Ja, man darf hier von einer Fälschung sprechen, ohne sich der Verleumdung schuldig zu machen.»

Ungeklärte Fragen

Und Karsenty hat in der Tat eine Menge von unbequemen Fragen gestellt.
Zum Beispiel: Was geschah mit der Leiche des Jungen? Zwar hat das Krankenhaus in Gaza Fotos des toten Jungen veröffentlicht. Nur, sagt Karsenty, untersuchte der Pathologe dort um 12 Uhr mittags einen toten Jungen. Mohammed al-Durra soll aber erst um drei Uhr nachmittags erschossen worden sein. Und überhaupt stimmten die Bilder aus dem Leichenschauhaus nicht mit den Bildern von Mohammed al-Durra überein, sagt Karsenty.

Ein ballistisches Gutachten zeigt, dass die Kugeln schwerlich von dem israelischen Militärstützpunkt stammen konnten, sondern weit eher von der palästinensischen Seite aus abgefeuert wurden.
Warum sind in der Mauer nicht mehr Einschusslöcher zu sehen, wenn doch die Israelis pausenlos auf die beiden schossen?
Auch der Verbleib der neun Kugeln, die den Vater verletzten, und der drei Kugeln, die den Sohn töteten, ist rätselhaft.
Warum wurden andere Personen in unmittelbarer Nähe evakuiert, die al-Durras aber nicht?

Die fehlenden Sekunden

Und schliesslich die Frage des Videoschnitts: Korrespondent Enderlin hatte das Videomaterial von dem palästinensischen Kameramann Talal Abu Rahme bezogen. Rahme sagte, die israelischen Soldaten hätten insgesamt 45 Minuten lang quasi unablässig auf die al-Durras geschossen. Davon filmte er nach eigenen Angaben 27 Minuten mit. Enderlin hingegen behauptet, er habe seinen 55-sekündigen Beitrag aus Videomaterial von insgesamt 18 Minuten Länge zusammengestellt. Die Agonie des Kindes habe er herausgeschnitten, da solche Szenen der Öffentlichkeit nicht zuzumuten seien.

Bis zum Prozess vor dem Appellationsgericht hatte sich France 2 hartnäckig geweigert, das restliche Videomaterial freizugeben. Nun zeigte sich: Unzweifelhaft lebte Mohammed al-Durra am Schluss des Video-Mitschnitts noch. Es ist zu sehen, wie er sich bewegt. Mit anderen Worten: Was immer auch an der Kreuzung geschehen ist, ob Mohammed al-Durra starb oder nicht — es war auf jeden Fall kein Mord vor laufender Kamera.

«Pallywood»

Anderes Videomaterial, das am selben Tag am selben Ort gedreht wurde, zeigt, wie ein offensichtlich unverletzter Palästinenser sich von seinen Kameraden auf die Arme nehmen lässt. Während der aufgeregte Trupp mit dem «Opfer» zur Ambulanz stürzt, eilen mehrere Kameramänner hinzu — darunter übrigens auch Talal Abu Rahme — und filmen den dramatischen Vorgang: «Pallywood», wie der amerikanische Historiker Richard Landes für die Weltpresse inszenierte Nachrichten nennt. Oder «for camera only», wie israelische Militärs solche Veranstaltungen bezeichnen.

Der Krieg zwischen Palästinensern und israelischer Besatzungsmacht wird nicht nur mit Steinen und Gewehren ausgefochten. Auch die Bilder kämpfen mit. Tote Kinder, ob echt oder inszeniert, werden zu Trümpfen im Medienkrieg. Auf der Strecke bleibt die Wahrheit.

Video: Richard Landes über den Fall al-Durra
Quelle: YouTube.com

Quellen: Reuters / Titel, Thesen, Temperamente (ARD) / Deutschlandfunk