Anschlag in Tunesien

19. März 2015 17:44; Akt: 19.03.2015 18:21 Print

Warum attackieren Terroristen Touristen?

von Caroline Freigang - Die Anschläge in Tunis zeigen: Ein Ferienparadies kann schnell zur Horrordestination werden. Ein Terrorismus-Experte erklärt, warum das so ist.

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Die Anschläge in Tunesien zielen auf das Herz des Landes: den Tourismus. Was wollen die Terroristen damit bezwecken? Und was bedeutet der Angriff für Tunesien – das einzige Land, das mit einer fragilen Demokratie aus dem Arabischen Frühling herauskam? 20 Minuten fragte den Terrorismus-Experten Lorenzo Vidino.

Umfrage
Würden Sie trotz der Anschläge wieder nach Tunesien in die Ferien fahren?
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Insgesamt 9066 Teilnehmer

Herr Vidino, wieso greifen Terroristen Touristen an?
Die Terroristen haben drei Ziele: Erstens wollen sie die Wirtschaft des Landes zerstören. In Tunesien ist der Zeitpunkt des Angriffs spannend: Die Tourismus-Saison fängt gerade an, das Wetter ist schön. Mit einem Angriff zu Beginn der Saison zerstört man den Tourismus. Das hat grosse ökonomische Folgen für das Land. Zweitens töten sie Ungläubige und vermitteln dem Westen die Botschaft: «Kommt nicht nach Tunesien, hier ist es nicht sicher.» Und drittens ziehen sie die Aufmerksamkeit internationaler Medien auf sich.

Angriffe auf Touristen gab es auch in anderen Ländern. Sind die Ziele der Terroristen überall dieselben?
Die Storyline ist überall gleich. Man greift Länder mit einer bereits schwachen Wirtschaft an. Ägypten zum Beispiel litt enorm unter den Angriffen in Luxor, die Tourismusindustrie brach zusammen. In Tunesien wird es ähnlich sein.

Warum wollen die Terroristen ihrem Land schaden?
Die Attentäter sehen die Regierung als Ungläubige. Ausserdem stört es sie, dass Touristen ihr Land «verschmutzen» – diese trinken Alkohol, Frauen bräunen sich in Bikinis am Strand.

Anders als bei früheren Bombenangriffen auf Touristen stürmen neuerdings bewaffnete Vermummte öffentliche Orte und nehmen Geiseln. Warum?
Die Terroristen verlängern so ihren Angriff und drängen sich in die Nachrichten. Bei einer Geiselnahme haben mehr Medienteams Zeit, den Ort zu erreichen, als bei einem Bombenanschlag. Alle twittern, teilen Bilder, berichten live: die ultimative Berichterstattung über den Terrorangriff.

Man ist live dabei.
Ja, das nennt man auch «Dschihadisten-Porno»: Das geht so weit, dass die Attentäter ihre Tat selbst filmen – wie etwa Mehran in Toulouse, oder Coulibaly in Paris, der seine Tat mit einer GoPro filmte. Der Terror erhält dadurch ein Gesicht: Geiseln schicken Fotos, Menschen twittern vom Tatort, Überlebende berichten, sie hätten den Tätern in die Augen geblickt.

Tunesien ist die einzige Erfolgsstory des Arabischen Frühlings. Wie beeinflusst der Anschlag das Land?
Für Tunesien wird sich nicht viel ändern. Wichtig ist, dass alle Parteien dem Terror trotzen, nicht nur die säkularen, sondern auch die konservativeren, islamistischen Kräfte. Interessant ist, dass sich zum Beispiel die islamisch-konservative Ennahda-Partei entschieden gegen die Angriffe ausgesprochen hat.

Trotz Demokratisierung stammt die grösste Anzahl der IS-Dschihadisten aus Tunesien. Warum?
Es gibt verschiedene Theorien: Einige meinen, dass viele Dschihadisten genau wegen des Erfolgs der Demokratie in Tunesien das Land verliessen. Das bezweifle ich. Andere sagen, nach dem Arabischen Frühling sei in Tunesien ein Sicherheitsvakuum entstanden. Zwischen 2012 und 2013 konnten Terrornetzwerke im Land tun und lassen, was sie wollten. Der damals regierenden Ennhada-Partei wird vorgeworfen, nicht konsequent genug gegen diese vorgegangen zu sein.

Wie schätzen Sie die Lage in Tunesien heute ein?
Im Land bestehen grosse Sicherheitsrisiken: Fast wöchentlich finden Angriffe statt – auf Militäreinrichtungen, Polizei, Politiker oder Intellektuelle. Nur wird im Westen darüber nicht berichtet.

Wie sieht die Lage in Ägypten aus, einem anderen Touristen-Hotspot?
Auch in Ägypten finden täglich Attentate statt. Es wäre nicht erstaunlich, wenn auch dort wieder Touristen angegriffen würden.