Tiananmen-Massaker

06. Juni 2011 11:37; Akt: 06.06.2011 12:26 Print

Was 1989 in Peking wirklich geschah

Für viele ist das Tiananmen-Massaker der Inbegriff von Chinas Repression. Wikileaks-Depeschen zeigen jetzt, dass auf dem Platz des himmlischen Friedens selbst kein Blut vergossen wurde.

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Das Bild des Mannes, der sich am 5. Juni 1989 den Panzern in den Weg stellt, ging in die Geschichtsbücher ein. (Bild: Keystone)

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Die blutige Niederschlagung eines Volksaufstands in Peking, der aus Studentenprotesten hervorgegangen war, wird gemeinhin als Tiananmen-Massaker bezeichnet. Studenten hatten den Platz des himmlischen Friedens in der Nacht auf den 23. April 1989 besetzt und mehr Demokratie gefordert. Bei den Auseinandersetzungen zwischen Armee und Demonstranten kamen zahlreiche Menschen ums Leben. Während Amnesty International von 300 bis 3000 Toten ausgeht, zählte das Rote Kreuz 2600 tote Zivilisten. Am 4. Juni 1989 fuhren Panzer auf und der Platz wurde geräumt. Bis heute zensiert China Berichte über die Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz.

US-Depeschen, welche die Enthüllungsplattform Wikileaks der britischen Zeitung «The Daily Telegraph» zur Verfügung gestellt hat, bestätigen jetzt die Version Chinas, wonach auf dem Tiananmen-Platz selbst keine Menschen getötet worden seien. Dass auf dem Platz des himmlischen Friedens Demonstranten niedergemetzelt worden seien, entspreche nicht den Tatsachen, heisst es. Zwar haben chinesische Soldaten laut den Depeschen auf Demonstranten ausserhalb des Zentrums in Peking geschossen und dabei zahlreiche Menschen getötet.

Bewaffnete Truppen bewegen sich zum Zentrum

Drei Depeschen waren am 3. Juni 1989 wenige Stunden vor der Niederschlagung der Proteste aus der US-Botschaft gesandt worden. Diplomaten sei offenbar klar geworden, dass die entscheidende Kraftprobe zwischen Demonstranten und Soldaten kurz bevorstehe, schreibt das britische Blatt. «10 000 bis 15 000 behelmte bewaffnete Truppen» bewegen sich in die Stadt, heisst es in den Depeschen. Einige hätten «automatische Waffen» getragen. «Elite-Luftlandetruppen» und «Panzer-Einheiten» seien vom Süden her Richtung Stadt unterwegs.

Die Armee gehe gegen ein «ausgeklügeltes Blockade-System» vor, mit dem Studenten grosse Teile des «Zentrums von Peking kontrollieren», heisst es in einer Depesche vom 21. Mai 1989. Diplomaten berichteten, dass «Busse umgekippt wurden, um Strassenblockaden zu errichten». Studenten hätten geschworen, dass die Armee nicht durchkommen würde. «Aber das bezweifeln wir.» Ausserdem hätten die Studenten Motorrad-Kuriere eingesetzt, welche mit den Strassenblockaden kommunizieren und Verstärkung schicken konnten, wenn diese gebraucht wurde.

Als die Truppen in die Stadt gezogen seien, habe man Botschaftsangestellte gewarnt, «zu Hause» zu bleiben, wenn sie nicht für die Berichterstattung an die Front müssten. «Im Stadtzentrum ist die Situation unübersichtlich», heisst es in einer Depesche vom 3. Juni. «Politiker berichteten im Peking Hotel davon, dass Truppen mehrere Demonstranten in den Osten drängen.»

Keine Schüsse auf dem Platz

Ein chilenischer Diplomat berichtete seinem US-amerikanischen Kollegen direkt vom Tiananmen-Platz über die letzten Stunden der Demokratie-Bewegung. Diese Berichte gelangten im Juli 1989 in eine US-Depesche. «Er sah das Militär auf den Platz kommen. Obwohl sporadisch Gewehrfeuer zu hören war, sah er nicht, dass in die Menge geschossen wurde. Er sagte, die meisten Truppen, die auf den Platz gekommen waren, seien nur mit einer Anti-Krawall-Schutzausrüstung bewaffnet gewesen – mit Knüppeln und Holzstöcken. Sie wurden aber von bewaffneten Soldaten unterstützt.»

Ein Diplomat, der sich in der Nähe der Station des Roten Kreuzes auf dem Tiananmen-Platz befunden hatte, erzählte von Truppen, die ihn umzingelt hatten und medizinisches Personal in die Flucht geschlagen hätten. Aber auch er sagte, dass «nicht in die Studentenmenge geschossen wurde».

Studenten durften Platz verlassen

2001 hatte bereits die Kommunistische Partei Chinas interne Akten zum Vorgehen gegen die Demonstranten veröffentlicht. Demnach begannen am 4. Juni 1989 2000 Soldaten der 38. Armee gemeinsam mit 42 Panzerfahrzeugen den Platz um 4.30 Uhr morgens zu räumen. Zu dieser Zeit sassen noch rund 3000 Stundenten um das Denkmal für die Helden des Volkes. Führer der Proteste, darunter der letztjährige Gewinner des Friedensnobelpreises Liu Xiaobo, drängten die Studenten dazu, den Platz zu verlassen. Der chilenische Diplomat sagte dazu, dass man sich darüber geeinigt habe, dass die Studenten den Platz verlassen könnten. Er widerspricht damit den Aussagen mehrerer Journalisten, welche sich zu dieser Zeit in Peking befunden und berichtet hatten, Soldaten hätten auf unbewaffnete Zivilisten geschossen.

BBC-Korrespondent James Miles, der sich zu dieser Zeit in Peking befunden hatte, hatte bereits 2009 zugegeben, dass er «falsche Eindrücke wiedergegeben habe» und dass es auf dem Tiananmen-Platz kein Massaker gegeben habe. Demonstranten, die sich noch auf dem Platz befanden, als die Armee eintraf, hätten den Platz verlassen können. Von Schuld wäscht Miles die chinesische Regierung aber nicht frei: «Es gab kein Tiananmen-Platz-Massaker sondern ein Peking-Massaker.»

Die heftigsten Kämpfe hätten demnach westlich des Tiananmen-Platzes in Muxidi stattgefunden, schreibt «The Daily Telegraph». Dort seien am 3. Juni tausende Menschen spontan zusammengekommen, um den Vormarsch der Armee zu stoppen. Laut mehrerer interner Akten der Kommunistischen Partei setzten die Soldaten gegen 22.30 Uhr scharfe Munition ein, nachdem sie zuvor versucht hatten, die Menge mit Tränengas und Gummischrot auseinanderzutreiben. Die Demonstranten seien aber durch die eigenen Strassenblockaden an der Flucht gehindert worden.

(ske)