Eid al Fitr

15. August 2010 14:43; Akt: 15.08.2010 15:01 Print

Wenn Moslems am 11. September feiern

von Rachel Zoll, AP - Das islamische Fest des Fastenbrechens könnte in Nordamerika mit Jahrestag der Anschläge von 2001 zusammenfallen. Konflikte sind vorprogrammiert.

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Um 08:46 schlägt Flug AA 11 in den Nordturm des World Trade Centers ein. Um 9:03 trifft Flug UA 175 den Südturm des WTC, ungefähr zwischen dem 87. und dem 93. Stock. Die Einschläge sind verheerend. Das Kerosin der vollgetankten Passagierjets ergiesst sich in die Gebäude und gerät in Brand. Passagiere und Besatzungsmitglieder der entführten Maschinen sind sofort tot. Spätestens mit dem zweiten Einschlag wird klar, dass es sich nicht um ein Unglück handeln kann. Der Südturm wird weiter unten getroffen, was dazu führt, dass er früher zusammenstürzt. Zum Zeitpunkt der Angriffe befinden sich rund Die meisten von ihnen können die Twin Towers noch rechtzeitig verlassen. Die Bilder der brennenden Zwillingstürme gehen sofort um die Welt. Sondersendungen unterbrechen weltweit die TV-Programme. Oberhalb der Einschlagzonen versuchen verzweifelte Menschen, dem Inferno zu entkommen. Viele stürzen sich in den Tod. Während Büroangestellte nach unten fliehen, arbeitet sich ein Feuerwehrmann nach oben vor. Der Südturm stürzt um 10:05 ein. Die Türme fallen nahezu senkrecht in sich zusammen und begraben fast 2800 Menschen unter den Trümmern. Passanten fliehen vor der enormen Wolke aus Staub und Trümemrn. Die Szenerie ist geradezu apokalyptisch. Staub bedeckt die Strassen der Umgebung. Präsident Bush befindet sich zum Zeitpunkt der Attacke bei einer Schülervorlesung in Florida. Er wird kurz nach dem zweiten Einschlag informiert. Tage später posiert der Präsident dann mit einem der Helden des 11. Septembers: einem Feuerwehrmann. In einigen islamischen Ländern wie hier in Indonesien wecken die Anschläge auf die verhassten Symbole Amerikas Begeisterung. Noch lange geht die Suche nach Überlebenden und Opfern weiter. Ground Zero am Tag danach. Vier Tage nach den Anschlägen war die Freiheitsstaue noch immer eingehüllt vom Rauch der brennenden Trümmer auf Ground Zero. Ground Zero aus der Luft gesehen. Die Skyline von New York mit und ohne die Zwillingstürme. Flug AA 77 stürzt um 9:37 in die westliche Seite des Pentagon und entfacht ein gewaltiges Feuer. Dieser Abschnitt des Pentagon besteht hauptsächlich aus frisch renovierten, unbesetzten Büros. Ein Trümmerteil des Flugzeugs, das ins Pentagon gerast ist. Die Schäden und das nachfolgende Feuer führen gegen 10:10 Uhr zum Einsturz eines der beschädigten Abschnitte. Neben den Passagieren und der Crew des Flugzeugs sterben im Pentagon 125 Menschen. Flug UA93 stürzt um 10:10 südöstlich von Pittsburgh, Pennsylvania, im Bezirk Somerset ab. Es ist der einzige entführte Jet, der das ihm von den Terroristen zugedachte Ziel nicht erreicht. Er hätte möglicherweise das Weisse Haus, das Kapitol oder den Landsitz des Präsidenten in Camp David treffen sollen. Alle 44 Insassen (33 Passagiere, 7 Crewmitglieder und 4 Entführer) sterben.

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Der Mondkalender, nach dem sich im Islam die Abfolge religiöser Feiertage richtet, sorgt in diesem Jahr in den USA für eine pikante Konstellation: Das Fest Eid al Fitr, das die Fastenzeit Ramadan beendet, fällt diesmal auf die Zeit um den 11. September, den Jahrestag der Terroranschläge von 2001.

Eid al Fitr ist einer der wichtigsten muslimischen Feiertage, eine Zeit fröhlichen Feierns. Muslimische Würdenträger befürchten nun, dass das Fest des Fastenbrechens in diesem Jahr von Aussenstehenden falsch interpretiert werden könnte - nämlich als Feier der Terroranschläge vor neun Jahren.

Die Fastenzeit dauert je nach Mondphase 29 oder 30 Tage, Eid al Fitr beginnt mit dem Auftauchen der neuen Mondsichel. Die Sichtbarkeit des zunehmenden Mondes kann in verschiedenen Teilen der Welt variieren. In Nordamerika könnte das Fastenbrechen in diesem Jahr auf Donnerstag, den 9., Freitag, den 10., oder Samstag, den 11. September, fallen. Die Feierlichkeiten dauern drei Tage.

In seiner Bedeutung für Muslime wird Eid al Fitr mit der christlichen Weihnacht verglichen. Selbst viele Muslime, die sonst selten Gebetshäuser aufsuchen, gehen dann in die Moschee. Man kleidet sich festlich, in der Familie werden Geschenke ausgetauscht. Häufig wird die Wohnung geschmückt, Freunde und Verwandte werden zum Essen und geselligen Beisammensein eingeladen.

Doch in diesem Jahr könnte das Feiern missverstanden werden. Der Muslimische Rat für öffentliche Angelegenheiten in Los Angeles hat bereits Kontakt zu Polizei und Justizbehörden aufgenommen und auf die zeitliche Überschneidung des Festes mit dem Jahrestag der Anschläge aufmerksam gemacht.

Der Islamische Rat von Nordamerika, der sonst zu Eid al Fitr Veranstaltungen für muslimische Familien in Vergnügungsparks organisiert, plant für diesen 11. September nichts. Einer der Initiatoren der Veranstaltungsreihe, Tariq Amanullah, arbeitete im World Trade Center und kam bei den Anschlägen vor neun Jahren ums Leben.

«Wie gehen wir angemessen damit um?»

Der Rat für amerikanisch-islamische Beziehungen (CAIR), eine Bürgerrechtsgruppe mit Sitz in Washington, hat Moscheen dazu aufgerufen, die Sicherheitsvorkehrungen zu überprüfen. Er sehe förmlich schon die Hass-Seiten im Internet vor sich, auf denen Dinge zu lesen seien wie «Diese Muslime feiern am 11. September», sagt CAIR-Sprecher Ibrahim Hooper. «Es wird wirklich immer beängstigender.»

In diesem Jahr sind viele Muslime in den USA besonders besorgt um ihre Sicherheit. In den vergangenen Monaten wurden Moscheen in verschiedenen Landesteilen Zielscheibe von Protesten und Vandalismus. Und die Debatte um eine geplante Moschee und ein islamisches Zentrum in der Nähe von Ground Zero erhitzt landesweit die Gemüter.

Haroon Moghul, ein führender islamischer Geistlicher in New York, sagt, der diesjährige Eid al Fitr sei in den Moscheen seit Monaten ein Thema. «Als wir gemerkt haben, dass der Ramadan zu etwa dieser Zeit enden würde, haben sich viele Leute zusammengesetzt und überlegt: Wie gehen wir damit angemessen um?», sagt Moghul.

Die meisten New Yorker Muslime würden wohl nicht so feiern, wie sie das normalerweise täten, sagt er und verweist darauf, dass viele bei der Zerstörung des World Trade Centers Angehörige verloren hätten. Viele Imame in der Stadt planten Predigten über den Umgang mit Verlust und Trauer. «Es ist für alle ein sehr schmerzhafter Tag.»

Dennoch wollen er und viele andere führende Muslime das Fest nicht so verändern, dass es den Anschein erwecke, als ob sie jenen nachgäben, die Vorbehalte gegen jegliche muslimische Religionsausübung haben. Einige Kritiker haben vorgeschlagen, die Muslime sollten den Beginn der Feiertage verschieben.

«Das ist, als ob man beleidigt wäre, wenn 9/11 und Weihnachten auf den selben Tag fielen», sagt Safaa Zarzour, Generalsekretär der Islamischen Gesellschaft von Nordamerika, die Zehntausende Mitglieder hat. «Das hat etwas Beunruhigendes.»

Predigten gegen Terror und Extremismus geplant

Die 35-jährige Yvonne Maffei aus Des Plaines in Illinois sagt, sie und ihr Mann wollten Eid al Fitr wie immer begehen - mit Gebeten in einer Moschee, einem anschliessenden Brunch und dann Besuchen bei Freunden.

«Ich glaube, die meisten Amerikaner verstehen den Wert religiöser Feiertage im Leben eines Menschen», sagt Maffei, Herausgeberin des Blogs «My Halal Kitchen», der islamisch korrekte Rezepte vorstellt. Und schliesslich werde mit dem Fest das Ende des heiligen Monats Ramadan gefeiert, in dem Gläubige fasteten und versuchten, Allah näher zu kommen.

Rizwan Jaka, Vorstandsmitglied der Muslimischen Gesellschaft im Grossraum Dulles bei Washington, sagt, dass sich der Moscheeverein vorab mit andersgläubigen Partnern in Verbindung setzen werde. Der Vorstand habe vor einigen Wochen beschlossen, in den Feiertagspredigten Terror und Extremismus zu verurteilen.

Ausserdem werde die Moschee wie jedes Jahr ökumenische Gedenk- und Friedensveranstaltungen zum Jahrestag der Anschläge veranstalten. «Wir werden sicherstellen, dass unsere Nachbarn und Freunde verstehen, dass wir alle als Amerikaner fest für Frieden und eine Atmosphäre des Respekts einstehen.»