Drogenkrieg in Marseille

06. Februar 2012 21:45; Akt: 07.02.2012 08:22 Print

Wenn Teenies mit Kalaschnikows töten

Marseille, Frankreichs zweitgrösste Stadt, wird 2013 Europas Kulturhauptstadt. In den Banlieues der Hafenmetropole regiert der organisierte Drogenhandel und die Gewalt.

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Quietschende Autoreifen, Schüsse, nervöse Rufe. In der Nacht auf den Montag trafs im verrufenen Norden gelegenen 14. Bezirk (Micocouliers) einen sogenannten «Chouffes», einen «Späher». Ein Mann schoss mit einer 9mm-Pistole sieben Mal auf das Opfer. Der 34-Jährige wurde regelrecht hingerichtet. Der unbekannte Täter flüchtete in einem Auto. Am Steuer ein Komplize. Der Verletzte wurde schwerverletzt ins Spital «Nord» eingeliefert. Seine Überlebenschancen seien gering, wird berichtet. Ein fast normaler Sonntagabend in Marseille.

2013 wird Marseille, Frankreichs Hafenmetropole mit 860 000 Einwohnern, europäische Kulturhauptstadt. Doch die Stadt am Mittelmeer hat Probleme, die einer Kulturhauptstadt nicht würdig sind. Drogenhandel, Bandenkrieg, soziales Elend. In den nördlichen Banlieues, in Font-Vert, le Clos la Rose, las Castellane regiert der Drogenhandel. Die Cités, die heruntergekommenen Wohnsilos für Immigranten und Arme, mutieren in diesem Krieg zu Festungen.

Seit drei Jahren liefern sich diese Viertel einen Krieg. Es ist ein erbarmungsloser Krieg gegeneinander und gegen die Polizei. Der Dezember 2011 war besonders blutig. Fünf Tote in vier Wochen, so die Mord-Bilanz, wie «Le Monde» in einer eindrücklichen Reportage schreibt. Die Kalaschnikow-Salven, die die fünf Männer, darunter ein Polizist, Ende 2011 töteten, waren weit herum zu hören.

Kalaschnikows - Symbol der Brutalität

Das Jahr 2011 war eigentlich relativ ruhig, obwohl die allgemeine Kriminalitätsrate in Marseille wieder anstieg. «Nur» 38 Morde und Mordversuche gabs laut Roland Gauze, Chef der Kriminalpolizei, in Marseille. 20 von ihnen gingen aufs Konto von Drogenhändlern.

Beunruhigend sind laut Gauze zwei Dinge: Erstens werden die Täter und die Opfer in diesem Bandenkrieg immer jünger. «Wir haben es mit immer jüngeren, impulsiveren und unvernünftigeren Leuten zu tun», bilanziert Gauze in der «Le Monde». «Die im Drogenhandel involvierten Jugendlichen seien meist zwischen 14 und 25 Jahre alt.» Und die haben keine Angst vor exzessiver Gewalt.

Das sei der zweite beunruhigende Punkt: Seit rund einem Jahr existiere eine eigentliche Kalaschnikow-Kultur in Marseilles Unterwelt. Die Kalaschnikow AK47 ersetzte die Pump Gun und wurde zum Symbol gewalttätiger Anarchie, zum Zeichen der Macht, erläutert David-Oliviers Reverdy, Sprecher der Polizeigewerkschaft, in FRANCE 24. Eine Kalaschnikow AK47 sei für rund 500 Euro zu haben. Bewaffnete Überfälle mit einer AK47, bei dem die Beute wenige Euros betrage, seien keine Seltenheit. Die extreme Gewaltbereitschaft dieser jungen, vergessenen Generation, die das schnelle Geld im Drogenhandel sucht, sei ein grosses Problem, so Reverdy.

Kriminelle Unternehmen

Das kriminelle Drogennetzwerk umfasst meistens ein Dutzend Jugendlicher. «Sie haben ein System, das sich teilweise in mehrere Verkaufsstellen unten in den Treppenhäusern aufteilt», erklärt Polizeichef Gauze der «Le Monde». «Jedes System ist streng organisiert und diszipliniert.» Anstatt Schule stehen die Jungs auf ihren Posten und wechseln sich ab, um den Verkauf zu sichern – alles beobachtet von den «Chouffes», den Spähern. Sobald die Polizei sichtbar wird, erschallt das «Arrraaah!» von Häuserblock bis Wohnhaus bis Treppenhaus – und alle sind gewarnt. Dann gibt es noch die Treiber, eine Art Handelsvertreter, die Kunden aufspüren, und die Eindecker, die sich um den Nachschub kümmern. Der «Kohlenhändler» ist der Verkäufer. Auf der untersten Hierarchiestufe sind die «Ammen», meist alleinerziehende, mittellose Frauen, die das Kokain und Heroin in ihren Kellern und Wohnungen verstecken. Das Einkommen in diesem «System» ist unterschiedlich: Ein Späher verdient monatlich rund 5000 Euro, ein Kohlenhändler bis zu 10 000 Euro. Doch die meisten verdienen an diesem schmutzigen Geschäft viel weniger.

Solche Netzwerke gibt es in Marseille Dutzende. Wird eines von der Polizei ausgehoben, übernimmt den Platz ein anderes. Das ist Sisyphos. Die Polizei ist machtlos.

Spärliche Lösungsvorschläge

Mehr Polizisten, mehr Jobmöglichkeiten, bessere Integration von Immigranten: Die unterschiedlichen Vorschläge von lokalen und nationalen Politikern, den Drogenhandel, Prostitution und Korruption in der Banlieu endlich in den Griff zu bekommen, zeigen eigentlich nur, wie hilflos die Politik ist. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt 40 Prozent, über 20 Prozent der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Ein Teufelskreis und wohl der Samen des brutalen Drogenkrieges.

Jean-François Chougnet, der das kommende Kulturjahr organisiert, ist überzeugt, dass sich Marseille 2013 zum Besseren wandeln wird. Schliesslich werden auch 90 Millionen Euros in die Stadt, die ein Imageproblem hat, gebuttert. Stararchitektin Zaha Hadid baut derzeit den ersten Wolkenkratzer der Hafenstadt. Die Organisatoren betonen, dass man die antike, multikulturelle Geschichte, die die Stadt einmalig mache, hervorheben möchte. Andere befürchten hingegen, dass die Events die bereits Ausgeschlossenen noch mehr ausschliessen werden. «Wegen Kunstmuseen und Kulturevents wird hier nicht alles zum Guten gewendet werden», meinte ein lokaler Reporter gegenüber The Guardian. Mohammed, ein Verkäufer auf dem Markt von Noailles, bringt es auf den Punkt: «Wer braucht Kultur? Was wir brauchen ist Sicherheit und saubere Strassen. Und wir wollen keine Angst mehr haben.»

(kub)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andreas am 07.02.2012 11:30 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Polizei bringt nichts

    Was ist mit sozialen Kulturzentren? Streetworkern? Sportliche Einrichtungen wie z.B. der Skatepark am Strand. Hunderte Jobs können nicht von heute auf morgen hergezaubert werden, aber zumindest Anlaufstellen, wie z.B. in Deutschland die "Arche". Damit die Jugendlichen wenigstens Alternativen sehen.

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  • Franz Ferdinand am 08.02.2012 11:09 Report Diesen Beitrag melden

    Legal = Kontrolliert?

    Wer das Gefühl hat, dass sich nach der Legalisierung der Schwarzmarkt auflöst, der träumt. Siehe Alkohol, Tabak, Waffen, Medikamente, Kleider, etc.

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  • Zürcher Zeit O am 07.02.2012 10:36 Report Diesen Beitrag melden

    Taten sollten Konsequenzen haben

    Solange die Politiker der Polizei nicht die nötigen Kompetenzen geben um die Drogenkartelle durch Arbeit Campus, Arbeitslehrstellen und harten Strafen für Kriminelle umsetzen können, dann kommt es wie in Mexico! Hart vorbeugen ist immer noch besser als einen unkontrollierten Quartierkrieg! Aber eben für eine solche Lebensbedingungsverbesserung braucht es Politiker mit Mumm und eine Gesellschaft die den Politiker mithelfen und voll unterstützen. Leider kann man da noch lange warten.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Flo K. am 08.02.2012 12:07 Report Diesen Beitrag melden

    Legaliesierung wirds nicht geben

    Vergesst die Legalisierung!! Die wird es wahrscheinlich NIE geben. Es gibt genug einflussreiche Leute und Institutionen (z.B. CIA), die enorm am Drogenhandel profitieren. Die werden schon dafür schauen, dass nichts legalisiert wird, weil sonst der Preis einbrechen würde!

  • Franz Ferdinand am 08.02.2012 11:09 Report Diesen Beitrag melden

    Legal = Kontrolliert?

    Wer das Gefühl hat, dass sich nach der Legalisierung der Schwarzmarkt auflöst, der träumt. Siehe Alkohol, Tabak, Waffen, Medikamente, Kleider, etc.

    • Tommy am 08.02.2012 11:52 Report Diesen Beitrag melden

      @Franz Ferdinand

      Klar verschwindet er nicht vollkommen. Aber genau wie du gesagt hast, es gibt für alles einen Schwarzmarkt. Es wird ja selbst Fleisch geschmuggelt. Das lässt sich nicht vermeiden. Aber wenn Drogen illegal sind dann laufen 100% der Geschäfte über den Schwarzmarkt. D.h. Alle Gewinne gehen an die Dealer, alle negativen Folgen (Gesundheitskosten) trägt der Staat und es gibt keine Kontrolle. Wenn es legal wäre würden vielleicht 10% über den Schwarzmarkt laufen. D.h. Einnahmen gehen an den Staat, die (dank Qualitätskontrolle) tieferen Gesundheitskosten trägt auch der Staat. Was ist daran schlecht?

    • Franz Ferdinand am 08.02.2012 18:23 Report Diesen Beitrag melden

      Zu gefährlich

      Grundsätzlich sind Drogen wesentlich schädlicher als Zigaretten und Alkohol. Und die Abhängigkeit kann bereits nach dem ersten Konsum (z.B. Heroin) einsetzen. Werden Drogen legalisiert, kommt eine noch viel grössere Menge an Personen an diese Stoffe heran, als es bereits heute der Fall ist. Und wie sieht es zum Beispiel mit GHB aus? Club - Frauen - Getränk - ...?

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  • Bürger am 07.02.2012 21:44 Report Diesen Beitrag melden

    Drogen legalisieren!!!

    Drogen legalisieren! Man hat gesehen, was die Prohibition in Amerika brachte. Der Verbot von Alkohol, förderte Schmuggel, Kriminalität, Geldwäscherei. Der Alkohol wurde legalisiert, die Leute (die Süchtigen?) trinken Wein, Bier, Schnaps unbehelligt fast überall. Der Staat verdient Steuern... wo ist da der Unterschied zu andern Drogen?

  • BRDA am 07.02.2012 16:10 Report Diesen Beitrag melden

    Legaliserung

    Ich sehe eine Legalisierung aller Drogen als einzige Lösung für solche Probleme. Mit moderaten Preisen im staatlichen Verkauf wird der Schwarzmarkt ausgetrocknet und den kriminellen Organisationen ein Grossteil der Einnahmen entzogen. Die Steuern die allein beim Verkauf von Cannabis eingezogen werden könnten...$-)

  • mcnulty am 07.02.2012 15:20 Report Diesen Beitrag melden

    the wire

    Das sind Zustände, wie sie die US-Serie "The Wire" schildert. Dort sinds nicht Marseilles Banlieues, sondern Baltimores Projects (Ghettos), in denen Drogenkrieg geführt wird. Sehr sehenswerte, kluge Serie, die die Lage der armen, meist schwarzen Bevölkerung aus verschiedenen Perspektiven (Polizei, Gewerkschaft, Politik, Schulen, Medien, Hafen) beschreibt. Europa ist nicht weit von diesem Elend entfernt.