«Silvesterbrauch»

01. Januar 2011 21:40; Akt: 01.01.2011 21:40 Print

Wenn in Frankreich die Autos brennen

von Annika Joeres, DAPD - Wie andernorts auch begrüssen die Franzosen das neue Jahr gerne mit Feuerwerk. Doch seit einiger Zeit verstehen Teile der Jugend darunter etwas ganz anderes.

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Auch im Grenobler Problemvorort Villeneuve brannten in der Neujahrsnacht wieder die Autos. (Bild: Keystone)

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Alle Jahre wieder gehen in Frankreich in der Neujahrsnacht hunderte von Autos in Flammen auf. Das war auch an diesem Jahreswechsel nicht anders. Wie viele Brandstifter am Werk waren bleibt diesmal allerdings ungewiss: Der französische Innenminister Brice Hortefeux will offiziell keine Zahlen zu den abgefackelten Autos mehr nennen. Es sei aber «relativ ruhig» geblieben. Immerhin ist aber bekannt, dass es landesweit zu rund 500 Festnahmen kam. Und auch im vergangenen Jahr wurde die Silvesternacht vom Innenminister als «ruhig» bezeichnet - damals wurden 1137 Autos abgebrannt.

Mehr als 50 000 Polizisten sollten im Nachbarland Ausschreitungen verhindern. Allein in Paris wachten mehr als 8000 Polizisten und 2200 Feuerwehrleute über die Feiernden. Laut Hortefeux ist es die grösste Brigade nach den Löschkräften in New York. Schliesslich erlebt Frankreich seit Jahren zu Festtagen Strassengewalt und brennende Autos. Die meisten Fahrzeuge werden traditionell in Strassburg, Paris und Marseille angezündet.

In diesem Jahr aber probt Hortefeux eine neue Strategie und verschweigt die Bilanz. «Wir kämpfen permanent gegen das mutwillige Anzünden von Autos an», sagte der wichtigste Minister aus dem Kabinett von Nicolas Sarkozy noch am Freitag. Offenbar hofft Hortefeux durch das Schweigen weniger Nachahmer zu provozieren. «Ich möchte diesen absurden Wettbewerb unter den Städten stoppen», sagte er. In den vergangenen Jahren hatten die meist jugendlichen Täter in Internetforen damit geprahlt, welche Region die meisten verbrannten Autos aufweisen könnte. Seitdem berichten auch französische Medien nur sehr zurückhaltend über die Feuerleger. Die Presse war in früheren Jahren von Politikern als mitverantwortlich für den gefährlichen Trend gemacht worden, weil sie ausführlich über die kriminellen Taten berichtet hatte.

Anstecken von Autos als Zeichen der Rebellion

Ihren ersten Höhepunkt erreichte der Trend bei den gewaltsamen Aufständen in den Vorstädten ganz Frankreichs im November 2005. Damals verbrannten insgesamt mehr als 10 000 Autos. Die Täter stammten aus den vernachlässigten so genannten «banlieues» - meist triste Hochhaussiedlungen einige Kilometer von den Zentren der grossen Städte Frankreichs entfernt. Die Jugendlichen entdeckten das bewusste Anstecken von Fahrzeugen oder auch Bushaltestellen und Mülltonnen als Zeichen ihrer Rebellion gegen die Gesellschaft.

Mit dem Krankheitsbild eines Pyromanen haben die Vorstadt-Zündler allerdings wenig gemein. Während ein Pyromane laut gängigen psychologischen Erklärungen einen unwiderstehlichen und zwanghaften Drang verspürt, Dinge anzuzünden, setzen die meist männlichen Täter in Frankreich sehr bewusst und freiwillig Gegenstände in Brand: Sie planen ihre Taten und verabreden sich häufig dazu. Und während früher die Autos fast ausschliesslich in den berüchtigten Vorstädten abgebrannt wurden betrifft das Phänomen mittlerweile auch ländliche Gegenden und die Zentren von Städten.

Pariser Feuerwehr zählt täglich rund 50 abgefackelte Autos

Ein Trend, der in Frankreich auch im Alltag anhält. Die Pariser Feuerwehr zählt täglich rund fünfzig abgefackelte Autos in der Hauptstadtregion. Zum Nationalfeiertag am 14. Juli und zu Silvester werden diese Zahlen allerdings mehrfach übertroffen. Es gibt selbst ein populäres französisches Lied namens «Pyromane» vom erfolgreichen Rapper Rohff, das sich Jugendliche als Klingelton herunterladen. Rohff singt in seinem Chanson vom immer währenden Konflikt mit der CRS, der französischen Spezialpolizei und den Frauen, die angeblich von der Feuersbrunst beeindruckt sein sollen.

Offenbar ist das Anstecken von Autos in Frankreich tief verwurzelt. Auch bei wichtigen Fussballspielen oder politischen Wahlen gehen inzwischen Dutzende Fahrzeuge in Flammen auf. Wahllos werden parkende Autos angezündet, meist indem ein brennender Karton unter den Wagen geworfen wird. Bis heute ist die französische Gesellschaft machtlos gegen das europaweit einzigartige Phänomen.