Wähler unter der Lupe

08. Mai 2012 21:25; Akt: 08.05.2012 22:33 Print

Wer hat Hollande auf den Thron gehievt?

von Harald Schultz, dapd - Um gewählt zu werden, musste François Hollande mehr Stimmen als die der traditionellen Linken auf sich vereinen. Vor allem benötigte er Wähler, die nur Sarkozy verhindern wollten.

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Am Ziel angekommen. François Hollande umarmt Lionel Jospin, den ehemaligen Premierminister und Präsidentschaftskandidaten, der 2002 knapp die Stichwahl verpasst und die Sozialisten in ein Tränenmeer gestürzt hatte. Küsschen für die Ex: Fünf Jahre nach Jospin war Ségolène Royal - Hollandes ehemalige Partnerin und Mutter seiner vier Kinder - für die Sozialisten angetreten und verlor gegen Nicolas Sarkozy. Anhänger von François Hollande auf der Place de la Bastille, wo der designierte neue Staatspräsident in der Nacht vom Sonntag auf den Montag eine Rede hält. Erstmals seit 24 Jahren hat die Sozialistische Partei in Frankreich einen Präsidentschaftswahlkampf gewonnen. Damals hiess der Sieger François Mitterrand, heute heisst er François Hollande. Ein Anhänger der Sozialisten begeht in Paris diesen Tag auf seine Art. François Hollande tritt am Abend in seiner zentralfranzösischen Heimatstadt Tulle vor das Volk und hält die erste Rede als frisch gewählter Präsident. «Der Wandel beginnt jetzt», ruft er seinen Anhängern zu, bevor er sich auf den Weg nach Paris macht. Er geht bereits nach fünf Jahren: Nicolas Sarkozy verlässt nach seiner Ansprache die Bühne im Salle de la Mutualité in Paris. Der abtretende Präsident hatte dort patriotische Worte an seine Anhäger gerichtet. Um 20 Uhr schlossen die Wahllokale und die ersten offizielle Hochrechnungen wurden publiziert. Doch bereits vor 20 Uhr war klar, dass Sarkozy unterlegen ist. Enttäusche Anhängerinnen Sakozys am Sonntagnachmittag. Grosse Freude hingegen bei den Anhängern der sozialistischen Partei. Sie versammelten sich am Sonntag im Lauf des Nachmittags auf der Place de la Bastille in Paris. Freude herrschte dort bereits, bevor die offizielle Hochrechnung bekannt wurde. Punkt 20 Uhr strahlte der französische Fernsehsender France 2 die Resultate seiner Hochrechnungen aus. Bereits am Nachmittag freuten sich Anhänger der Sozialisten, die sich vor der Parteizentrale in Paris versammelt hatten. Katerstimmung herrschte dafür am Hauptquartier von Sarkozy. Ein Anhänger des Präsidenten verfolgt am Nachmittag die eintreffenden Meldungen mit Sorge. Seine Bedenken waren berechtigt: Am Ende reichte es Sarkozy nicht. Am Sonntagmittag waren die ersten Wahlergebnisse von ausserhalb Frankreichs eingetroffen. Im Bild ein französischer Staatsbürger bei der Stimmabgabe in Ashdod, Israel. Hollande konnte in mehreren Überseegebieten, wo bereits am Samstag gewählt wurde, eine Mehrheit für sich gewinnen. Im Bild ein Plakat von Sarkozy in Lausanne, wo französische Staatsbürger ihre Stimme abgeben. Der französische gab seine Stimme am Sonntag im 16. Arrondissement in Paris ab. Mit dabei war seine Frau . Eine Frau verlässt die Wahlkabine in Henin-Beaumont, im Norden Frankreichs. von der Sozialistischen Partei gab seine Stimme in der zentralfranzösischen Stadt Tulle ab. Er erschien zusammen mit seiner Partnerin . Hollande nutzte den Sonntag für eine kleine Promotionstour durch die Dörfer um Tulle, wo er mehrere Jahre Bürgermeister war. Hollande mit einem Einwohner nahe Tulle. Eigentlich war er einst der Kronfavorit der Sozialisten - bis ihm Vergewaltigungsvorwürfe in den USA 2010 einen Strich durch die Rechnung machten: Dominique Strauss-Kahn bei der Stimmabgabe in Sarcelles, einem Vorort von Paris. Marine Le Pen gab ihre Stimme am Sonntag in Henin-Beaumont ab. Die Präsidentschaftskandidatin der Rechtspartei Front National hatte im Voraus angekündigt, leer einzulegen.

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Der künftige französische Präsident François Hollande hat die Wahl etwas knapper gewonnen als die meisten Umfragen vorhergesagt haben. Mit 51,62 Prozent lag er nur 3,24 Prozentpunkte vor dem amtierenden Präsidenten Nicolas Sarkozy, der 48,38 Prozent erzielte. Aber das waren die entscheidenden Punkte. Wer hat sie ihm verschafft?

Es war ein Teil der Wähler des Liberalen François Bayrou und der Rechtsextremen Marine Le Pen, so die Analyse des Politikwissenschaftlers Pascal Perrineau vom Institut Cevipof in Paris am Dienstag in der Tageszeitung «Le Figaro». Rund eine Million Stimmen sei nach dem ersten Wahlgang von Bayrou zu Hollande gewandert, eine weitere Million von Le Pen. Die traditionelle Linke habe im ersten Wahlgang zusammen nur 44 Prozent erzielt.

Das war aber nicht alles. Sarkozy fehlten auch Stimmen. Viele Sympathisanten Bayrous und Le Pens gingen gar nicht mehr wählen, erläutert Perrineau. Und mehr als sonst stimmten zwar ab, aber ungültig, wie es Le Pen angekündigt hatte. Das waren sechs Prozent, etwa zwei Millionen Wähler. Im Endergebnis übertraf Hollande das Resultat seiner früheren Lebensgefährtin Ségolène Royal (46,98) von 2007 um 4,64 Prozentpunkte.

«Zerbrechliches» Ergebnis

Perrineau spricht von einem «zerbrechlichen» Ergebnis für Hollande. Denn 55 Prozent seiner Wähler hätten vor allem eine zweite Amtszeit von Sarkozy verhindern wollen, nur 45 Prozent hätten für Hollande gestimmt, weil er Präsident werden sollte.

Besonders stark war Hollande in der Altersgruppe 50 bis 59 Jahre mit 60 Prozent. Fast ebenso stark war sein Ergebnis bei den 18 bis 24-Jährigen, wo er 59 Prozent holte und in der Alterskohorte von 25 bis 34 Jahren mit 55 Prozent. Dagegen war es unterdurchschnittlich mit 49 Prozent in der die Gruppe 35 bis 49 Jahren. Bei den über 60-Jährigen erzielte er sogar nur 46 Prozent.

Bei Katholiken hat Hollande keinen Stein im Brett

Bei den regelmässig praktizierenden Katholiken lag Hollande mit 27 Prozent besonders schlecht. Die gelegentlich zur Messe gehenden Katholiken stimmten mit 42 Prozent für ihn, die nicht-praktizierenden Katholiken zu 49 Prozent. Auch bei den Protestanten erzielte Hollande mit 39 Prozent keine Mehrheit. Vielmehr zog er Stimmen bei den Konfessionslosen mit 66 Prozent und bei den Muslimen mit 93 Prozent.

Das Ergebnis variierte auch nach der Schulbildung: Wer keinen Abschluss oder die Mittelschule absolviert hat, wählte zu 53 Prozent Hollande, wer Abitur und zwei Jahre Universität vorweisen kann, nur zu 50 Prozent. Und wer einen regulären Uni-Abschluss hat, zu 54 Prozent Hollande.

Das Ergebnis variiert auch nach dem monatlichen Haushaltseinkommen: Die Franzosen mit einem Einkommen unter 999 Euro wählten zu 59 Prozent Hollande, von 1000 bis 1999 Euro zu 55 Prozent, von 2000 bis 3499 Euro zu 52 Prozent. Nur in der obersten Einkommensklasse über 3500 Euro erzielte Hollande sein schwächstes Ergebnis mit 45 Prozent.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jamc am 08.05.2012 23:25 Report Diesen Beitrag melden

    Wer ?

    Die 2 Millionen die leer oder ungültig gewählt haben ...

  • Useruser am 08.05.2012 22:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Präsident

    Sarkozy wäre besser gewesen als Präsident

  • Dumme Frage am 08.05.2012 21:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Woher wissen die das?

    Füllt man in Frankreich beim Wählen auch gleich einen Marktforschungsbogen aus?

Die neusten Leser-Kommentare

  • Unter 60 am 09.05.2012 09:46 Report Diesen Beitrag melden

    Hm...

    Dann kann Hollande ja die Renten bei den über 60-jährigen kürzen, da die ja ohnehin Sarko gewählt hätten.

  • Jamc am 08.05.2012 23:25 Report Diesen Beitrag melden

    Wer ?

    Die 2 Millionen die leer oder ungültig gewählt haben ...

  • Useruser am 08.05.2012 22:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Präsident

    Sarkozy wäre besser gewesen als Präsident

  • Dumme Frage am 08.05.2012 21:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Woher wissen die das?

    Füllt man in Frankreich beim Wählen auch gleich einen Marktforschungsbogen aus?