Sprengstoff in Warenhaus

17. Dezember 2008 12:54; Akt: 17.12.2008 14:29 Print

Wer sind die Bombenleger von Paris?

von Peter Blunschi - Frankreich rätselt über die Identität der Bombenleger im Pariser Warenhaus «Printemps». Auf den ersten Blick waren es islamistische Terroristen, doch das Bekennerschreiben deutet in eine ganz andere Richtung.

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Das Bekennerschreiben der Bombenleger. (Bild: AFP)

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Am Dienstagvormittag erhielt die Nachrichtenagentur AFP das Bekennerschreiben einer bislang unbekannten Gruppe namens «Revolutionäre Front Afghanistans». Darin wurde auf mehrere Sprengsätze im Nobelkaufhaus «Printemps» im Zentrum von Paris hingewiesen. Die Gruppe verlangte den Abzug der rund 3300 französischen Soldaten aus Afghanistan bis Ende Februar 2009. Andernfalls «werden wir beim nächsten Mal ohne Vorwarnung zur Tat schreiten, in euren grossen kapitalistischen Geschäften».

Die Polizei entdeckte tatsächlich fünf Bündel «relativ alter Dynamitstangen» auf den Toiletten der Herrenabteilung. Das Warenhaus wurde für mehrere Stunden evakuiert. Mitten in der Vorweihnachtszeit sah sich Frankreich mit der Angst vor Terroranschlägen konfrontiert – und mit der Frage nach der Identität der Bombenleger. Auf den ersten Blick scheint der Fall klar: der Bezug auf die französischen Truppen in Afghanistan lässt auf Terroristen aus dem Umfeld von Al Kaida und Taliban schliessen.

Kein Bezug zur Religion

Experten bezweifelten aber einen islamistischen Hintergrund. Tatsächlich spricht wenig für diese Theorie. Islamistische Terroristen pflegen keine Vorwarnungen zu verschicken, sie bringen ihre Bomben direkt zur Explosion. Nach Angaben von Innenministerin Michèle Alliot-Marie waren die Dynamitstangen aber nicht mit einem Zünder versehen: «Es bestand keine unmittelbare Explosionsgefahr.» Islamisten verwenden zudem in der Regel kein Dynamit, sie basteln ihre Bomben mit Hilfe von Chemikalien.

Gegen die Islam-Spur spricht auch der Text des Bekennerschreibens. «Die verwendete Sprache ist keine islamistische Sprache», sagte ein Sprecher des Innenministeriums gemäss der Website von «Le Monde». Ein Kenner des islamistischen Terrors, der nicht genannt sein wollte, erklärte: «Islamisten denken und handeln religiös, in jeder Zeile ihrer Stellungnahmen beziehen sie sich auf die Religion.» So würden sie nie ein Land oder Volk erwähnen, sondern stets die Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen.

Marxistische Terminologie

Begriffe wie «kapitalistische Geschäfte» deuten in eine andere Richtung: «Die Formulierungen sind eher marxistisch», sagte der frühere Geheimdienstler Louis Caprioli der Agentur AP. Die Zeitung «France Soir» mutmasste, die Tat könne von Linksextremisten verübt worden sein. Aus diesen Kreisen sei in letzter Zeit Kritik an der Präsenz französischer Truppe in Afghanistan geübt worden, verbunden mit Drohungen.

Nicht ausgeschlossen wurde auch die These, eine eher spontane Gruppe habe während der Vorweihnachtszeit Angst und Schrecken verbreiten wollen. Darauf könnte ein Anruf deuten, den die Agentur AFP am 10. Dezember aus einer Telefonzelle am Flughafen Le Bourget erhalten hatte. Eine unbekannte Person kündigte eine Bombenexplosion im Warenhaus «Printemps» an, nahm aber gemäss der Agentur keinerlei Bezug auf Afghanistan oder die französischen Soldaten.

Innenministerin Alliot-Marie warnte daher vor Panik: Der Absender der Erklärung sei den Geheimdiensten bislang völlig unbekannt. «Wir müssen dem Inhalt des Schreibens misstrauen, es könnte auf eine falsche Fährte führen.» Die Antiterror-Ermittler sind nun gemäss «France Soir» daran, die Videobänder der Überwachungskameras im Warenhaus auszuwerten. Die Festnahme von sieben Islamisten mit afghanischem Hintergrund, die ebenfalls am Dienstag in der Pariser Banlieu stattfand, steht nach Behördenangaben nicht in Zusammenhang mit den «Printemps»-Sprengsätzen.