Angst

13. Oktober 2018 11:00; Akt: 13.10.2018 11:00 Print

Wer tötete die irakischen Influencerinnen?

Die Schönheitskönigin von 2015 verlässt den Irak, denn Shimaa Qasim hat Todesdrohungen erhalten. Zuvor waren in kurzem Abstand vier Frauen ermordet worden, die wie sie waren.

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Shimaa Qasim wurde 2015 zur Miss Irak gewählt – in den ersten Miss-Wahlen des Landes seit 43 Jahren. Damals wütete der «Islamische Staat» im Irak. Qasim schnappte sich nach der Krönung das Mikrofon und sagte: «So stelle ich mich dem Terrorismus entgegen!» Heute, drei Jahre später, hat sie der Mut verlassen. Vier prominente Irakerinnen wurden in den letzten Monaten teils auf offener Strasse ermordet. Und auch Qasim (25) erhält Morddrohungen. «Du bist die Nächste», lautete eine Botschaft an sie. Die Ex-Miss ... ... hat deswegen beschlossen, das Land zu verlassen und nach Jordanien zu fliehen. Auch sie ist in Angst: die Irakerin Dumooa Tahseen. Die diesjährige Gewinnerin der arabischen Ausgabe von «The Voice» berichtete ebenfalls von sich häufenden Morddrohungen. Ein grosser Schock war die Ermordung der Influencerin Tara Fares: Die 22-Jährige war am 27. September in Bagdad auf offener Strasse erschossen worden. Auch sie hatte zuvor Drohungen erhalten und wurde mitunter als «Nutte» beschimpft. Fares war durch ihren selbstbewussten Stil zum Instagram-Star geworden. Immer wieder veröffentlichte die geschiedene, alleinerziehende Mutter Fotos von sich mit verschiedenen Haarfarben, Tattoos und in gewagten Kleidern. Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen den Mord an der jungen Frau. Der Täter tritt an ihren weissen Porsche heran und feuert drei tödliche Kugeln ab. Dann ... ... fährt er auf einem Töff davon, dessen Fahrer auf ihn gewartet hat. Mittlerweile hat die Polizei einen Verdächtigen in dem Mordfall gefasst. Sie nennt keine Details. Die Schönheitschirugin Rafif al-Yaseri galt als «Iraks Barbie». Sie hatte 1,4 Millionen Instagram-Follower. Im August wurde sie in Bagdad tot in ihrem Haus aufgefunden. In derselben Woche ... ... wurde auch Rasha al-Hassan, prominente Eigentümerin eines Schönheitszentrums, tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Gerüchten zufolge sind die beiden Frauen vergiftet worden. Am 25. September wurde die Aktivistin Suad al-Ali in der südirakischen Stadt Basra erschossen. Al-Ali hatte unter anderem die jüngsten Proteste gegen Stromausfälle und Wasserknappheit in Basra organisiert. Er galt als der «irakische Brad Pitt»: Karar Nushi wurde im Juli 2017 von Unbekannten entführt, gefoltert und ermordet. Auch er hatte zuvor Drohungen erhalten. Die Täterschaft ist bis heute ungeklärt.

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«Du bist die Nächste!» Diese Drohung erreichte Shimaa Qasim, kurz nachdem das irakische Model Tara Fares (22) in Bagdad erschossen worden war.

Es war nicht die einzige Drohung, wie die 25-Jährige unter Tränen im Instagram-Video erzählt. «Wir sind Medienstars geworden, und deswegen kann man uns jetzt wie Hühner abschlachten?», klagt Qasim an. Sie werde den Irak verlassen und nach Jordanien gehen, sagte sie später dem irakisch-kurdischen Sender Rudaw.

«Nicht einfach zuwarten, bis etwas passiert»

Nach der Mordserie an prominenten Irakerinnen fühle sie sich in Bagdad nicht einmal bei sich zu Hause mehr sicher, erklärte die Ex-Miss und heutige TV-Journalistin. «Ich kann nicht einfach zuwarten, bis etwas passiert.»

Qasims Angst ist berechtigt und dürfte längst auch viele junge Irakerinnen gepackt haben, die sich von ihrer traditionellen Rolle abwenden, sich freizügiger kleiden und unabhängig leben wollen. So wie es Tara Fares (22) tat.

Im Porsche exekutiert

Das Instagram-Model mit rund drei Millionen Followern war Ende September in Bagdad in ihrem Porsche erschossen worden. Ein junger Mann ermordete die junge Frau mit drei Schüssen und flüchtete auf einem wartenden Motorrad, wie Bilder einer Überwachungskamera zeigen (siehe Bildstrecke).

Mittlerweile hat die Polizei einen Verdächtigen verhaftet. Der irakische Innenminister erklärte, dass «eine extremistische Gruppe» hinter dem Mord stehe. Namen oder nähere Einzelheiten nannte er aber nicht.

Vier ermordete Frauen in zwei Monaten

Diese Erklärung dürfte im Irak freilich niemanden überraschen. Längst wird darüber spekuliert, dass Fares' Ermordung mit weiteren Verbrechen gegen prominente Frauen zusammenhänge und dass dahinter ein und dieselbe Gruppierung stehe.

So starben im August in Bagdad innerhalb einer Woche eine berühmte Schönheitschirurgin und eine bekannte Besitzerin eines Schönheitsinstitutes bei sich zu Hause. Gerüchten zufolge wurden beide Frauen vergiftet. Kurz darauf erschoss ein Unbekannter die Aktivistin Suad al-Ali, die im südirakischen Basra die Proteste gegen die Regierung organisiert hatte.

Verdacht fällt auf schiitische Extremisten

Hinter den vier Morden vermuten nicht wenige einen Rachefeldzug radikaler Islamisten. Die (sunnitischen) Anhänger des «Islamischen Staats» (IS) kommen weniger in Frage: Der IS ist in Bagdad, wo drei der vier Morde geschahen, kaum präsent. Wahrscheinlicher ist es, dass schiitische Extremisten hinter der Mordserie stecken.

Seit ihre Milizen sich erfolgreich im Kampf gegen den IS hervortaten, haben auch schiitische Fundamentalisten an Macht gewonnen. Längst beeinflussen sie die nationale Politik und versuchen, der Gesellschaft ihren Stempel aufzudrücken. Leute, die sich in den Augen dieser Islamisten «zu westlich», «abtrünnig», «pervers» und überhaupt «unislamisch» aufführen, werden offen verbal bedroht, angegriffen, ermordet.

Immer mehr junge Atheisten

Viele junge Iraker wollen diese Beeinflussung der religiösen Sittenwächter nicht mehr hinnehmen. Begeistert unterstützen sie etwa Aktivistinnen wie Marina Jaber, die, gefolgt von einer Kamera, mit ihrem Velo allein durch Bagdad fährt und immer mehr Nachahmerinnen findet – obwohl Frauen auf Velos immer noch eine Seltenheit in dem konservativ-islamischen Land sind.

Eine weitere Reaktion: Immer mehr junge Iraker wenden sich von der Religion ab. Es habe noch nie so viele Atheisten im Land gegeben wie jetzt, hört man gerade an Universitäten immer wieder.

(gux)