Ungewisse Zukunft

14. Juli 2017 10:18; Akt: 14.07.2017 16:15 Print

Werden Mosul und der Irak den IS je wieder los?

von Ann Guenter - Iraks zweitgrösste Stadt ist von der IS-Schreckensherrschaft befreit. Wie steht es um die Zukunft Mosuls – und des Iraks?

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Luftschläge auf Positionen des IS in der Altstadt im Westen Mosuls einen Tag, nachdem der irakische Premierminister Haider al-Abadi den «vollständigen Sieg» verkündete. Über 60 Prozent der Stadt sind komplett zerstört. (Bild: Keystone/AP/Felipe Dana)

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Eli* arbeitet als Übersetzer, Journalist und Fotograf für kurdische Medien, für die er seit Monaten aus der zweitgrössten irakischen Stadt Mosul berichtet. «Allen Siegesmeldungen der irakischen Regierung zum Trotz: Es wird weiter erbittert gekämpft, und es gibt sowohl im Westen als auch im Osten der Stadt IS-Zellen, die mit der Bevölkerung zusammenarbeiten oder von dieser versteckt werden. So kann der IS weiterhin Operationen ausführen», sagt er.

Der Kurde bezweifelt sogar, dass die Terrormiliz überhaupt je vollständig aus der Stadt vertrieben werden kann. «Mosul mit seiner sunnitischen Mehrheit ist bereits seit Jahren eine IS-freundliche Stadt – ebenso wie die Städte der Anbar-Provinz. Man kann sagen, dass der IS bereits seit 2006 in Mosul Fuss gefasst hat.»

Nicht nur der Tigris teilt die Stadt

Tatsächlich gilt Mosul als eines der Zentren des sunnitischen Widerstandes. Der Hintergrund: Mit der Hinrichtung Saddam Husseins und der Entmachtung der alten sunnitischen Eliten folgte 2006 die Bildung einer schiitisch geprägten Regierung in Bagdad. Der Regime-Wechsel vertiefte die ethnisch-religiösen Gräben innerhalb des Landes, das jahrelang am Rand eines Bürgerkriegs stand. Den Machtkampf zwischen Sunniten und Schiiten nutzen längst auch verschiedene, von aussen kommende jihadistische Gruppen, seit 2003 auch die al-Qaida im Irak (AQI), der spätere IS.

Die religiöse Bruchlinie teilt Mosul, so wie es der Fluss Tigris tut: Der sunnitisch dominierte Westen der Stadt ist arm, hier leben einfache Bauern und Schäfer. Der Osten der Stadt hingegen ist religiös durchmischter, hier lebt die gebildetere, reichere Mittelschicht. «Auch deswegen konnte die irakische Armee den IS von hier schneller vertreiben», sagt Eli. Die IS-Kämpfer aus Mosul stammen eher aus dem Westteil, wohin sie sich dann wieder zurückzogen und bis jetzt mit der Unterstützung der Leute dort verschanzen oder untertauchen und Schläferzellen bilden.»

«Keine breite Unterstützung der Bevölkerung für IS»

Dass es in Mosul weiterhin Schläferzellen des IS gibt, davon geht auch Roland Popp aus. Dennoch relativiert der Nahostexperte von der ETH Zürich: «Der grosse Teil der Bevölkerung Mosuls hat in den letzten Jahren die Gräuel der IS-Herrschaft am eigenen Leib erfahren. Sie mag der in ihren Augen schiitisch dominierten Regierung in Bagdad weiter skeptisch gegenüber stehen – auf eine breite Unterstützung der Bevölkerung Mosuls aber kann der IS nicht länger zählen.»

Übersetzer Eli bleibt dennoch skeptisch: «Selbst wenn man alle IS-Zellen in Mosul ausheben kann – die Stadt ist kaum zu kontrollieren. Vor der Eroberung des IS vor drei Jahren gab es hier 13'000 Polizeikräfte. Auf sie hat der IS gezielt Jagd gemacht. Jetzt stehen noch 6000 freiwillige Polizisten zur Verfügung. Ohne Armee geht also gar nichts. Und wie will diese mit ihren schiitischen Kräften eine sunnitische Grossstadt in den Griff bekommen?»


Nach der Rückeroberung Mossuls von der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat warten tausende Menschen auf die Rückkehr in ihre Wohnhäuser. (Video: Tamedia/AFP)

«Grosse Chancen für das Land»

Die Antwort auf diese Frage hänge ganz von Bagdad ab, sagt Roland Popp. «Jetzt muss die irakische Regierung ganze Aufbauarbeit leisten – nicht nur bei der Infrastruktur der komplett zerstörten Stadt», so Popp. «In Mosul muss jetzt das Gefühl entstehen, dass Bagdad sich politisch bemüht. Es muss nicht nur den Sunniten aus Mosul das Gefühl geben, dass sie politisch stärker eingebunden werden.»

Derzeit sei im Land ein wiederbelebtes Nationalgefühl zu beobachten. «Das geht mit neuen Tendenzen in der Politik einher: So sind in Bagdad derzeit auch erstaunliche Wahlbündnisse zwischen Sunniten und Schiiten im Tun», sagt Popp. «Alles in allem bieten sich grosse Chancen für das Land. Wir werden sehen, ob der Irak diese auch nutzen wird.»

* Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ostseeanrainer am 14.07.2017 12:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Endlosschleife

    Zuerst muss sich etwas in den Köpfen der Menschen bewegen. Europa hatte z.B. die Zeit der Aufklärung.Bis dahin gab es auch noch Hexenjagd und Hexenverbrennung.Die letzte u.a. in der Schweiz.Solange es diesen religiösen Zwist untereinander gibt und einer dem anderen gegenüber politisch und wirtschaftlich bevorteilt wird,gibt es auch keine Ruhe.Ein weiteres Kriterium sind Korruption und Vetternwirtschaft und der gesellschaftliche Stillstand.Alle stehen sich im Prinzip gegenseitig im Weg und blockieren damit eine entsprechende Entwicklung,was wiederum zu Streit führt.Eine Endlosschleife.

  • Faules Schwein am 14.07.2017 10:51 Report Diesen Beitrag melden

    Zu viele IS Gruppen in EU

    Splitergruppen von IS wird es weiterhin geben, und diese werden in Zukunft einen fiesen Untergrundkampf führen. Die vor kurzem feigen Anschläge in Europa haben es schon bewiesen. Der IS hätte von Beginn mit allen Mitteln bekämpft und vernichtet werden sollen, heute hat er wie ein Krebsgeschwür überall seine Ableger, die kaum zur vollständigen Emilinierung bekämpft werden kann.

  • Chtulhu am 14.07.2017 11:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Islam und die Eigenverantwortung

    Vielleicht wenn der Islam endlich zeitgemäss reformiert wird und nicht der Westen für alles verantwortlich gemacht wird.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Geisser Martina am 14.07.2017 18:38 Report Diesen Beitrag melden

    Gewalt wird allgemein zunehmen

    Ich glaube nicht, dass sich so schnell was ändern wird. Es ist ja nicht nur der IS der eine Gefahr darstellt. Ich gehe aber auch dass in Europa die Gefahr von Gewalt zunimmt, auch hier ist nicht nur die Gefahr des IS. Es gibt auch Leute wie in Hamburg.

  • Fritz Kistler am 14.07.2017 18:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unschöne Zukunft

    Der Islam ist am Punkt, wo er entweder an sich selbst scheitert und weiter zersplittert wird oder sich zu einer sehr grossen Reform aufrafft um all die Strömungen in eine einheitliche Fliessrichtung zu vereinen. Dies wird einen gewaltigen Kraftakt erfordern. Für einen aussenstehendem Betrachter weist im Moment alles auf das erste Szenario hin. Als Muslim und nicht nur als solcher, würde ich mich auf eher unschöne Jahre einstellen...

  • PH am 14.07.2017 17:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der arabische Raum...

    wahr....ist....und wird es im sein und tun bleiben. Im Mittelalter.

    • Ostseeanrainer am 14.07.2017 20:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @PH

      Gestern lief auf N-TV eine Doku,bei der mit versteckter Kamera von einer Muslimin fingierte Familienszenarien,wie körperliche Gewalt vom Ehemann,Scheidungsantrag der Frau oder Verweigerung des Beischlafs durch die Frau,mehrere Imame damit konfrontiert wurden. Ich habe nicht gewusst,dass es so viele Gründe gibt,laut Scharia eine Frau zu steinigen. Für mich war das mehr als verstörend.Wenn man die europäische und die islamische Gesellschaft heute und mit der vor 600 Jahren vergleicht,sieht man bei der europäischen sehr grosse Unterschiede,bei der islamischen kaum.Sie haben auf jeden Fall recht.

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  • Ostseeanrainer am 14.07.2017 12:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Endlosschleife

    Zuerst muss sich etwas in den Köpfen der Menschen bewegen. Europa hatte z.B. die Zeit der Aufklärung.Bis dahin gab es auch noch Hexenjagd und Hexenverbrennung.Die letzte u.a. in der Schweiz.Solange es diesen religiösen Zwist untereinander gibt und einer dem anderen gegenüber politisch und wirtschaftlich bevorteilt wird,gibt es auch keine Ruhe.Ein weiteres Kriterium sind Korruption und Vetternwirtschaft und der gesellschaftliche Stillstand.Alle stehen sich im Prinzip gegenseitig im Weg und blockieren damit eine entsprechende Entwicklung,was wiederum zu Streit führt.Eine Endlosschleife.

  • Typhoeus am 14.07.2017 12:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wiederaufbau nach Verursacherprinzip

    Alle ölkonsumierenden Industriestaaten sollten sich aus moralischer Verantwortung daran beteiligen.

    • Pragmatiker am 14.07.2017 13:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Typhoeus

      Wenn einem gar nichts sinnvolles mehr einfällt: Öl geht immer. Zusammenhang? Egal.

    • Death Parade am 14.07.2017 14:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Typhoeus

      die usa kann sich das ned leisten :)

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