Unruhen

01. Februar 2011 13:25; Akt: 01.02.2011 15:12 Print

Wie Ägypter in der Krise den Alltag meistern

von Ryan Lucas, dapd - Seit Ausbruch der Proteste ist der Wasserpreis deutlich gestiegen. Die Menschen kaufen Brot und Bohnen auf Vorrat und formieren sich zur Bürgerwehr.

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Vize-Präsident Omar Suleiman erklärt am Abend des 11. Februar am ägyptischen TV Hosni Mubaraks Rücktritt. Das vorläufige Kommando übernehmen die Streitkräfte, allen voran Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi. Grenzenloser Jubel auf dem Tahrir-Platz in Kairo, nachdem bekannt worden war, dass Mubarak zurückgetreten war. Wieder sind hunderttausende Ägypter auf die Strasse gegangen. Die Proteste in Kairo beschränkten sich nicht mehr nur auf den Tahrir-Platz. Auch vor dem Präsidentenpalast versammelten sich Tausende. Die Armee riegelte die Umgebung ab. Auch vor dem Hauptsitz des verhassten Staatsfernsehen versammelten sich mehrere Zehntausend. Die Armee sicherte auch hier das Gebäude ab. Am Morgen veröffentlichte das Militär ihr «Communiqué Nummer zwei». Darin hat es sich hinter die Entscheidung von Präsident Hosni Mubarak gestellt, nicht zurückzutreten und die meisten Amtsbefugnisse seinem Stellvertreter Omar Suleiman zu übertragen. Gleichzeitig will die Armee Garantin für Reformen sein. Verteidigungsminister und Feldmarschall Hussein Tantawi präsidiert den Militärrat am späten Abend des . Das staatliche Fernsehen zeigte Bilder der Militärs, die berieten, «welche Massnahmen und Vorkehrungen getroffen werden könnten, um die Nation zu schützen». Zuvor hatte Präsident Hosni Mubarak entgegen den Erwartungen erklärt, noch bis im September bleiben zu wollen. Er kündigte stattdessen an, Amtsvollmachten an seinen Stellvertreter Omar Suleiman abzugeben. Demonstranten reagieren mit Wut auf Hosni Mubaraks Rede. In Anspielung auf den berühmt gewordenen Schuhwerfer von Bagdad haben einige ihre Schuhe in die Höhe gereckt. Sie bewegten die Schuhe hin und her. Der Tahrir-Platz in Kairo ist am Abend des 10.Februars rappelvoll. Gebannt warten die Demonstranten auf Mubaraks angekündigte Rede. «Wir sind beinahe da, wir sind beinahe da», rufen sie in Erwartung des Rücktritts ihres Präsidenten. Der ägyptische Aussenminister Ahmed Abul Gheit wirft den USA am vor, die Supermacht wolle Ägypten ihren Willen aufzwingen. Demonstration bei Kerzenlicht auf dem Kairoer Tahrir-Platz. Eine Demonstrantin hält ein Plakat mit der Aufschrift «Mubarak[s Zeit] ist abgelaufen» auf dem Tahrir-Platz. Auch an diesem Dienstag strömten Zehntausende auf den zentralen Platz, der zum Symbol des Widerstands gegen das Regime geworden ist. Früh am Morgen: Die Opposition wappnet sich für einen neuen grossen Demonstrationstag. Zahlreiche Menschen haben wieder auf dem Tahrir-Platz übernachtet. Ein Freiwilliger wischt den Platz. Die ägyptische Regierung macht am Zugeständnisse: Höhere Löhne für Staatspersonal, Untersuchungen zu Korruption und Wahlmanipulation. Den harten Kern der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo lässt das zunächst kalt. Auftanken zwischen den Panzern. Gebetet wird immer wieder. Verhasste Gesichter werden zur Schau getragen. Der improvisierte Helm hat Konjunktur. Die Menschen haben den ganzen Tag demonstriert. Sie verharren bis am Abend in der Nähe des Tahrir-Platzes. Ägyptens Vize-Präsident Omar Suleiman ist mit Oppositionsvertretern zu Gesprächen über politische Reformen zusammengekommen. Teile der Führungsriege der ägyptischen Regierungspartei NDP des Präsidenten Mubarak einschließlich des Generalsekretärs Safwat el Scharif und des Präsidentensohnes Gamal Mubarak haben am laut einem Bericht des ägyptischen Staatsfernsehens ihren Rücktritt erklärt. Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz ließen sich von der Rücktrittsbotschaft nicht beeindrucken. Das werde nur den Durchhaltewillen und die Zuversicht der Demonstranten stärken, sagte der 45-jährige Aktivist Wael Chalil. Denn damit werde deutlich, dass sich das Regime Stück für Stück zurückziehe. Auf der ägyptischen Halbinsel Sinai explodierte am 5.2.11 eine Gaspipeline. Die Flammen schossen meterhoch in den Himmel, wie Augenzeugen erklärten. Europa werde bei der Begleitung des Wandels in Ägypten auch eng mit den USA zusammen arbeiten. Dies hat die Bundeskanzlerin Merkel am 5.2.11 in München mit US-Aussenministerin Clinton so besprochen. Am ist für die Regierungsgegner «Tag des Abgangs». Sie verlangen, dass Mubarak heute zurücktrete. Trotz der steigenden Opferzahl wagen sich auch wieder Frauen auf die Strasse. Die Armee kontrolliert die Demonstranten. Journalisten sind in den letzten Tagen verstärkt ins Visier des ägyptischen Regimes geraten. Mehrere ausländische Reporter wurden verhaftet, andere wurden angegriffen. Am späten Abend des äusserte sich Hosni Mubarak zum ersten Mal seit dem Ausbruch der Demonstrationen in einem Interview. Er sagte, er wolle zwar zurücktreten, könne aber nicht. Derweil gingen die Auseinandersetzungen zwischen Regime-Gegnern und Mubarak-Anhängern in Kairo weiter. Auch am flogen Steine. Diese Demonstranten posieren für den Fotografen. Gewonnen hat bisher aber niemand. Auch am Donnerstag gab es Tote. Zudem wurden Menschen, wie diese Frau, verletzt. In der Nacht zum 3. Februar lieferten sich Regime-Gegner und Mubarak-Treu erbitterte Strassenkämpfe. Dabei wurden auf dem Tahrir-Platz Menschen getötet. Weitere wurden verletzt. Beides, weil Mubarak-Anhänger in die Menschenmenge schossen. Ein anderer Mubarak-Gegner stellte sich auf einen Panzer. Die Lage auf dem Tahrir-Platz ist eskaliert, nachdem Mubarak-Anhänger Protestierende angegriffen haben. Einzelne Supporter des Präsidenten stürmten den Platz auf Kamelen. Bissiger Kommentar von Regimegegnern: «Das Ganze wird endgültig zum Zirkus.» Neben von der Regierung bezahlten Schlägertrupps befinden sich in der Pro-Mubarak-Fraktion auch wahre Anhänger des umstrittenen Präsidenten. Die Armee verhält sich passiv und versucht lediglich, die beiden Lager auseinanderzuhalten. Dutzende Verletzte werden gemeldet. Ägypter schauen sich in der Nacht auf den 2. Februar auf einer improvisierten Grossleinwand die Erklärungen von US-Präsident Obama vor den amerikanischen Medien an. Dieser hatte sich zuvor lange mit seinem Amtskollegen Mubarak unterhalten. Der Rede von Obama ist eine Ansprache von Präsident Mubarak vorangegangen. Darin verkündete er, im Herbst nicht mehr zu den Präsidentschaftswahlen antreten zu wollen. Damit waren die Demonstranten nicht zufrieden. Auch in Ägypten wird es kalt über die Nacht: Protestierende wärmen sich mit einem Lagerfeuer. : Am achten Tag demonstrieren in Ägypten mehrere 100 000 Menschen in Kairo. Das Volk bleibt auch dem angekündigten Abgang von Präsident Mubarak dabei: Go! Auf Plakaten machen die Demonstranten aus Präsident Hosni Mubarak Adolf Hitler. Auch viele Frauen sind auf die Strasse gegangen. Die Armee durchsucht die Demonstranten. Der Tahrir-Platz ist zum Symbol der Massenproteste geworden: Tausende fingen am 1. Februar auf dem Platz an zu beten. Die Opposition hatte für den 1. Februar den «Marsch der Millionen» angekündigt. Die Armee fuhr daher bereits am frühen Morgen Panzer auf. Eine «Mubarak-Puppe» hängt an einem Lichtsignal. Befürworter von Mubarak gingen am 1. Februar ebenfalls auf die Strasse. Sie hoffen, dass sich Mubaraks Regierung halten kann. Da Lebensmittel knapp werden, kaufen die Ägypter Brot auf Vorrat. : Am siebten Tag der Proteste versammelten sich wieder tausende Ägypter auf dem Tahrir-Platz, um gegen Präsident Mubarak zu demonstrieren. Das Militär versucht, die Lage zu kontrollieren. Panzer vor den Pyramiden versinnbildlichen die angespannte Lage in Kairo. Nachdem Plünderer das Ägyptische Museum heimgesucht und mehrere Mumien zerstört hatten, wird der Touristenmagnet nun von schwerbewaffneten Sicherheitskräften bewacht. Die Wut der Demonstranten flackert immer wieder in Gewalt gegen Personen auf, die verdächtigt werden, Polizisten in Zivil zu sein. Präsident Mubarak (rechts) vereidigte seine neugebildete Regierung. Eine riesige Menschenmenge wartet am Kairoer Flughafen darauf, das Land verlassen zu können. : Friedensnobelpreisträger Mohammed al-Baradei schliesst sich den Demonstranten in Kairo an. Die Kämpfe der vergangenen Tage haben sowohl bei Menschen... ... wie auch Gebäuden ihre Spuren hinterlassen. Angst vor Plünderern: Im Viertel Maadi im Süden Kairos wurden junge Männer über Lautsprecher aufgerufen, an den Eingängen von Häusern Präsenz zu zeigen und Plünderer zu vertreiben. : Der ägyptische Geheimdienstchef Omar Suleiman ist als Vize-Präsident des Landes vereidigt worden. Die Proteste in der ägyptischen Hauptstadt Kairo setzten sich unvermindert fort. Hier bringen sich Demonstranten in Sicherheit vor den Ordnungshütern. Vereinzelt wurden gar Armeepanzer in Brand gesetzt. Ein Aufruf zur Ruhe von Präsident Mubarak in der Nacht auf den 29. Januar verhallte weitgehend wirkungslos. : Am Abend ziehen Demonstranten durch die Innenstadt von Kairo. Panzer fahren durch die Menschenmengen. In der Innenstadt von Kairo brennen Gebäude. Trotz Demonstrationsverbot gingen nach dem Freitagsgebet Tausende auf die Strasse, um gegen die Regierung von Präsident Hosni Mubarak zu protestieren. In Kairo schloss sich der Friedensnobelpreisträger Mohamed Al-Baradei den Protesten an. Er wurde von der Polizei mit Tränengas und Wasserwerfern in eine Moschee getrieben, wo er kurzzeitig festgesetzt wurde. Die Polizei setzte Tränengas und Schlagstöcke ein. Aus dem ganzen Land wurden Dutzende Verletzte gemeldet. Hunderte Demonstranten hielten mitten in den Strassenschlachten für ein spontanes Gebet inne. Uniformierte und zivile Polizisten gehen mit grosser Härte gegen die Demonstranten vor. Die Wasserwerfer können diesen Demonstranten nicht aufhalten.

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Nach 24 Jahren in Kanada waren Rafik und Leila Baladi erst vor zwei Wochen zurück nach Kairo gezogen. Jetzt sind sie wie so viele Einwohner der 18-Millionen-Stadt im Chaos der Protestwelle unterwegs, um Wasser und die wichtigsten Lebensmittel auf Vorrat zu kaufen und packen in einem Supermarkt in der Innenstadt ihren Einkaufswagen mit Milch, Bohnen, tiefgekühlter Hähnchenbrust und anderem voll. «Wir wissen einfach nicht, was passieren wird», sagt Leila. «Die Leute haben eine Riesenangst.»

Der Aufstand gegen das Regime von Präsident Hosni Mubarak, der vor einer Woche begann und am Dienstag mit einem Marsch von einer Million Menschen eine neue Dimension erreichen sollte, hat den Alltag in der ägyptischen Hauptstadt durcheinandergewirbelt. Schulen sind geschlossen, Geschäfte verriegelt. Statt des üblichen Megastaus fliesst der Verkehr nur spärlich. Dem Nachtleben hat das Ausgehverbot von abends bis morgens den Garaus gemacht. Internet- und SMS-Dienste, teilweise auch Handy-Netze sind seit Tagen gestört.

Schlaflose Nächte

Die Furcht vor Kriminalität ist allgegenwärtig. «Die Geldautomaten sind leer, um die 5000 Sträflinge treiben sich auf den Strassen herum, und es gibt keine Sicherheit», klagt May Sadek, eine PR-Agentin aus dem bürgerlichen Stadtteil Dokki. Aus mindestens vier Gefängnissen in Kairo sind in den vergangenen Tagen tausende Gefangene ausgebrochen. Die Polizei, normalerweise an fast jeder Strassenecke präsent, hatte sich am Wochenende verkrümelt, sodass Plünderer und Brandstifter freie Bahn hatten. Banden räumten Geschäfte, Einkaufszentren und Wohnungen in besseren Vierteln aus. Erst am Montag waren in vielen Gegenden wieder Polizisten zu sehen.

Doch in der Zwischenzeit sprangen junge Männer in die Bresche, bildeten Bürgerwehren und rüsteten sich mit Schusswaffen, Messern und Knüppeln, um ihre Familien und ihr Hab und Gut zu verteidigen. In Teilen der Stadt regelten sie auch den Verkehr und verjagten Banden von Kriminellen, die Autoscheiben einschlugen.

Wegen der Schüsse draussen und aus Angst vor Plünderern taten Naglaa Mahmud und ihre beiden Söhne zuhause im gehobenen Stadtteil Maadi im Süden Kairos in der Nacht zum Sonntag kein Auge zu. «Wir konnten nicht schlafen», sagt die 37-jährige Hausfrau. «Mein Mann und mein Bruder gingen mit Knüppeln runter, um die Gauner fernzuhalten. Bei Tagesanbruch sind meine Kinder endlich eingeschlafen. Die Schüsse haben ihnen Angst gemacht.»

Leere Geldautomaten

Da kein Ende der Proteste in Sicht ist, decken sich die Menschen mit Vorräten ein, um abzuwarten, bis die Lage sich beruhigt. In Vierteln wie Samalek, Mohandiseen und Dokki wurden bereits am Sonntag manche Dinge knapp, vor allem Brot und Wasser in Flaschen. In einem Laden kostete Wasser drei mal so viel wie üblich. Da die Banken geschlossen sind und viele Geldautomaten nichts mehr hergeben, hat manch einer schon nicht mehr viel im Portemonnaie. «Wir können nichts abheben, und wir haben im Augenblick keine 1.000 Pfund (124 Euro) mehr. Deshalb kaufen wir jetzt, was wir können, und versuchen damit auszukommen», erklärt der Musiker und Autor Rafik Baladi.

Das öffentliche Leben in Kairo ist fast ganz zum Erliegen gekommen. In der Innenstadt, dem Brennpunkt der Proteste, haben nahezu alle Geschäfte die Läden dicht gemacht, Schaufenster sind zugestrichen oder mit Brettern vernagelt. Am anderen Nilufer in Dokki haben nur eine Handvoll Apotheken, Cafés und Imbissstuben geöffnet. «Seit Dienstag geht es nur noch um die Demonstrationen, um nichts sonst», sagt Selma Abu Dahab, die für eine internationale Firma arbeitet. Dass der Zugang zum Internet gekappt ist, sei für alle ein grosses Ärgernis: «Das ist so, als ob sie uns einen Knebel in den Rachen stopfen.»

Trotz aller Sorgen, Mühen und Ängste scheinen sich die Menschen in Kairo auf die Situation einzurichten. «Das ist das erste Mal, dass wir in so einer Lage sind», sagt Sadeks Freund Jassin Gedelhak, ein junger Immobilienmakler. «Es ist nicht nur eine Frage, wie lange wir durchhalten können - es ist eher die Frage, wie lange die aushalten können», sagt er in Anspielung auf Mubaraks Regime.