Europol-Fotos erkannt

07. Februar 2019 20:27; Akt: 08.02.2019 05:59 Print

Wie Leser Pädo-Tätern auf die Schliche kamen

Nachdem 20 Minuten über eine Foto-Erkennungsaktion von Europol berichtet hatte, konnten gleich mehrere Leser Objekte identifizieren.

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Vergangene Woche veröffentlichte Europol dieses Foto. Die Polizeibehörde hoffte, dass ein Betrachter diese Örtlichkeit erkennen würde. Und tatsächlich: Eine 20-Minuten-Leserin konnte das Bild verorten. Auf dem Bild ist ein spanisches Hotel zu sehen. Erkannt hat die Leserin die Örtlichkeit wegen des Pools, dem weissen Geländer aus Stein und vor allem auch wegen des Hintergrunds, dem bebauten Hügel des Ferienorts. Auf Seiten wie Reddit wurde zuvor über die Örtlichkeit gerätselt. Ein Internetnutzer stellte die Anweisungen ins Internet. Anhand dieser Infos könne man den Ort vielleicht identifizieren. Auch dieser Ort scheint mittlerweile bekannt zu sein. Das Bild ist von der Webseite verschwunden. Auch diesen Platz scheint jemand erkannt zu haben. Auch dieses Bild ist weg. Ein Twitter-Nutzer aus Finnland hat diesen Ort akribisch ermittelt. Zu diesem Bild schrieb er auf Twitter: «Hallo Europol. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich es gefunden habe. 21 km nördlich von Shenzhen. 22 ° 43.375'N 114 ° 3.192'E. Berge okay, Dach okay, umliegende Gebäude okay, Strasse okay, blaues Dach okay, Bogenhaushintergrund okay, grössere Häuser okay. Ich würde 99 Prozent sagen.» Teilweise werden auch Objekte entfernt, weil zu wenig oder gar keine hilfreichen Hinweise eingegangen sind. Dann wird laut Europol versucht, anders an die Täter heranzukommen. Doch die folgenden 27 Objekte müssen nun noch identifiziert werden: «Can you recognise this baby girl's shirt?» (Erkennen Sie das Shirt dieses Mädchens?), fragen Ermittler aus Europa auf der Website von Europol. Mit der Publikation des Bildes erhoffen sie sich, Hinweise zum Opfer und somit auch zum Täter zu bekommen. Auch in dieser Halle wurde ein Kind Opfer einer Tat. Personen wurden nachträglich aus dem Bild entfernt. Wer kann Hinweise zu diesem Tatort liefern? Wer weiss, wo dieser Rucksack gekauft werden kann, würde den Ermittlern bei ihrer Suche nach dem Kriminellen helfen. Erkennen Sie dieses Schreibheft? Oder ist es gar ein bestimmtes Buch, auf das Sie in Ihrem Leben bereits einmal irgendwo gestossen sind? Jeder auch noch so kleine Hinweis könnte den Ermittlern zum Durchbruch verhelfen. Die Kantonspolizei Bern hat drei mutmasslich Beteiligte identifiziert und angezeigt. Badetücher, die vielleicht von einem bestimmten Hersteller aus einem bestimmten Land stammen? Jeder Hinweis ist für die Ermittler von Nutzen. Auch mit Kleidungsstücken von Missbrauchsopfern will man dem Täter auf die Schliche kommen. Wolves Cheerleaders? Von welcher Highschool stammt dieses Shirt? Fragen, die sich die Fahnder beim Ermitteln stellen müssen. Ein Kalender, der vielleicht Hinweise auf den Ort des Verbrechens gibt? «Have you seen this calendar before?» «Erkennen Sie diese Box?» Auch hier hofft man, dass die Aufschrift des Plastiksacks Licht ins Dunkel bringt. Ein Engelchen oder das Abbild eines Mädchens an der Wand, eine Plastikflasche und ein kleines Plüschtier: Mit dem Hintergrund eines Kinderpornos sollen Rückschlüsse zum Täter gezogen werden können. Das Logo auf diesem Kissen könnte den Ermittlungen zum Durchbruch verhelfen. Dieses Kindershirt, ... ... dieses Sportshirt, ... ... ein Oberteil mit einem Cartoon, ... ... ein Shirt einer Sportmannschaft ... ... und dieses rote Oberteil sind zu eruieren. Erkennen Sie das Logo des Sportvereins? Wissen Sie etwas über diesen Hut? Auch von diesen Plastikflaschen will man die genaue Marke wissen. Am Freitagmorgen wurden auch die Fotos dieses Orts ins Internet gestellt. Vielleicht kennt jemand die Stadt im Hintergrund. Oder diese Landschaft? In welcher Stadt könnte diese Aufnahme gemacht worden sein? Eine Lampe, die im Hintergrund von explizitem Material aufgetaucht ist, könnte ebenfalls Hinweise liefern. Erkennt jemand den Eingang dieses Hauses?

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Fehler gesehen?

Auf den ersten Blick sind es harmlose Fotos, die Europol zur Identifizierung ins Internet stellt: Der Ausschnitt eines Schlafanzugs, ein Rucksack, eine Landschaft. Die Bildausschnitte aus kinderpornografischem Material machen dennoch tief betroffen. Denn sofort wird einem bewusst: Hier, in dieser abgebildeten Umgebung, wurde ein Kind missbraucht. Und: Der Täter konnte für dieses Verbrechen noch nicht zur Rechenschaft gezogen werden. So versuchen Leute aus aller Welt, Objekte und Orte zu bestimmen.

Auch mehreren 20-Minuten-Lesern ist es gelungen, einen Tatort genau zu verorten. Leserin Selina Hunziker aus dem solothurnischen Niedergösgen erzählt: «Als ich die Bilder anschaute, erschrak ich.» Das Foto eines Tatorts – eine Hotelanlage mit Pool, einem auffälligen Geländer im Vordergrund und einem bebauten Hügel im Hintergrund – kam ihr auffällig bekannt vor.

Missbrauch in spanischem Viersternehotel

«Zwar konnte ich mich an den Namen des Hotels nicht mehr erinnern, doch wusste ich, dass ich hier vor 14 Jahren selbst Ferien gemacht hatte», erzählt Hunziker. Sie sei damals 18 Jahre alt gewesen. Es seien ihre ersten Ferien ohne Eltern, dafür mit ihrem damaligen Freund gewesen. «Ich kann mich noch genau an das Geländer erinnern», sagt sie. «Auch die Umgebung habe ich in meinem Gedächtnis abgespeichert.» Nach kurzen Recherchen im Internet und dem Vergleich von Bildern sei sie sich dann 100 Prozent sicher gewesen: «Beim abgebildeten Tatort handelt es sich um ein spanisches Viersternehotel* an der Costa Brava.»

Produkte aus der Schweiz erkannt

Auch eine Leserin aus dem Kanton Bern konnte den Ermittlern wichtige Hinweise liefern. «Ich habe zwei Artikel wiedererkannt, weil ich diese Produkte für meine Tochter verwende», sagt sie. Sie konnte einen Baby-Badezusatz und einen Nasenspray identifizieren – «beim Nasenspray weiss ich, dass es diesen nur in Deutschland und der Schweiz zu kaufen gibt». Das Bademittel habe sie zudem einmal in den USA gekauft und auf der Europol-Seite schliesslich wiedererkannt.

Europol löscht identifizierte Objekte

Während vor der Berichterstattung durch 20 Minuten 41 Fotos online zu sehen waren, sind es heute nur noch 27 Objekte, die identifiziert werden müssen. Sobald ein Gegenstand oder Ort richtig erkannt wurde, löscht Europol das Foto aus dem Internet und leitet das neu erlangte Wissen an die zuständigen Ermittler weiter.

Verbissene Internet-Detektive

Ein Blick auf Foren wie Reddit oder Twitter zeigt: Leute aus aller Welt versuchen verbissen, den pädosexuellen Tätern auf die Schliche zu kommen. Besonders analytisch geht etwa ein finnischer Twitter-Nutzer gegen die Straftäter vor. So will er etwa eine Dachterrasse 21 Kilometer nördlich der chinesischen Stadt Shenzhen ausfindig gemacht haben. «Hügel okay, Dach okay, umliegende Gebäude okay, Strasse okay, blaues Dach okay, Bogenhaushintergrund okay, grössere Häuser okay», tweetete er über seinen Fahndungserfolg.

Das Bild zum Tweet:

Wie es etwa im Fall des spanischen Hotels, das Leserin Selina Hunziker erkannt hat, nun weitergeht, will das europäische Polizeiamt nicht bekanntgeben. Claire Georges von Europol sagt dazu: «Wir wollen sicherstellen, dass der Täter nicht merkt, dass die Polizei ihm auf die Schliche kommt.» Doch die Dankbarkeit bei Europol gegenüber den Hilfsdetektiven aus dem Internet ist gross: «Thank you very much», schreibt Claire Georges von Europol via Mail an 20 Minuten.

*Name der Redaktion bekannt

(miw)