Jemen

07. Juni 2011 23:45; Akt: 07.06.2011 22:57 Print

Wie Saleh zum Diktator wurde

von Ahmed Al-Haj, AP - Mit harter Hand hat Jemens Präsident Ali Abdullah Saleh sein Land regiert. Auf dem Weg nach oben bewies er sein politisches Kalkül. Das Ende seiner Herrschaft konnte er aber nicht verhindern.

Bildstrecke im Grossformat »
Mit mehr als 99,8 Prozent ist Abed Rabbo Mansur Hadi am 24.2.2012 zum neuen Präsidenten des Jemen gewählt worden. Ein historischer Moment: Im saudiarabischen Staatsfernsehen ist zu sehen, wie der langjährige jemenitische Präsident Ali Abdullah Saleh das Dokument zur Abgabe seiner Macht unterzeichnet. Auf den Strassen Sanaas demonstrierten die Menschen dagegen, dass die Unterschrift unter das Dokument Saleh und seiner Familie Immunität vor Strafverfolgung zusichert. Auch am gehen in der Hauptstadt Sanaa die Demonstrationen gegen den Präsidenten Saleh weiter. Zehntausend Menschen sind am in Jemens Hauptstadt Sanaa auf die Strassen gegangen und haben gegen Präsident Saleh demonstriert. Am kehrt Präsident Ali Abdullah Saleh erstmals nach vier Monaten in die Hauptstadt Sanaa zurück. Am wird mit neuen Granatangriffen im Jemen weitergemacht. Die Waffenruhe wird gebrochen. Die Proteste in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa gehen auch am weiter. Tags darauf werden bei einem Granatenangriff auf diesem Platz mindestens drei Demonstranten getötet. Auch in der Stadt Taiz im Süden Jemens werden die Protestierenden von Sicherheitskräften vertrieben. Bei Protesten in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa sind am mindestens 26 Demonstranten getötet und 200 weitere verletzt worden. Nach dem blutigen Wochenende herrscht im Jemen Ausnahmezustand. Im Jemen haben tausende Demonstranten zum Beginn des Studienjahres am die größte Universität des Landes gestürmt. Am haben Zehntausende Demonstranten die Söhne von Präsident Ali Abdullah Saleh zum Verlassen des Landes aufgefordert. Am schliessen sich 100 000 Menschen in einem Trauerzug in Sanaa zusammen. Nachdem bekannt wurde, dass Präsident Ali Abdullah Saleh das Land in Richtung Saudi-Arabien verlassen hat, bricht am Jubel auf den Strassen aus. Lautstark verlangen die Regierungsgegner in der Hauptstadt Sanaa den Rücktritt von Präsident Ali Abdullah Saleh. Am Rande eines Bürgerkriegs: Rauch steigt auf in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. Regierungsgegner leisten einem verwundeten Stammeskämpfer, der bei Gefechten mit der Armee verletzt wurde, erste Hilfe. Ein klares Ziel vor Augen: Dieser Demonstrant zeigt mit seinem Slogan unmissverständlich, wo er Präsident Saleh haben möchte. Ein Teil der Armee ist zu den Demonstranten übergelaufen. Als Zeichen der Solidarität mit ihnen strecken die Soldaten die Hände zusammen. Siegeszeichen der übergelaufenen Soldaten. Auch Frauen ... ... und ältere Stammeskämpfer gehen auf die Strasse, um ihren Frust mit lauten Parolen kundzutun. Rauchschwaden von brennenden Reifen steigen empor. Oppositionelle versuchen einen Strassenabschnitt zu blockieren. Auch die Stadt Taiz im Süden von Jemen kommt nicht zur Ruhe. Bei nächtlichen Auseinandersetzungen wurden mindestens 20 Aufständische getötet sowie über 150 verletzt.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Als der Protest in der arabischen Welt den Jemen erreichte, versuchte es Präsident Ali Abdullah Saleh erst mit der gewohnten Taktik des Lavierens und Manipulierens, dann mit nackter Machtpolitik. Wie weit es mit seiner Macht noch her ist, steht infrage, seitdem der - nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 65 und 69 Jahre alte - Staatschef nach einem Angriff auf seinen Amtssitz plötzlich zur ärztlichen Behandlung nach Saudi-Arabien flog. Nun droht ein Machtvakuum in dem Land, das er seit 33 Jahren mit eiserner Hand regiert.

Saleh konnte relativ unbesorgt grosse Teile des armen, rückständigen Landes seiner Kontrolle entgleiten lassen, weil er die wichtigen Stammesführer und Lokalpolitiker in der Tasche hatte und sich mit Günstlingswirtschaft und Postengeschacher ihrer Loyalität versicherte. Er konnte mit der einen Hand mit militanten Islamisten einschlagen und ihre Kämpfer gegen seine Feinde in Stellung bringen, und mit der anderen Hand Millionen Dollar aus Washington für den Kampf gegen Al-Kaida einstreichen. Das verbündete Saudi-Arabien nannte ihn unter der Hand «korrupt, unzuverlässig und weitgehend erfolglos», griff ihm aber dennoch mit Militärhilfe und Geld unter die Arme, weil es ihn für unverzichtbar hielt.

Die anschwellende Protestbewegung liess ihm immer weniger Spielraum. Er schwenkte auf die Taktik um, die ihm seit seiner Zeit als Offiziersanwärter vertraut ist: rohe Gewalt. Doch Salehs Sicherheitskräfte zeigten sich seinen Gegnern nicht gewachsen. Einflussreiche Stammesführer schlugen sich zunehmend auf die Seite der Protestierenden. Bisherige Verbündete wie die USA kamen zu dem Schluss, dass die Aussicht auf einen langwierigen Bürgerkrieg im Jemen schlechter wäre, als Saleh zu verlieren.

Nach Präsidentenmord an die Spitze

Immer weiter schwanden Salehs Hoffnungen, den Aufstand niederzuschlagen. Kein Zugeständnis, auch nicht das Angebot eines vorzeitigen Rücktritts, konnte die Demonstranten beschwichtigen. Ihre Triebfeder blieb die bittere Armut und das Gefühl, dass die unerhörten Umwälzungen in der arabischen Welt die einmalige Chance zum Sturz des Regimes böten. Es war eine Lektion in Machtpolitik, in der Salehs eigene Herkunft widerhallt.

Salehs Familie war mit dem mächtigen Al-Ahmar-Clan verbündet, der damals einen Stammesverbund in Nordjemen anführte. Das bis 1962 herrschenden Königshaus pflegte den Clan zu konsultieren und sich alle möglichen Entscheidungen absegnen zu lassen. Saleh studierte die Hackordnung offenbar sehr genau und wollte daran teilhaben. Die Schule verliess er schon früh und meldete sich zu den Streitkräften und ging auf die Militärakademie des Nordjemens, der sich nach dem Bürgerkrieg nach Westen orientierte.

Der nordjemenitische Präsident Ahmed bin Hussein al Ghaschmi wurde auf den ehrgeizigen jungen Offizier aufmerksam und ernannte ihn zum Kommandanten von Tais. Als Al Ghaschmi 1978 bei einem Bombenanschlag getötet wurde, schlug Salehs Stunde. Er wurde in einen Präsidialrat berufen und war binnen eines Monats Präsident und Oberbefehlshaber der Streitkräfte von Nordjemen. Als eine seiner ersten Amtshandlungen befahl er die Hinrichtung von 30 Offizieren, darunter auch einige seiner alten Freunde, die wegen des Anschlags auf Al Ghaschmi verurteilt worden waren.

Aufnahme von Afghanistan-Veteranen

Den Ruf als harter Machtpolitiker gefestigt, kannte er sich auch in den politischen Spielchen des Kalten Krieges aus. Als Nachbar des sozialistischen Südjemens verstand er es, den Westen um Hilfsgelder anzugehen und international an Statur zu gewinnen. Beim Zerfall der Sowjetunion 1990 wagte er seinen kühnsten Schachzug und handelte die Wiedervereinigung des geteilten Landes aus. Unter einer Bedingung: Es sollte nur einen einzigen Präsidenten geben - ihn. Am 22. Mai 1990 hisste er in Aden im Süden die Flagge der Republik Jemen.

Der Westen begrüsste die friedliche Wiedervereinigung, doch bald wuchsen Zweifel. Arabische Veteranen, die in den 80er Jahren in Afghanistan gegen die Sowjets gekämpft hatten, brauchten eine neue Heimat. Saleh bot ihnen offenbar Zuflucht an, wenn sie im Gegenzug seine Autorität anerkennten. Zugleich geriet er in der Region ins Abseits. Dass er seinem alten Verbündeten Saddam Hussein nach dem irakischen Angriff auf Kuwait die Stange hielt, führte zu Differenzen mit Saudi-Arabien und den USA. Innenpolitisch jedoch machte ihn das Machtgeflecht aus Militär und Stämmen so gut wie unangreifbar. 1997 winkte das Parlament seine Beförderung zum Feldmarschall durch. Keine zwei Jahre später gewann er die erste direkte Präsidentenwahl im Jemen mit über 96 Prozent der Stimmen.

Die Aufnahme der Afghanistan-Veteranen schlug 2000 auf ihn zurück, als bei einem Bombenanschlag auf den US-Zerstörer «Cole» vor Aden 17 amerikanische Seeleute getötet wurden. Washington verstärkte den Druck auf Saleh, energischer gegen militante Islamisten durchzugreifen. Sein Vorgehen wurde vielfach als inkonsequent und ineffektiv kritisiert, doch blieb dem Westen kaum eine andere Wahl als Saleh, zumal Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel zunehmend mit Terroranschlägen von sich reden machte.

Saleh geriet mehr und mehr in eine Zwickmühle. Er konnte sich nicht offen gegen die Antiterroreinsätze der USA stellen, befürchtete aber zugleich, die islamische Welt könnte meinen, er habe die Lage im eigenen Land nicht mehr im Griff. Er sollte recht behalten - wenn auch nicht aus diesen Gründen.