Verfehlte Hilfe in Kenia

17. Dezember 2011 10:40; Akt: 17.12.2011 14:47 Print

Wie aus Wohltätigkeit Tätlichkeit wurde

Nicht immer kommt Gutes dabei heraus, wenn wohltätige Vereine Gutes tun wollen: In Kenia hatte der noble Wille von Natur- und Tierschutz-Organisationen schlimme Folgen für das Samburu-Volk.

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Auch Kinder des Samburu-Volkes haben ihre Heimat verloren (Bild: Survival International).

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Der Name sagt es eigentlich schon: Wohltätigkeitsorganisationen wollen Gutes tun. Die Natur schützen. Tiere retten. Menschen ein besseres Leben ermöglichen. Umso schlimmer, wenn durch den Schutz der einen die anderen leiden. Zurzeit geschieht genau dies in Kenia. Nachdem zwei Natur- und Tierschutzorganisationen aus den USA in Kenia Land gekauft und dieses der kenianischen Regierung geschenkt hatten, wurden die Samburu-Nomaden, die jahrzehntelang auf diesem Territorium gelebt hatten, vertrieben. Seit sie ihr Land verloren haben, muss die Bevölkerung schwere Misshandlungen durch die kenianische Polizei erleiden. Menschen werden geschlagen, Häuser niedergebrannt, Vieh geklaut und Frauen vergewaltigt. Inzwischen gingen die Samburu vor Gericht, um ihr Landrecht einzufordern.

Zu dem Streit kam es im Laikipia-Distrikt in Kenia. Die Gegend ist für seltene Wildtiere bekannt und dadurch eine Touristenattraktion. Prinz William hatte sich die Gegend ausgesucht, um seiner jetzigen Frau Catherine einen Heiratsantrag zu machen. Die beiden Wohltätigkeitsorganisationen The Nature Conservancy (TNC) und die African Wildlife Foundation (AWF) hatten für je zwei Millionen Dollar 70 Quadratkilometer Land gekauft. Dieses hatte laut der NGO Survival International dem früheren Präsidenten Daniel Arap Moi gehört, dem immer wieder Landraub unterstellt wurde.

Die beiden Natur- und Tierschutzorganisationen hatten das Land vor kurzem der kenianischen Regierung «geschenkt», damit diese dort den Laikipia Nationalpark aufbauen kann. Der Kenia Wildlife Service (KWS) soll den Park leiten. Kenia hofft, mit dem Nationalpark noch mehr Natur- und Tierbegeisterte Touristen anzulocken. Noah Wekesa, Kenias Minister für Wald und Wildtiere, sagte vergangenen Monat, die Spende nehme man gerne an, denn die heimischen Tiere seien «für uns ein Goldesel».

Tausende Menschen gewaltsam vertrieben

Gestört haben die Behörden aber die Samburu-Nomaden, die seit vielen Jahren auf dem von den US-amerikanischen Natur- und Tierschutzorganisationen gekauften Land, leben. Tausende Menschen wurden gewaltsam vertrieben. 2000 Samburu-Familien, die nirgends hinkönnen, leben seither am Rande des umkämpften Territoriums in provisorischen Hütten. 1000 Familien sind laut Survival International gezwungen worden, das Gebiet ganz zu verlassen. Jo Woodman, Aktivist bei Survival International erzählte, dass die Samburu nicht nur vertrieben sondern von der Polizei auch schikaniert worden seien. Die Beamten hätten Tiere konfisziert, Menschen geschlagen, Frauen misshandelt und einen älteren Mann sogar erschossen.

Ein Führer der Samburu-Gemeinschaft, der nicht genannt werden will, beschrieb die Belästigung durch die Polizei als extrem brutal. «Die Polizei hat die Häuser der Menschen niedergebrannt, Bettwäsche, Kochutensilien – alles wurde zerstört», zitiert «The Guardian». Die kenianische Polizei war für das britische Blatt nicht erreichbar, um zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen.

Der Fall ist vor Gericht

Die Samburu haben inzwischen vor Gericht ihr Recht auf Land eingefordert. Das Gericht hat das Umweltschutzprojekt von Kenia Wildlife Service inzwischen gestoppt, bis der Rechtsfall gelöst ist. Dies wurde bislang aber ignoriert. Rechtsanwalt Korir Sing’Oei, der die Samburu vertritt, sagte, die Übergabe des Landes an den KWS sei unrechtmässig: «Es verletzt die Interessen der Samburu-Gemeinschaft.»

Die beiden Natur- und Tierschutzorganisationen, die das Land gekauft hatten, deuteten an, die Situation mit Besorgnis zu beobachten, sie aufgrund des laufenden Rechtsverfahrens zurzeit nicht kommentieren zu können. John Butler, der Direktor des Marketings für AWF sagt laut «Guardian»: «Die African Wildlife Foundation duldet keine Gewalt. AWF hat blickt auf eine lange Tradition enger Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinschaften zurück. Diese sichert zu, dass Umweltschutzlösungen für Menschen und das Wildleben von Vorteil sein müssen.» Blythe Thomas, eine Sprecherin von The Nature Conservancy sagt: «Der Konflikt über natürliche Ressourcen in Afrika ist ein ernstes Thema. Überall wo wir in Afrika arbeiten, arbeiten wir mit lokalen Gemeinschaften zusammen, um natürliche Ressourcen zu bewahren.»

Rechtsanwalt Korir Sing’Oei betont, dass die vertriebenen Samburu Laikipia nicht verlassen wollen. Sie hätten gar keinen Ort, an den sie gehen könnten. Auch für den Samburu-Stammesältesten ist es keine Option, wegzugehen: «Das ist unsere Heimat. Hier wurden wir aufgezogen und diesen Ort nennen unsere Kinder Heimat. Es ist unser Ahnenland.»

(ske)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • florian sommer am 17.12.2011 18:29 Report Diesen Beitrag melden

    der mensch, sein gefährlichster gegner..

    die einen gewinnen und profitieren, die anderen verlieren und leiden - so wird es immer bleiben!

  • Andy am 17.12.2011 10:53 Report Diesen Beitrag melden

    Danke 20min

    Dass ihr auf dieses Thema aufmerksam macht, ich wäre der Meinung in diesem Thema gäbe es noch viel mehr aufhol bedarf, denn immer wieder werden die Ziele der Hilfsorganisationen verfehlt oder sind nutzlos, wegen zu wenig Kenntnis der lokalen Kultur und Gegebenheiten. Sicher nicht so schlimm wie in Kenia, aber mit mehr konstruktiver Kritik wäre ich der Meinung könnte die wirkliche Hilfe verbessert werden. Wie sieht es denn heute in Haiti oder den Tsunami betroffenen Inseln aus?

  • the Gringe am 17.12.2011 12:24 Report Diesen Beitrag melden

    Respekt!

    Respekt, dass ihr diesen Beitrag bringt, in einer Zeit in der die meisten Menschen ihren Verstand mit Weihnachtsgefühlen betäubt haben.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Roger am 18.12.2011 20:53 Report Diesen Beitrag melden

    Der Pakt mit dem Panda

    Nicht nur unbekannte Naturschutzorganisationen zeigen hinter ihrer guten Seite manche fragwürdigen Geschäfte und Beziehungen. Die Vertreibung von Ur-Völkern aus Naturschutzgebieten um Öko-Tourismus Platz zu machen ist sehr verbreitet! Der sehr sehenswerte Dokumentarfilm "Der Pakt mit dem Panda" ist frei ansehbar im Internet.

  • Skeptiker am 18.12.2011 12:52 Report Diesen Beitrag melden

    blauäugig

    Ist ist völlig blauäugig zu denken, man könne afrikanischen Behörden ein Projekt vorlegen, sie bezahlen und dann das Gefühl haben, die machen das schon gut. Afrika ist wie kein anderes Land rassistisch, und vertriebene Menschen gelten als vogelfrei. Es sind sicher nicht nur die Polizisten, die sie schikanieren, sndern auch die Bewohner der Gegend, in die die Samburu ausgewichen sind. Schliesslich es hat nun mal in diesem grossen Land nicht Platz für alle, und zuallererst werden die Tiere vertrieben. Sinn macht so ein Schutzgebiet nur, wenn darin keine Menschen leben, und sowas gibt es kaum noch

    • Blauäugiger am 18.12.2011 14:08 Report Diesen Beitrag melden

      Blauäugig?

      Was haben wir blauäugigen jetzt wieder damit zu tun?

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  • Eva H. am 18.12.2011 08:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und...

    Wieso kann man diese Menschen, anstatt sie zu vertreiben, in das Projekt einbinden? Z.B. als Tierhüter, Touristenführer, Restauration, administration etc.

  • Palemar am 17.12.2011 19:47 Report Diesen Beitrag melden

    Business

    Und habt ihr gewusst, dass Angestellte einer Wohltätigkeitsorg. besonders gut verdienen? Und warum ist geschenkt eigentlich als "geschenkt" geschrieben. Nicht die dortigen Menschen werden unterstützt... und wenn, dann bedeutet es 2mal ein Teller Essen - aber sie müssen etwas dafür tun (Christen werden, "Praktikum" leisten etc). Wacht auf, es ist ein Riesengeschäft.

    • Juck Norris am 20.12.2011 12:31 Report Diesen Beitrag melden

      Business 2.0

      So ist es!! Non-profit heisst ja eigentlich nur dass die Einnahmen über den Aufwand raus müssen, bevor Sie als Betriebsgewinn deklariert werden könnten... :-)

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  • Sanitätssoldat am 17.12.2011 18:34 Report Diesen Beitrag melden

    Unüberlegte Initiative

    Natürlich sind letztendlich die Behörden an den Tätlichkeiten schuld. Aber: Die genannten Natur- und Tierschutzorganisationen haben ihre Idee nicht zu Ende gedacht und lokale Politik, Organisationen und kulturelle Unterschiede nicht berücksichtigt. Es sollte gelten, was unserem Roten Kreuz zu Grunde liegt: Menschliches Leben hat immer 1. Priorität!

    • Rene am 17.12.2011 23:24 Report Diesen Beitrag melden

      Bis die Welt völlig ruiniert ist

      Menschliches Leben hat so lange 1. Priorität und darf alles ruinieren und zerstören bis der Planet für Menschen nicht mehr bewohnbar ist. Sehr gut durchdacht. Doch, doch.

    • Realist am 18.12.2011 01:18 Report Diesen Beitrag melden

      Achtung

      Es ist ein Unterschied ob man menschliches Leben KURZFRISTIG oder LANGFRISTIG zur Prioritaet hat. Kurzfristig gedacht gilt NUR der Mensch, langfristig muss man GANZHEITLICH denken. Da kann der Mensch auch mal zu Kompromissen gezwungen sein und Natur und Tier den vortritt geben. Natur ist die Lunge und das Herz der Welt. Werden sie vernichtet folgt der Mensch.

    • Abeeku Stähli am 18.12.2011 15:12 Report Diesen Beitrag melden

      @Rene

      Ich glaube nicht, dass es für den Nationalpark nun einen Unterschied macht, ob die Samburu im betreffenden Gebiet leben oder nicht. Die Samburu sind ein originaler, bekannter und kulturell reicher Stamm Kenias, der mit der Natur gut zusammenlebt. Es ist schlimm wie hier mit ihnen umgegangen wird. Hier wird eine ganze Volksgruppe vertrieben, diskriminiert und ihr kulturelles Erbe verletzt. Wenn sie weiter dort leben könnten, wäre der Effekt auf Natur und Tiere minimal.

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