Milliardenvermögen

23. Dezember 2013 19:48; Akt: 23.12.2013 20:03 Print

Wie die Schweiz Chodorkowskis Geld rettete

Der einst reichste Mann Russlands verdiente im Straflager rund 35 Franken pro Monat. Doch was wurde aus Michail Chodorkowskis Milliardenvermögen?

Bildstrecke im Grossformat »
Der berühmte Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski (50) am 5. Juni 2014 in der S7 Richtung Rapperswil. Michail Chodorkowski ist in der Schweiz angekommen. Am 5. Januar 2014 ist er mit dem Zug in Basel eingetroffen. Der russische Kreml-Kritiker ist zusammen mit seiner Frau Inna und drei seiner vier Kinder, den beiden Söhnen Gleb und Ilja und der Tochter Anastasia, gereist. Auf der Fahrt gab er dem Schweizer Fernsehen Auskunft. Er wiederholte, dass er sich auch von der Schweiz aus für die Befreiung von politischen Gefangenen in Russland einsetzen will. Er habe eine Verantwortung gegenüber der Zivilgesellschaft: «Man kann doch nicht ruhig leben, wenn man weiss, dass in Gefängnissen politische Gefangene schmoren.» Begleitet wurde Chodorkowski vom Moskau-Korrespondenten des Schweizer Fernsehens, Peter Gysling. Am 22. Dezember sprach Michail Chodorkowski erstmals nach zehn Jahren vor den Medien . Auf der Medienkonferenz in Berlin sprach er der deutschen Regierung seinen Dank für deren Hilfe aus und gegen einen Olympiaboykott. Und er verwies darauf, dass es noch weitere politische Häftlinge in Russland gebe. Chodorkowski wurde am 20. Dezember 2013 vom ehemaligen deutschen Aussenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Berliner Flughafen Schönefeld empfangen. Chodorkowski quartierte sich im Luxus-Hotel Adlon ein, vor dem sich eine Schar von Kamerateams aus der ganzen Welt einfand. Boris Chodorkowski, der Vater des Freigelassenen, erreichte das Hotel am 21. Dezember, wo er seinen Sohn wiedersehen durfte. Pawel Chodorkowsky, der älteste Sohn des Kreml-Gegners, traf ebenfalls im Adlon ein. Seine schwerkranke Mutter Marina Chodorkowskaja (mit weisser Mütze) wollte Michail Chodorkowski (links) im Spital besuchen. Sie hatte sich in Berlin behandeln lassen. Doch die Mutter war bereits am 10. Dezember aus dem Spital entlassen worden und wieder nach Russland zurückgekehrt. Das Treffen fand trotzdem in Deutschland statt. Chodorkowski hat unmittelbar nach seiner Freilassung ein Flugzeug Richtung Deutschland bestiegen. Anastasia Chodorkowski, die Tochter des Regimekritikers, tritt am Tag der Freilassung ihres Vaters im russischen Fernsehen auf. Chodorkowskis Frau Inna (l.) und seine Tochter Anastasiya auf dem Weg zu einem Gerichtssaal 2011. Chodorkowskis Eltern Marina (l.) und Boris im Mai 2011 bei einem Interview in einem von ihrem Sohn gegründeten Internat für Waisenkinder. Putins Erzfeind und einst reichster Mann Russlands: Michail Chodorkowski wurde am 20. Dezember aus dem Straflager Segescha nahe der finnischen Grenze entlassen. Hier, in der Strafkolonie Nummer 7 in Segescha im nordwesten Russlands, sass Chodorkowsky die letzten beiden von zehn Jahren ein. Wegen Steuerhinterziehung und Korruption, wie es hiess. Die Verurteilung des einstigen Erdölmagnaten galt allgemein aber als politisch motiviert. Per Helikopter ging es Richtung St. Petersburg. Danach soll der 50-jährige Chodorkowski ein Flugzeug Richtung Deutschland bestiegen haben, wo er sich mit seiner Mutter treffen will. Von dort aus plant er laut «Spiegel» in die Schweiz weiterzureisen. Von Polizisten eskortiert verlässt Kremlgegner Michail Chodorkowski einen Gerichtssaal in Moskau, Dezember 2003.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Im Gefängnis machte er Aktenordner aus Karton und verdiente so sein Brot: Sein Dezemberlohn aus dem Straflager an der russisch-finnischen Grenze betrug 1270 Rubel, umgerechnet 34.60 Franken. Dabei hatte Michail Chodorkowski einst ein Vermögen von schätzungsweise elf Milliarden Dollar besessen. Zehn Jahre und eine Begnadigung durch Waldimir Putin später stellt sich die Frage, was aus Chodorkowskis Vermögen wurde.

Der russische Oligarch hatte vom sogenannten Wildwest-Kapitalismus der 90er-Jahre in Russland profitiert. Dazu hatte er aus dem Ölkonzern Jukos eines der bestgeführten Unternehmen Russlands gemacht. Entsprechend saftig waren die Forderungen des russischen Staates, als Chodorkowski wegen Steuerhinterziehung und Unterschlagung verurteilt worden war. Das Ölimperium wurde zerschlagen, die lukrativsten Werte des Konzerns fielen per Versteigerung an den staatlichen russischen Ölkonzern Rosneft.

«Fragen Sie die Staatsanwälte. Die wissen alles»

Chodorkowskis Anwälte stellten seither immer wieder klar, dass ihr Klient kein Milliardenvermögen mehr habe. Auch sein Sohn Pawel sagte gegenüber Medien, vom Vermögen seien «vergleichsweise geringe Mittel» übrig. Selbst der eben Freigekommene scheint nicht zu wissen, wie viel Geld er noch besitzt. Auf die Frage, ob er noch Milliardär sei, sagte er 2011: «Lustige Frage. Fragen Sie die Staatsanwälte. Die wissen alles. Ich möchte es auch gern wissen.»

Sicher ist: Einen Teil seiner Milliarden hat Chodorkowski Schweizer Banken, darunter der Bank Julius Bär, anvertraut: Die Rede ist von mindestens sechs Milliarden Franken. Der Kreml übte Druck aus, um an dieses Geld heranzukommen, und ersuchte die Schweiz um Rechtshilfe, da Chodorkowski als Jukos-Chef in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen sei.

200 Millionen Franken

Schliesslich schaltete sich die Schweizer Bundesanwaltschaft ein: Zunächst blockierte sie 2003 sechs Milliarden Franken aus dem Jukos-Vermögen, gab dann aber den Grossteil dieser Gelder auf Anordnung des Bundesgerichts 2004 wieder frei.

Bereits 2006 wurden über rund 42 Millionen Euro eingefroren – doch für Russland wurden sie ebenso wenig freigegeben wie angeforderte Finanzdokumente von in der Schweiz ansässigen Tochterfirmen von Jukos. Die Schweiz verweigerte Moskau jede Rechtshilfe. Die Lausanner Richter begründeten dies 2007 damit, dass der Fall Chodorkowski politisch sei. Daraufhin wurden auch die restlichen Summen freigegeben: Es soll sich laut «Tagesschau.de» um rund 200 Millionen Franken handeln.

Vermögen dank Lausanner Gerichtsbeschluss unangetastet

Was mit diesem Vermögen passiert ist, ist bis heute unklar. Fest steht lediglich, dass der Entschluss der Schweizer Richter Chodorkowskis Vermögen ins Trockene brachte. Das deutete auch SP-Nationalrat Andreas Gross (61) an, der Chodorkowski als Europaratsabgeordneter und Mitverantwortlicher für Russland vor zwei Jahren im Lager besucht hatte.

Gegenüber RTS.ch sagte Gross: Sollte der ehemalige Geschäftsmann noch so viel Geld haben, dass er nie mehr zu arbeiten braucht, dann liege das am Bundesgerichtsentscheid von 2004, die blockierten Gelder freizugeben.

Verfahren nie eingestellt

In Russland wurden die Ermittlungen im Jukos-Fall nie endgültig eingestellt. Anfang Dezember erklärte der stellvertretende Generalstaatsanwalt, dass diese «eine gute gerichtliche Perspektive» hätten. Deswegen befürchten Beobachter, dass gegen Chodorkowski jederzeit ein neuer Prozess beginnen könnte.

(gux)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ernst am 23.12.2013 20:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum für die USA und nicht für Russland?

    Für Russland gibt es keine Amts Hilfe aber für die USA macht unsere Regierung alles.

    einklappen einklappen
  • beresina am 23.12.2013 20:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    oligarchen sind gute menschen

    wieso wird ein knallharter oligarch, welcher über jahre land und leute gnadenlos ausbeutete und sich damit ein milliardenvermögen anhäufte nun gefeiert wie ein heiliger?! nur weil er sich auf ein kräftemessen mit dem putinclan einliess und verlor? wieso nicht gleich den friedensnobelpreis veleihen...

    einklappen einklappen
  • A.K. am 23.12.2013 20:38 Report Diesen Beitrag melden

    Das Geld gehört dem russischen Volk!!!

    Das Volk soll das Geld zurückholen. Keiner der Oligarchen ist ehrlich an die Milliarden gekommen!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • meister am 25.12.2013 08:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    der arme

    einem so reichen mann, der mit westlichen geheimdiensten zusammen russland definitiv in die knie zwingen wollte, dem muss die offizielle schweiz doch einfach humanitäre hilfe anbieten. und steuern wird er auch kaum bezahlen, das ist etwas für normalos - wie bei jeder feudalherrschaft der elite.

  • Maya B. am 25.12.2013 08:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Immer ans Geld

    Wieso sind die Medien so Geldgeil? Das wäre wie wenn mein Nachbar ausreist und man dann in den Medien lesen kann, dass er z.Beisp. 100'000 Franken auf der Bank hat. Gots no!!!!!!

  • Igor am 25.12.2013 01:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Uhhhh

    Sind wir wirklich Stolz auf so was??? Was für Berichterstattung, normal müsste man über so was gar nicht schreiben! Bravo Schweizer Journalisten! Ich bin stolz auf euch, keine anderen Sorgen in der Welt!

  • Kevin am 25.12.2013 01:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unser Wohlstand dank denn Banken

    Dank denn Banken über die alle hier abziehen, geht es uns so gut wie sonst niemanden. Mich würde es wundern nehmen wer noch schlecht über die Banken reden würde wenn wir keinen solchen Wohlstand mehr hätten, dann wäre es wohl wieder allen recht wenn die dreckigen Geschäfte gemacht werden. Aber ebe sozial reden können die Leute gut solange es ihnen besser geht als dem rest der Welt

  • E.K am 24.12.2013 20:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Neid

    Der Mann hat 10 Jahre hinter Gitter verbracht. Er ist der Erzfeind von Putin... Und viele Glauben noch immer das Geld gehöre nicht ihm.... Vlt ist es so aber ich gönne ihm das Geld lieber als Putin...!