Präsident im Lazarett

24. Juni 2011 15:56; Akt: 24.06.2011 16:16 Print

Wie krank ist Hugo Chávez?

Der venezolanische Präsident hat sich vor zwei Wochen auf Kuba operieren lassen und ist seither nicht mehr in seiner Heimat aufgetaucht.

Der rekonvaleszente Hugo Chávez am 12. Juni in unnachahmlicher Manier am Fernsehen: Die Journalisten stellen kaum Fragen, der Präsident ergiesst sich einen 23-minütigen Monolog, am Schluss wird geklatscht. (Video: Youtube/Telesur)
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Seit über zwei Wochen hält sich Hugo Chávez in Kuba auf, wo er am 10. Juni operiert worden ist. Es sei ein «guter Ort, krank zu werden», scherzte der venezolanische Präsident zwei Tage nach dem Eingriff. Telefonisch aus Havanna in eine venezolanische Fernsehsendung zugeschaltet, lobte er die revolutionären Errungenschaften (in diesem Fall die Gesundheitsversorgung) seiner Gastgeber Fidel und Raúl Castro und schloss mit einem beherzten «Es lebe die Revolution».

Vielen seiner Landsleute ist indes nicht zum Scherzen zumute: Seine Anhänger befürchten angesichts der spärlichen Informationen und seiner langen Abwesenheit, um die Gesundheit des Präsidenten könnte es schlechter bestellt sein als bisher angenommen. Die Opposition nimmt hingegen Anstoss daran, dass der Präsident seit bald zwei Wochen die Amtsgeschäfte aus dem Ausland führt. Die einheimischen Ärzte schliesslich sind beleidigt, dass er in die kubanische Gesundheitsversorgung grösseres Vertrauen hat als in sie.

Gerüchte über Krebsleiden

Der venezolanische Präsident beteuert, es habe sich quasi um einen Notfall gehandelt. In besagtem Interview verriet er, dass er während einer privaten Unterredung mit Fidel Castro plötzlich Schmerzen in der Beckengegend verspürte. Darauf habe dieser die besten Ärzte Kubas einbestellt, um Chávez zu untersuchen. Dabei fanden sie einen Beckenabszess – aber keine Anzeichen einer «bösartigen» Krankheit. Gerüchte, er leide in Wirklichkeit an Krebs, wurden durch diesen Nachtrag allerdings eher befördert als zerstreut. Was den Abszess verursacht hatte, sagte er nicht.

Die staatlichen venezolanischen Medien berichteten in den vergangenen zwei Wochen sehr zurückhaltend über die Angelegenheit. Das Fernsehen unterbrach die Übertragung einer Pressekonferenz des Informationsministers Andrés Izarra abrupt, als ein Journalist nach dem Gesundheitszustand des Präsidenten fragte. Die Anhänger von Chávez, selbst nervös über den langen Auslandaufenthalt des Präsidenten, reagieren äussert gereizt auf solche Fragen. Die sozialistische Abgeordnete Cilia Flores wirft der Opposition vor, sie unterstelle dem Präsidenten aufgrund seiner Krankheit Unfähigkeit zur Amtsausübung. Seine Gegner bezeichnete sie in diesem Zusammenhang als «Vampire und Geier».

Opposition spricht von Verfassungsbruch

Diese hingegen machen geltend, es sei eines souveränen Staates unwürdig, vom Ausland aus geführt zu werden. Gustavo Tarre Briceño, Professor für Verfassungsrecht an der Zentraluniversität Venezuelas, sagte der «New York Times», Chávez müsse die Macht an den Vizepräsidenten abgeben. Von Havanna aus die Amtsgeschäfte zu führen widerspreche der Verfassung. Die Chancen, dass die Justiz den Präsidenten unter Druck setzt, erachtet er aber als gering. Die meisten Richter am obersten Gerichtshof sind Chávez-Anhänger.

Zu allem Überfluss fühlen sich auch noch die venezolanischen Ärzte verprellt. «Unsere professionellen und technischen Fähigkeiten sind erstklassig», sagte José Félix Oletta, venezolanischer Gesundheitsminister von 1997 bis 1999, gegenüber der «New York Times». «Ein Beckenabszess ist ein Problem, das mit unserer Ausrüstung und dem Wissen unserer Fachleute gelöst werden kann.» Dass auf höchster Ebene neben Militärberatern nun auch kubanische Ärzte konsultiert werden, gibt auch medizinischen Laien zu denken.

Hugo Chávez gibt sich erwartungsgemäss locker. Er sehe kein Problem darin, noch etwas länger auf Kuba zu bleiben. An die Adresse der Opposition sagte er, er selbst könne am besten beurteilen, ob er noch in der Lage sei, Venezuela zu führen: «Sollte ich an mir verminderte Fähigkeiten zur Amtsführung feststellen, werde ich der Erste sein, der eine Entscheidung trifft», versicherte er in besagtem Interview zwei Tage nach der Operation.

(kri)