Fall Kampusch

07. November 2013 14:26; Akt: 07.11.2013 16:39 Print

Wie starb der Chefermittler Kröll?

Der Chefermittler der SOKO Kampusch habe sich kurz nach Einstellung der Ermittlungen das Leben genommen – so lautet die offizielle Version. Ein neues Gutachten widerspricht.

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Der Tod des ehemaligen Chefermittlers im Fall Natascha Kampusch wirft bis heute Fragen auf. Franz Kröll arbeitete zwischen Dezember 2008 und Januar 2010 an der Aufklärung des Falles. Er war überzeugt, dass mehr hinter der Entführung durch Wolfgang Priklopil steckte. Doch während seinen Ermittlungen wurden dem hochdekorierten Kriminalisten immer wieder Steine in den Weg gelegt. Von staatsanwaltschaftlicher Seite verweigerte man Kröll bis zum Sommer 2009 den Zugriff auf sechs der insgesamt sieben mit Natascha Kampusch aufgenommenen Polizeiprotokolle. Der SOKO-Leiter bekam ausserdem nie die Gelegenheit, Kampusch persönlich zu vernehmen.

Am 25. Juni 2010, sechs Monate nachdem die Ermittlungen eingestellt worden waren, nahm sich Franz Kröll – laut der offiziellen Version – das Leben mit einer alten Dienstpistole. Er sei depressiv gewesen und letztlich am negativen Endergebnis des Ermittlungsverfahrens verzweifelt, hiess es.

Kein Polizist würde sich so umbringen

Einer, der nie daran glaubte, ist der Bruder des Verstorbenen. «Ich bin davon überzeugt, dass sie den Franz liquidiert haben. Der hat zu viel gewusst», sagte Karl Kröll zu 20 Minuten in einem Interview im Januar 2012. Er werde nicht ruhen, bis die Wahrheit ans Licht komme. Zu viele Ungereimtheiten gebe es rund um den angeblichen Freitod seines Bruders.

Ein erfahrener Polizist würde sich nicht in den Kopf, sondern in den Mund schiessen, gibt Karl Kröll zu bedenken. Ausserdem habe er sich als Rechtshänder nach der offiziellen Version in die linke Schläfe geschossen, somit soll er sich mit seiner «schwächeren» Hand umgebracht haben, was auch keinen Sinn mache.

Doch mit der rechten Hand in die linke Schläfe geschossen

Nun hat Karl Kröll den Institutsleiter der Gerichtsmedizin Graz, Peter Leinzinger, mit einem neuen Gutachten zum Tod seines Bruders beauftragt. Wie Spiegel Online berichtet, widerspricht auch der Experte der offiziellen Suizid-Theorie. Für seine Untersuchung hat Leinzinger die sogenannten Leit-Taps aus beiden Händen des Toten analysiert, um genau bestimmen zu können, mit welcher Hand dieser geschossen hatte.

Der Uni-Professor kommt zum Schluss, dass es sich um «einen angesetzten Schuss, allenfalls einen Schuss aus allernächster Nähe» handelt. Im seinem Bericht schreibt Leinzinger: «Entgegen der Annahme der erhebenden Beamten ist davon auszugehen, dass es sich um einen angesetzten Schuss gehandelt hat, und der Schussverlauf von rechts nach links erfolgt ist.»

Das Untersuchungsergebnis legt zudem fest, dass die Schmauchpartikel an beiden Händen dafür sprechen, dass «zum Zeitpunkt der Schussabgabe die rechte Hand des Franz Kröll näher zur Waffe war als die linke». Dass an beiden Händen Blutspritzer sichergestellt wurden, könne mit Abwehrspuren zu erklären sein. Mit anderen Worten: Sein Bruder hat recht und Franz Kröll muss sich mit der rechten Hand in die linke Schläfe geschossen haben – ein Unsinn.

Bruder Karl hofft auf eine parlamentarische Anfrage

Für Karl Kröll sind aber die Erkenntnisse des Experten kein «Sieg». In der Sache ist er allerdings nicht allein. Auch Johann Rzeszut, ehemaliger Oberster Richter Österreichs, spricht seit Jahren von Begleitumständen rund um den Tod Franz Krölls, «die hinterfragenswürdig sind». Dazu gehören das verschwundene Notizbuch des Ermittlers, ein Testament und ein Abschiedsbrief, die laut dem Bruder nicht vom Verstorbenen verfasst worden sind.

Die Dokumente tauchten erst mehrere Tage nach dem Tod des Polizisten auf. Karl Kröll behauptet, der Brief und das Testament seien nachträglich in die Wohnung gelegt worden. Zudem habe sein Bruder das Testament mit Franz Kröll unterschrieben. Wer ihn aber gekannt habe, der wisse, dass der Chefermittler immer mit Kröll Franz unterschrieb. Ausserdem «war das nicht seine Schrift», sagte Karl Kröll gegenüber 20 Minuten.

Mit dem neuen Gutachten von Rechtsmediziner Leinzinger hofft Karl Kröll, dass genug Material «für eine parlamentarische Anfrage» zusammenkommt. Denn er will weiterhin nur etwas: den Fall ein und für allemal geklärt haben.

(kle)