IS-Reportage

04. August 2018 19:35; Akt: 04.08.2018 19:35 Print

Wieso der IS noch lebt und doch nicht überleben wird

von Ann Guenter - 20 Minuten ging drei Wochen in Syrien und Irak der Frage nach, wie stark der «Islamische Staat» dort noch ist. Hier eine Antwort.

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In Syrien halten die Extremisten des «Islamischen Staates» vor allem die riesige Wüstenregion im Osten, einzelne Zellen gibt es auch im Süden. Im Zentralirak ist er in den Provinzen Diyala, Kirkuk und Salah ad-Din so aktiv wie seit Monaten nicht mehr. Auch im Norden ist der IS-Terror nicht gebannt. Auch wenn er 98 Prozent der eroberten Gebiete verloren hat – geschlagen ist der IS in seinen beiden Kernländern nicht. In beiden Ländern kommt dem IS das hügelige, mitunter dicht bewachsene Gebiet zugute, aus dem er mit seinen Guerilla-Operationen zuschlägt: schnelle Anschläge, schnelle Rückzüge. Die Armee mit ihren schweren Gerätschaften (im Bild: irakische Spezialeinheiten) hat das Nachsehen. Der Krieg gegen den IS ist immer auch ein Kampf um die Wassertürme. Die Terroristen sprengten sie, wenn sie sich aus einem Ort zurückzogen. Zuvor hatten sie sie als ... ... hervorragende Positionen für ihre Sniper genutzt. Die einstige «IS-Hauptstadt» Raqqa wurde vor gut einem Jahr befreit. Kampfspuren in der ganzen Stadt. Die Extremisten verteidigten sich bis zur endgültigen Kapitulation an drei Punkten: ... auf dem Areal des Spitals ... ... von Raqqa. Im Stadion von Raqqa. Dieses wurde zum Foltergefängnis umfunktioniert. Aus dem Wohnquartier al-Beduine, wo vor allem ausländische IS-Kämpfer untergebracht wurden, leistete der IS erbitterten Widerstand. In seiner syrischen «Kalifatshauptstadt» hat der IS überall Spuren hinterlassen. Es sind viele IS-Symbole zu sehen. Eines von sechs bisher entdeckten Massengräbern in Raqqa. Symbole der Terrorherrschaft wie der Na'im-Platz, der Paradies-Platz: Hier hatte der IS öffentlich hingerichtet. Auch in der Altstadt der irakischen Stadt Mosul – hier die al-Nuri-Moschee, wo der IS 2014 sein Kalifat ausrief – ist die Zerstörung gross. In anderen Teilen der Stadt herrscht reges Treiben, Warnplakate vor Sprengfallen und Minen treten langsam in den Hintergrund. In der 30 Autominuten von Mosul entfernten Kleinstadt Tal Afar. . Die Front gegen die von Norden und Osten angreifenden Kurden war zwar etwas ausserhalb, dennoch gibt es auch hier Kampfspuren. Der vom IS zerstörte Friedhof von Tal Afar, das vor dem IS mehrheitlich von Turkmenen bewohnt wurde. Die Menschen kehren nur langsam zurück. Noch leben viele irakische Binnenflüchtlinge hier. Sie können nicht in ihre zerstörten Dörfer zurück. Es fehlt an Strom und Wasser, Strassen müssen entmint werden. Der Wiederaufbau kommt nur schleppend voran. In der Kleinstadt werden IS-Symoble übermalt. In Tal Afar wohnten viele ausländische IS-Kämpfer. Ein grosser Teil der Quartiere ist von Tunnelsystemen durchzogen. Der mittlerweile zubetonierte Tunneleingang im Wohnzimmer einer Familie aus Tal Afar führt ... ... in den Garten vor das Haus. Eine weitere Kampftechnik des IS.

Zum Thema
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Als 20 Minuten Anfang Juli im Irak ankommt, ist der «Islamische Staat» (IS) wieder Dauerthema. Ein Video zeigt die Hinrichtung irakischer Sicherheitskräfte. Sie sind von Kämpfern des «Islamischen Staates» bei einem Fake-Checkpoint verschleppt worden. Angst vor Entführungen und Anschlägen macht sich schnell breit.

Auf der Autobahn, die die Ölstadt Kirkuk mit der Hauptstadt Bagdad verbindet, gibt es zwischenzeitlich kaum noch Verkehr. Die Leute fliegen lieber. «Wir dachten, wir könnten uns wieder frei bewegen», sagt Rawand (30), der 2014 vor dem IS aus Kirkuk floh. «Aber die Regierung bekommt den IS nicht in den Griff.»

In beiden Kernländern noch nicht geschlagen

Auch in Syrien entsetzt derzeit ein IS-Video. Die Extremisten bieten darin an, dreissig entführte Frauen und Kinder freizulassen, wenn sie im Gegenzug in andere IS-Gebiete abziehen können. Zuvor haben sie in einer mehrheitlich von Drusen bewohnten Region im Süden des Landes ein Massaker mit über 250 Toten angerichtet. Die Drusen beschuldigen jetzt das Assad-Regime, absichtlich IS-Kämpfer in ihre Region geschleust zu haben, um sie für ihre neutrale Haltung im Bürgerkrieg abzustrafen. So sät der IS weiter Zwietracht im Bürgerkriegsland.

Auch wenn er 98 Prozent der eroberten Gebiete verloren hat – geschlagen ist der IS in seinen beiden Kernländern nicht. Im Zentralirak ist er in den Provinzen Diyala, Kirkuk und Salah ad-Din so aktiv wie seit Monaten nicht mehr. Auch im Norden ist der IS-Terror nicht gebannt. General Naijm Abdullah al-Jubouri, Befehlshaber der Nineveh Operations, gibt gegenüber 20 Minuten an, die Lage sei unter Kontrolle. Einen Tag später köpft der IS im Dorf Tal Khaymah den Bürgermeister und dessen Söhne.

Vegetation, Geisterstädte und Demografie

In Syrien halten die IS-Jihadisten vor allem die riesige Wüstenregion im Osten. In beiden Ländern kommt dem IS das hügelige, mitunter dicht bewachsene Gebiet zugute, aus dem er mit seinen Guerilla-Operationen zuschlägt: schnelle Anschläge, schnelle Rückzüge. Die Armee mit ihren schweren Gerätschaften hat das Nachsehen.

Geisterstädte, aus denen die Bewohner einst vor dem IS flohen, bieten ideale Rückzugsmöglichkeiten. In anderen Dörfern unterstützen sunnitische Bewohner den IS nicht selten gegen die verhassten schiitischen Milizen respektive die verhassten Regimetruppen.

Fall von Hadjin wird verheerend sein

Die Terroristen sind wendig und wissen jede Krise für sich zu nutzen: Als die Türkei ihre Offensive gegen das syrische Kurdengebiet Afrin startet und die kurdischen Volksverteidigungseinheiten abziehen, reorganisieren sich sofort neue IS-Zellen im Osten und Süden. «Wenn der IS von etwas profitiert, dann ist es politische Instabilität», sagt Islamismus-Experte Guido Steinberg.

Viele IS-Kämpfer gibt es nicht mehr. Im Irak sollen es noch rund 3000 Mann sein. In Syrien verschanzen sich Tausende Kämpfer in der letzten Stadt unter vollständiger IS-Kontrolle: Hajin im Mittleren Euphrat-Tal. Auch IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi sowie europäische IS-Anhänger sollen sich hier verstecken. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Hajin fällt. Dann hat der IS seinen letzten territorialen Besitz verloren – was verheerend ist für Symbolik und Legitimation dieser Terrormiliz, die sich doch ein riesiges «Kalifat» auf die schwarzen Fahnen geschrieben hat.

Findet diese Ideologie immer Anhänger?

Dennoch gehen Beobachter davon aus, dass der IS sich in Syrien und Irak im Untergrund mittelfristig wird halten können. Seine Zeit als quasistaatliche Organisation, die so stark ist, dass sie ganze Gebiete einnehmen kann, dürfte aber endgültig vorbei sein. Dennoch fürchten irakische und syrische Sicherheitskräfte, dass sich die zerstörerische IS-Ideologie noch lange wird halten können. «Der IS ist lediglich militärisch zu besiegen. Seine Ideologie aber findet immer Anhänger», sagten sie zu 20 Minuten.

Eine Angst, die sich hoffentlich nicht bewahrheiten wird. «Ich denke, dass der IS im Vergleich zu anderen jihadistischen Gruppierungen langfristig weiter an Attraktivität und Glaubwürdigkeit verlieren wird», sagt der Terrorismus-Experte Roland Popp. «Ganz einfach, weil seine Ideologie mit der vollständigen Niederlage und dem Verlust seines ‹Staates› behaftet ist. Das bedeutet nicht nur für Extremisten: Gott war nicht mit dem IS.»