Massenmord auf Utøya

25. Juli 2011 18:05; Akt: 25.07.2011 18:18 Print

Wieso die Polizei langsamer war als das TV

Die Spezialeinheit der Polizei erreichte Utøya erst eine Stunde nach dem Notruf. Ihr stand kein Helikopter und nur ein zu kleines Boot zur Verfügung, rechtfertigt der Polizeichef die Verzögerung.

Videoaufnahmen aus einem Helikopter zeigen, wie die Polizei die Insel Utoya stürmt. (Video benötigt einige Sekunden Ladezeit. Video: nrk.no)

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Eine Stunde lang streifte Andreas Behring Breivik über Utøya und machte regelrecht Jagd auf die 600 Lagerteilnehmer. Wer ihm über den Weg lief, wurde niedergestreckt. Sein kaltblütiges Töten beendete der Massenmörder erst als die Antiterroreinheit «Delta» die Insel um 18.25 Uhr stürmte. Der 32-Jährige legte seine Waffen nieder und gab auf – widerstandslos. 68 Personen hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ihr Leben verloren, 16 weitere wurden lebensgefährlich verletzt. Der erste Notruf von der Insel lag beim Eintreffen der Sonderheit allerdings schon 60 Minuten zurück, weshalb Kritik am verzögerten Einsatz laut wurde.

Tatsächlich kreiste ein Helikopter eines Nachrichtensenders zu diesem Zeitpunkt bereits über der Insel und Helfer mit Booten retteten seit längerem bereits panische Jugendliche aus dem Wasser. «Es waren vielleicht 20 Boote», sagte eine an der Rettung beteiligte Anwohnerin. «Wir sind nahe an die Insel ran- und um sie herumgefahren, viel näher als Polizei oder Rettungsdienste», so die 48-Jährige. Die örtliche Polizei habe nicht eingegriffen, sondern die Boote aufgefordert, sich der Insel nicht zu nähern. Wieso die Lokalpolizei nicht bereits vorher eingriff und warum die Deltas nicht mit dem Helikopter eingeflogen wurden, beschäftigt seither ganz Norwegen. Die Frage ist noch nicht restlos geklärt, täglich werden aber neue Details vom Polizeieinsatz bekannt – und sie sind wenig schmeichelhaft für die Polizei von Oslo.

Notruf abgewiesen

So sollen gemäss Medienberichten die ersten Notrufe der panischen Jugendlichen bereits kurz nach 17 Uhr eingetroffen sein. Sie wurden allerdings abgewiesen mit der Begründung, die Anrufer sollten die Leitung freigeben, falls ihr Anruf nichts mit dem Attentat in Oslo zu tun habe.

Die Polizei weiss zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Andreas Behring Breivik hinter beiden blutigen Anschlägen steckt. Offiziell erreichte die norwegische Polizei der erste Notruf erst um 17.27 Uhr. 30 Minuten nach den ersten Schüssen. Im Kugelhagel auf der Insel stirbt derweil ein Beamter, welcher ausserdienstlich und unbewaffnet auf der Insel war. Später stellt sich heraus, dass es sich um den Stiefbruder von Kronprinzessin Mette-Marit handelte.

Helikopter zu weit weg

Die Sondereinheit «Delta» wird um 17.38 Uhr alarmiert. Sie muss die 45 Kilometer zur Insel allerdings mit dem Auto zurücklegen, weil kein Hubschrauber zur Verfügung steht. Wie der Polizeichef am Montagmorgen mitteilte, sei der einzige Helikopter 50 Kilometer entfernt gewesen. «Es hätte insgesamt länger mit dem Helikopter gedauert», rechtfertigte sich Anstein Gjengedal gegenüber dem TV-Sender NRK.

Während die Deltas noch unterwegs sind, treffen um 17.52 Uhr die ersten Polizisten vor Ort ein. Sie können allerdings nicht auf die Insel übersetzen, weil sie keine Boote haben. Zudem soll es sich um die örtliche Polizei gehandelt haben, welche ungenügend ausgerüstet gewesen sei. Es wird entschieden auf die Antiterroreinheit zu warten. Wie die Medien schreiben, wird auch in Polizeikreisen später heftig darüber diskutiert, warum die örtliche Polizei nicht früher eingriff.

Als die Deltas um 18.09 Uhr endlich eintreffen, sind keine Boote vor Ort. Das einzige Polizeiboot ist zu klein für die Sondereinheit. «Das Boot lief voll Wasser und der Motor setzte aus», beschrieb Einsatzleiter Erik Berga die Situation. Die Sondereinheit muss sich an Freizeitkapitäne vor Ort halten, welche sie hinüberfahren.

Verhaftung dauert zwei Minuten

Um 18.25 Uhr erreichen die Deltas endlich die Insel. Die Jugendlichen allerdings können den Beamten nicht sagen, wie viele Attentäter es sind. Die Jungs und Mädchen bleiben aus Angst weiterhin in ihren Verstecken. Andreas Behring Breivik gibt allerdings schnell auf: Offiziell wird er um 18.27 Uhr verhaftet. Zwei Minuten nach dem Eintreffen der Sondereinheit auf der Insel. Für die Jugendlichen wurden die 60 Minuten zur Hölle.

Der Osloer Polizeichef Anstein Gjengdal sah sich am Montagmorgen genötigt angesichts der steigenden Kritik an der Polizeiarbeit zu reagieren. Die Antiterroreinheit «Delta» sei am Freitag sofort nach dem ersten Alarmruf trotz der vorherigen Bombenexplosion in Gang gesetzt worden. «Wir waren schnell da», sagte Gjengdal gegenüber dem TV-Sender NRK. Der einzige Hubschrauber – der zur Verfügung stand – war von der Armee und stand ausserhalb. «Wir haben mehrere Jahre lang um einen Transporthubschrauber gebeten, aber ohne Erfolg», so Gjengedal weiter. Der einzige Überwachungshubschrauber der Polizei war für einen schnellen Flug nach Utøya nicht einsetzbar, «weil das gesamte Personal Ferien machte».

(amc)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • sebi am 25.07.2011 19:36 Report Diesen Beitrag melden

    schande

    norwegen als reichstes land europas sollte immer mehrere helis sofort zur verfügung haben. die haben keine ausreden. eine wirlkiche schande

  • Kurt am 25.07.2011 23:21 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Sicherheit

    In friedlichen Ländern ist es nun mal so, das man bedingt durch die herrschenden Gesetze, solchen Attentätern hilflos ausgeliefert ist! Verdächtige dürfen nicht überwacht werden. Behörden dürfen aufgrund des Datenschutzes keine Daten austauschen. Und die Opfer können sich nicht adäquat zur wehr setzen weil Ihnen das tragen von Waffen vom Gesetzgeber verwehrt wird. In solchen Ländern sitzt man praktisch auf dem Präsentierteller. Anstatt Täterschutz zu betreiben sollte man dem Geheimdienst, der Polizei, und nicht zuletzt dem Bürger die Mittel zugestehen solchen Personen Paroli zu bieten.

  • Kevin R. am 25.07.2011 18:36 Report Diesen Beitrag melden

    Sparen...

    Das Traurige ist, man sieht erst dann, dass man zu viel gespart hat, wenn das Unglück bereits geschehen ist. Hätte man nicht gespart, hätte man es nie gesehen und hätte sich weiterhin gefragt, ob man nicht doch noch irgendwo sparen könnte.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • baba am 26.07.2011 08:27 Report Diesen Beitrag melden

    Attentäter ist schuld

    Ich finde nicht dass man die Schuld der Polizei geben darf, die tun auch nur was sie können mit den vorhandenen Mitteln. Dass man jedoch den 1. Notruf nicht ernst genommen hat ist tragisch. Schuld ist doch wirklich nur der Attentäter und sonnst niemand.

    • Der, der das Vertrauen verloren hat... am 26.07.2011 11:06 Report Diesen Beitrag melden

      Schuld trägt der Täter, aber...

      Da gebe ich dir recht... Die Schuld an solch einem Massaker trägt alleine der Täter! Doch die Polizei müsste u.a. ja auch da sein, um Schlimmeres zu verhindern... Und in diesem Fall hat Sie in gewissen Punkten einfach versagt und dies darf auch nicht einfach verschwiegen werden...

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  • Der, der das Vertrauen verloren hat... am 26.07.2011 00:01 Report Diesen Beitrag melden

    Notrufe sind ernst zu nehmen

    Am meisten erschrecken tut mich nicht die Tatsache, dass die Polizei nach dem ersten Notruf etwa ne Stunde gebraucht hat... Am meisten erschrecken tut mich, dass die Polizei bei den ersten Anrufen nicht reagiert hat, die Anrufer gar abgewürgt haben und es deshalb zusätzliche 30min gedauert hat... "Da Rufen wieder solche ungezogene Jugendliche an, melden einen Amoklauf und blockieren damit die Telefonleitungen." Meine Güte, auch wenn 100 Fehlalarme ausgelöst werden! Die Polizei sollte verpflichtet sein, Notrufe ernst zu nehmen Auch von Jugendlichen. Denn genau beim 101 geht es um Leben und Tot.

  • Kurt am 25.07.2011 23:21 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Sicherheit

    In friedlichen Ländern ist es nun mal so, das man bedingt durch die herrschenden Gesetze, solchen Attentätern hilflos ausgeliefert ist! Verdächtige dürfen nicht überwacht werden. Behörden dürfen aufgrund des Datenschutzes keine Daten austauschen. Und die Opfer können sich nicht adäquat zur wehr setzen weil Ihnen das tragen von Waffen vom Gesetzgeber verwehrt wird. In solchen Ländern sitzt man praktisch auf dem Präsentierteller. Anstatt Täterschutz zu betreiben sollte man dem Geheimdienst, der Polizei, und nicht zuletzt dem Bürger die Mittel zugestehen solchen Personen Paroli zu bieten.

  • Hans Wurst am 25.07.2011 21:16 Report Diesen Beitrag melden

    Und am Ende ist die Polizei schuld?

    In der Schweiz gibt es keine Polizeihelikopter. Würde also hierzulande mindestens genauso lange dauern, bis eine Sondereinheit aufgeboten und vor Ort ist (z.B. auf Insel Ufenau im Zürichsee). Es gibt nunmal keine absolute Sicherheit. Es gibt auch Ecken auf dieser Erde, wo im Umkreis von Hunderten Kilometern kein Polizeiposten oder Krankenhaus steht. Realistisch bleiben und weiterleben!

    • Hans Nötig am 25.07.2011 22:01 Report Diesen Beitrag melden

      Realistisch

      Bleiben sie mal Realistisch...tatsache ist das wir (Schweiz) eine der besten Beziehungen haben zu den Grenzwachkorps! Aber es kann nunmal NICHT sein, das eine solche Organisation wie die Delta nur einen Heli haben...Swat, Delta was weiss ich was es nocht gibt, sollten klar die Oberhand haben vor der normalen Rennleitung (Polizei). Bei Sondereinheiten finde ich darf man keinen Rappen sparen...Lieber mal saftig Steuern Zahlen um diesen Einheiten zu unterstützten als ein unnötiger Kreisel im Dorf!

    • Ivan Marjanovic am 25.07.2011 22:34 Report Diesen Beitrag melden

      Keine gute Ausruestung

      Ich glaube aber das die "normale" Polizei also nicht die Spezialeinheit, auch eingreifen konnte. Sie reklamieren ueber eine nicht ausreichende Ausruestung, aber der Attentaeter hatte ja auch nur eine Waffe.

    • besserwisser am 25.07.2011 23:56 Report Diesen Beitrag melden

      falsch informiert

      die Polizei verfügt hierzulande durchaus Helikopter....

    • Heinz Guenz am 26.07.2011 03:48 Report Diesen Beitrag melden

      jaja

      Die Polizei braucht Armeehelikopter. Die stehen zur Verfügung, ausser Ihr wollt die Armee abschaffen..

    • b.weber am 26.07.2011 06:18 Report Diesen Beitrag melden

      falsch

      die polizei sehr wohl helikopter zur verfügung. wenn sie viel auf der autobahn unterwegs sind, schauen sie öfters mal nach oben (vor allem bei stau). sie werden erstaunt sein, wie viele male sie diesen oder diese helikopter sehen werden :-)

    • Michail Kamov am 26.07.2011 08:40 Report Diesen Beitrag melden

      Polizei nur Luftwaffen Helis

      @b.weber. Nur weil ein Heli über die Autobahn fliegt hat das was mit der Polizei zu tun. In der Schweiz hat keine Polizei einen eigenen Heli. Für einsätze zugunsten der Polizei (und auch des Grenzwach Korps) kommen ausschliesslich Helikopter der Luftwaffe zum Einsatz.

    • Diener Peter am 26.07.2011 08:40 Report Diesen Beitrag melden

      Polizeiheli

      Der Polizei stehen auf Anfrage zivile Helikopter zur Verfügung. Diese sind jeweils relativ schnell verfügbar. Die Crew setzt sich aus Angestellten der Polizei zusammen. In der Region Zürich wird meistens ein Ecureuil der HeliLinth in Mollis (GL) eingesetzt.

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  • Andreas am 25.07.2011 20:56 Report Diesen Beitrag melden

    Zu viel gespart

    Das kommt davon, wenn man bei Polizei und anderen Sicherheitskräften spart. Im Vorfeld waren sicher viele dafür, dass in diesem eingespart wird. Sicherheit kostet - das sollten auch wir bedenken, wenn wieder einmal über Budgets diskutiert wird.

    • Thomas Arting am 26.07.2011 02:36 Report Diesen Beitrag melden

      Guter Polizist

      Bei uns geht es den Polizisten gut.

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