Ermittlungen in Norwegen

13. September 2018 19:47; Akt: 13.09.2018 19:47 Print

Wikileaks-Mitarbeiter verschwindet mysteriös

Ein niederländischer IT-Sicherheitsexperte wird seit dem 20. August vermisst. Sein Handy wurde zehn Tage nach seinem Verschwinden aktiviert.

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Der niederländische IT-Sicherheitsexperte Arjen Kamphuis wird seit dem 20. August vermisst. Der 47 Jahre alte Experte für Cybersicherheit war zuletzt am 20. August beim Verlassen des Hotels Scandic im nordnorwegischen Bodo gesehen worden, wo er Urlaub machte. Wahrscheinlich habe Kamphuis am 20. August einen Zug von Bodo nach Rognan genommen. Die norwegische Polizei ermittelt nach eigenen Angaben in unterschiedlichen Richtungen. Am Montag trafen zwei niederländische Ermittler ein, um bei der Suche nach Kamphuis zu helfen. Ein Berufungsgericht in Schweden hat den Haftbefehl für Wikileaks-Gründer Julian Assange aufrechterhalten. Die «Washington Post» berichtet unter Berufung auf Regierungsbeamte, die USA würden Assange wegen der Veröffentlichung geheimer Dokumente nicht anklagen. Das Justizministerium sei zum Schluss gekommen, es müsse dann auch US-Medien ins Visier nehmen. Wikileaks bezweifelt die Darstellung. Ein US-Militärgericht erklärt Wikileaks-Informantin Chelsea Manning (vormals Bradley Manning und ein Mann) in 19 von 21 Anklagepunkten für schuldig: 35 Jahre Haft. Ecuador gewährt Assange Asyl. Eine Drohung der Briten, sie könnten auch in die Botschaft eindringen und ihn festnehmen, führt zu diplomatischen Spannungen. Assanges Einspruch scheitert. Am 19. Juni flieht er in die Botschaft von Ecuador in London und beantragt politisches Asyl. Sollte er die Botschaft verlassen, droht ihm die Festnahme. Am bestätigt das höchste britische Gericht, der Supreme Court, das Urteil der Vorinstanz. Ein schwarzer Tag für Julian Assange: Ein Londoner Gericht lehnt die Berufung des Wikileaks-Gründers gegen eine Auslieferung nach Schweden ab. Vor einem Londoner Gericht begann Assanges Berufungsverfahren gegen seine drohende Auslieferung nach Schweden. Im Februar hatte ein Richter entschieden, Assange nach Schweden auszuliefern. Der 40-Jährige legte dagegen Berufung ein. Er fürchtet, letztlich in die USA ausgeliefert zu werden. Julian Assange hat in Grossbritannien einen Antrag auf Markenschutz für die Begriffe «Julian Assange» und «Wikileaks» eingereicht. Der ehemalige Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg rechnet in seinem Buch «Inside Wikileaks - Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt» mit Gründer Julian Assange ab. Assange ist laut Domscheit-Berg «eine der spannendsten und verrücktesten Gestalten in der aktuellen Medienberichterstattung», aber auch «paranoid, machtversessen und grössenwahnsinnig». Zudem soll er Vater von «mindestens» vier Kindern sein. Julian Assange erscheint zusammen mit seiner Anwältin Jennifer Robinson vor Gericht in London. Ihm wird vorgeworfen, dass er beim Sex mit der schwedischen Aktivistin Anna Ardin das Kondom mit Absicht platzen liess. Bald gerieten Bilder des verhängnisvollen Gummis an die Öffentlichkeit. Eine forensische Analyse ergab «kleine Kratzer in der Umgebung des Risses». Der Schaden am Material zeige aber «keine Spur einer Anwendung von Gegenständen». Täglich um 18 Uhr muss sich der Wikileaks-Frontmann beim Polizeiposten in Beccles, Suffolk, melden. Ausserdem muss er eine elektronische Fessel tragen und ein Ausgehverbot einhalten. Seit seiner Freilassung wohnt Julian Assange beim Journalisten Vaughn Smith, dem Gründer des Frontline Club, in einer Villa aus dem 18. Jahrhundert mit zehn Schlafzimmern und 250 Hektar Land. Am 16. Dezember 2010, kurz nach 19 Uhr Schweizer Zeit, konnte Julian Assange das Gerichtsgebäude in London verlassen. Am 7. Dezember 2010 hatte sich der Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks der Londoner Polizei gestellt und wurde umgehend verhaftet. Noch am gleichen Tag wurde er dem Haftrichter vorgeführt. Assange drohte die Auslieferung nach Schweden. Der Australier hat aber eine Auslieferung nach Schweden angefochten. Er fürchtet, von dort in die USA abgeschoben zu werden. In wenigen Wochen war der Hacker zur Kultfigur avanciert: Diverse Webseiten verkaufen T-Shirts mit seinem Konterfei. Während seiner wochenlangen Flucht, weckte Assange bei Frauen regelrechte Mutterinstinkte: Sie brachten ihm Hemden und T-Shirts mit, wenn er ohne zu schlafen tagelang am Computer sass. Sie bereiteten ihm das Essen vor - das er meistens nicht einmal anrührte -, oder sie buchten seine Flüge und kümmerten sich ums nächste geheime Quartier. Interpol hatte am 30. November 2010 Assange auf seine Liste der meistgesuchten Verdächtigen gesetzt. Die Entscheidung der internationalen Polizeiorganisation war gekommen, nachdem die schwedische Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl gegen den 39-Jährigen wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung und der Vergewaltigung erlassen hatte. Die Vorwürfe in Schweden wurden von zwei Frauen erhoben, die Assange während eines Aufenthalts in Stockholm im August 2010 getroffen haben soll. Eines der Opfer, eine 30 Jahre alte Schwedin, hatte an der Universität Uppsala ein Seminar unter dem Titel «Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit» organisiert und Assange dazu eingeladen, seine Plattform zu präsentieren. Assange soll der Frau nach einer Party nach Hause gefolgt sein und sie dort vergewaltigt haben. Das zweite Opfer ist eine Fotografin, die Assange angeblich an derselben Party kennenlernte. Auch an ihr soll sich der Hacker sexuell vergangen haben. Der Australier beteuerte bislang stets seine Unschuld und sprach von einer Schmutzkampagne der US-Geheimdienste gegen seine Person. Julian Paul Assange ist am 3. Juli 1971 in Townsville, Queensland, Australien, geboren. Assanges Eltern waren Betreiber eines Wanderzirkus. Nach der Trennung seiner Eltern wuchs Assange bei seiner Mutter auf. Seine Mutter Christine wollte ihn nicht auf Schulen schicken, damit Julian kein falsches Verhältnis zu Autoritäten bekommt. Bis zu seinem 14. Lebensjahr zog die Familie 37 Mal um. Mutter Christine befand sich damals auf der Flucht vor Julians jähzornigem Ziehvater. Erste Programmmiererfahrungen sammelte Assange auf einem Commodore 64, den ihm seine Mutter im Alter von 13 Jahren geschenkt hatte. 1987 beschaffte er sich ein Modem. Unter dem Pseudonym «Mendax» begann er erste Hacker-Aktivitäten. Gleichzeitig studierte Assange Mathematik und Physik an der University of Melbourne. Während seiner Hacker-Zeit lernte er seine spätere Frau kennen. 1989 zogen beide zusammen, der gemeinsame Sohn Daniel (Bild) wurde 1990 geboren. Ein Jahr später trennte sich das Paar. Die Auseinandersetzung um das Sorgerecht des kleinen Daniel setzte dem Vater Julian so zu, dass sich sein brauner Haarschopf in dieser Zeit aschfahl färbte. Bevor Vater Julian in die Wikileaks-Welt abtauchte und Australien verliess, fragte er seinen damals 16-jährigen Sohn, ob er mitkommen wolle. Der lehnte ab. Seitdem ist der Faden gerissen. Daniel Assange verfolgt seitdem die Aktivitäten seines Vaters aus derselben Distanz wie andere auch. Sein Vater sei «sehr intelligent» und habe «die charakteristischen Probleme, die mit hoher Intelligenz einhergehen», beschrieb Daniel im September 2010 seinen Vater. Papa werde offenbar schnell wütend - vor allem auf Leute, «die nicht in der Lage sind, sein Arbeitslevel zu erreichen und seine Ideen intuitiv zu verstehen». Wenn Assange einen Raum betritt, so berichten Zeugen, suche er als Erstes eine Steckdose für seinen kleinen Computer; ein 300 Dollar billiges Notebook, das er immer bei sich trägt. Erst danach wendet er sich der menschlichen Umgebung zu. Die Internetplattform Wikileaks hatte es sich im Jahr 2007 zur Aufgabe gemacht, geheime und damit oftmals brisante Informationen zu veröffentlichen. Wikileaks beschreibt seine Arbeit dabei selbst als journalistisch. Wikileaks verbreitet aus anonymen Quellen stammendes Material. Unklar ist bis heute, wer genau hinter der Organisation steht. Öffentlich bekannt ist lediglich der 39-jährige Australier und Gründer der Plattform, Julian Assange. Genauso unklar wie die Struktur der Organisation ist auch ihre Finanzierung. So scheint Wikileaks auf Spenden angewiesen zu sein. Woher aber die Summen kommen, die nötig sind, um die aufwendigen Recherchen zur Überprüfung der zahlreichen Unterlagen und Dokumente zu finanzieren, ist nicht bekannt. Aufgrund seines Führungsstils innerhalb der Organisation gilt der Wikileaks-Gründer als umstritten. Er sei kritikunfähig und ein Mensch mit selbstherrlichem Verhalten. Sein ehemaliger Pressesprecher, der Deutsche Daniel Domscheit-Berg, würde «niemandem raten, mit ihm zusammenzuarbeiten». In der Schweiz sorgte Wikileaks erstmals im Januar 2008 für Aufsehen, als auf dessen Server mehrere Dokumente veröffentlicht wurden, die detailliert Auskunft über Geldflüsse von Julius-Bär-Kunden im Offshore-Paradies der Cayman-Inseln gaben. Dabei handelte es sich um zwölf mit Klarnamen genannte Personen. Ein Ex-Mitarbeiter von Julius Bär auf den Cayman Islands hatte die Daten entwendet und im Jahr 2005 dem Wirtschaftsmagazin «Cash» eine CD-Rom mit 169 Megabyte Datenmaterial aus den Jahren 1997 bis 2003 zugespielt. Die Anwälte von Julius Bär konnten für kurze Zeit mittels einer Verfügung die Webadresse wikileaks.org sperren lassen. Die pikanten Daten waren aber bereits weltweit verbreitet. Ende 2009 stellten in Berlin Wikileaks-Aktivisten den Plan vor, in Island einen sogenannten «Datenhafen» zu errichten. Im November wurde zu diesem Zweck eine Gesellschaft mit dem Namen Sunshine Press Productions gegründet. Doch das Vorhaben hielt nicht lange: Im Frühling 2010 musste Wikileaks seine Server nach Schweden verfrachten. Die US-Regierung hatte es geschafft, im Zuge der Wirtschaftskrise den Druck auf die Isländer zu erhöhen und ein speziell zugeschnittenes Pressefreiheitsgesetz wieder rückgängig zu machen. Ausdrücklich beruft sich die Plattform auf Artikel 19 der von den UN verabschiedeten Erklärung der Menschenrechte. Demnach hat jeder «das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäusserung; dieses Recht schliesst die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten». Zum ersten Mal sorgte Wikileaks für grosses internationales Aufsehen, als es Anfang April 2010 ein Video zu den Luftangriffen in Bagdad vom 12. Juli 2007 veröffentlichte. Darin war zu sehen, wie US-Militärhelikopter auf eine Menschengruppe auf einem Platz in Bagdad schoss. Dabei kamen zwölf Menschen ums Leben. Das brisante Material soll ein US-Soldat, Bradley Manning, an die Enthüllungs-Webseite weitergegeben haben. Der 22-Jährige wurde nach der Veröffentlichung der Videoaufnahmen aus dem Apache-Helikopter verhaftet. Am 28. November 2010 sorgte Wikileaks ein weiteres Mal für internationales Aufsehen, als 250 000 diplomatische US-Berichte über zahlreiche Regierungen und deren Mitglieder in aller Welt veröffentlicht wurden. Das Projekt Wikileaks wurde allerdings mehrmals ausgezeichnet: 2008 erhielt es den «Index on Censorship Award» des renommierten US-Magazins «The Economist». Ein Jahr später zeichnete Amnesty International das Projekt mit dem «New Media Award» aus. Im gleichen Jahr erhielt es an der Ars Electronica den «Award of Distinction» in der Kategorie «Digital Communities».

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Das Verschwinden eines Mitarbeiters der Enthüllungsplattform Wikileaks in Norwegen gibt Rätsel auf: Die Polizei teilte am Mittwoch mit, Habseligkeiten des Niederländers Arjen Kamphuis seien in einem Fjord gefunden worden. Ein Angler habe Gegenstände im Wasser gefunden, die mit Sicherheit dem Vermissten gehörten. Kamphuis, laut Wikileaks ein Kompagnon des Plattform-Gründers Julian Assange, wird seit mehr als drei Wochen vermisst.

Der 47 Jahre alte Experte für Cybersicherheit war zuletzt am 20. August beim Verlassen des Hotels Scandic im nordnorwegischen Bodo gesehen worden, wo er Urlaub machte. Wikileaks hatte daraufhin von einem «rätselhaften Verschwinden» gesprochen. In Online-Netzwerken kursierten verschiedene Theorien, wonach der US-Geheimdienst CIA oder Russland dahinter stecken könnten oder der Experte absichtlich untertauchte, um ein geheimes Projekt von Assange zu realisieren.

Heimflug nie angetreten

Die Habseligkeiten von Kamphuis wurden laut Polizei am Dienstagabend in der Nähe von Kvaenflaget gefunden, rund 50 Kilometer östlich von Bodo. Um welche Gegenstände es sich handelte, teilte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht mit. Suchaktionen zu Lande und zu Wasser dauerten weiter an, erklärte Inspektor Bjarte Walla.

Wahrscheinlich habe Kamphuis am 20. August einen Zug von Bodo nach Rognan genommen - die Bahnlinie verläuft in der Nähe des Fundorts am Fjord. Wikileaks zufolge hatte Kamphuis einen Heimflug für den 22. August ab Trondheim gebucht, den er aber nie antrat.

Verwirrung um Handy

Zusätzliche Rätsel gibt ein Handy auf, das Kamphuis zugeschrieben wird: Von dem Handy aus wurde am Abend des 30. August ein Signal gesendet - aus Stavanger im Südwesten Norwegens, mehr als tausend Kilometer Luftlinie von Bodo entfernt. Binnen einer Stunde seien zwei auf Kamphuis zugelassene SIM-Karten - eine deutsche und eine niederländische - in das Handy gesteckt worden, erklärte die Polizei. Es sei aber unklar, ob das Handy von Kamphuis aktiviert worden sei.


Die Polizei ermittelt nach eigenen Angaben in unterschiedlichen Richtungen: Denkbar seien ein freiwilliges Verschwinden - einschliesslich eines möglichen Suizids - , ein Unfall oder ein Verbrechen. «Wir sind in den Ermittlungen nicht genug vorangekommen, um eine dieser Theorien auszuschliessen oder zu bestätigen», erklärte Walla. Am Montag trafen zwei niederländische Ermittler ein, um bei der Suche nach Kamphuis zu helfen.

«Absolut kein Anzeichen», dass er «verschwinden wollte»

Eine Freundin des Vermissten, Ancilla van de Leest, sagte der Nachrichtenagentur AFP, es habe «absolut kein Anzeichen» dafür gegeben, dass Kamphuis «verschwinden wollte». Stattdessen habe er «viele Pläne» gehabt, «sowohl privat als auch beruflich». Die Verbindungen zwischen Kamphuis und Wikileaks seien «in der Presse stark übertrieben» worden, fügte sie hinzu. Er berate Organisationen bei der IT-Sicherheit, dazu gehöre auch Wikileaks.

Der Wikileaks-Chef Assange sitzt seit Jahren in der Botschaft Ecuadors in London fest. Dorthin war er 2012 geflohen, um einer Auslieferung an Schweden wegen Vergewaltigungsvorwürfen zu entgehen. Der Australier befürchtet, an die USA überstellt zu werden, wo ihm ein Prozess wegen Geheimnisverrats und womöglich sogar die Todesstrafe droht. Die von ihm mitgegründete Enthüllungsplattform Wikileaks hatte 2010 geheime Dokumente des US-Militärs veröffentlicht.

(mat/afp)