Saudi-Arabien

05. Januar 2016 22:21; Akt: 06.01.2016 13:02 Print

Wird al-Nimrs Neffe als Nächster hingerichtet?

Ali al-Nimr (21) sitzt im Todestrakt – genau wie sein Onkel, dessen Tod für weltweite Empörung sorgte.

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Ali Mohammed al-Nimr lächelt auf Bildern häufig verschmitzt in die Kamera. Einmal fällt dem Saudi eine Haarsträhne ins Gesicht, einmal wirkt er mit Hut, Fotoapparat und Velo ein bisschen wie ein europäischer Teenager. Meist sieht man ihm sein jugendliches Alter deutlich an – auf den letzten Bildern, die von al-Nimr existieren, ist er 17 Jahre alt.

Heute ist al-Nimr 21. Gesehen hat man ihn aber schon länger nicht mehr: Seit Februar 2012 sitzt er im Gefängnis. Seiner Familie sind Besuche verboten. Ihn erwartet das gleiche Schicksal wie seinen Onkel, den prominenten schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr, dessen Hinrichtung gerade zu Spannungen zwischen den muslimischen Konfessionen führt: die Todesstrafe. Ein Gericht in Jidda bestätigte das Urteil gegen Ali Mohammed al-Nimr im letzten Jahr.

Saudis unterdrücken Schiiten

Getötet werden soll al-Nimr durch Enthauptung. Mehr noch: Die Scharfrichter werden ihm nach seiner Hinrichtung den Kopf wieder annähen und die Leiche danach öffentlich an einem Kreuz zur Schau stellen – in Saudi-Arabien eine gängige Praxis.

Die Behörden werfen dem 21-Jährigen Raubüberfall, Besitz eines Maschinengewehrs und Teilnahme an einer Demonstration vor. Laut «Irish Independent» hängt das Urteil aber viel mehr mit seiner familiären Herkunft und seiner Konfession zusammen. Schiiten werden in Saudi-Arabien massiv unterdrückt. Ihnen ist die Arbeit im öffentlichen Sektor verboten, sie müssen zusätzliche Steuern bezahlen und werden von den Sunniten als Ungläubige diffamiert. Sowohl Ali Mohammed wie auch sein Onkel Nimr al-Nimr setzten sich gegen diese Unterdrückung ein.

«Der Vollzug kann jederzeit geschehen»

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) bestreitet die Rechtmässigkeit des Todesurteils. «Ali Mohammed al-Nimr war zum Zeitpunkt seiner Verhaftung minderjährig. Das verletzt klar internationales Recht», sagt Sprecher Reto Rufer. Zudem habe al-Nimr laut eigenen Angaben unter Folter ausgesagt. «Ob seine Verwandtschaft mit dem hingerichteten Scheich eine Rolle spielte, darüber kann ich aber nur spekulieren», sagt Rufer. Gleichzeitig mit al-Nimr seien auch andere minderjährige Schiiten bei ähnlichen Verfahren zum Tode verurteilt worden.

Offen bleibt die Frage, wie sich die Proteste nach der Hinrichtung des Scheichs auf den Fall seines Neffen auswirken werden. «Saudi-Arabien ist nicht gerade für seine Transparenz bekannt», sagt AI-Sprecher Rufer. Das Todesurteil gegen al-Nimr sei aber ausgesprochen und durch das höchste Saudi-Gericht bestätigt. «Sobald König Salman das Urteil unterschreibt, kann der Vollzug jederzeit geschehen.»

(nsa)