Ende des «Kalifats»

19. April 2019 20:01; Akt: 20.04.2019 18:35 Print

Wird der IS jetzt gefährlicher für uns?

von Ann Guenter - Terrorismus-Experte Guido Steinberg warnte bereits vor drei Wochen: «Wir müssen befürchten, dass mehr Leute im Untergrund aktiv bleiben, als bekannt ist.»

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Von der Terrormiliz zur Terrororganisation: Das «Kalifat» des IS war vor wenigen Jahren so gross wie Portugal. Jetzt ist in Syrien seine letzes Gebiet gefallen. Die Ideologie des «Islamischen Staates» aber lebt weiter. Dass der IS alles andere als weg ist, zeigt etwa dieses Video aus den Makhmour-Bergen in Nordirak: Mehrere Männer einer IS-Schläferzelle sitzen beisammen. Täglich kommt es zu tödlichen Angriffen aus Sicherheitsleute, Geistliche, Politiker, Zivilisten. Offiziell gilt der IS im Irak seit 2017 als besiegt. «Wir wissen nicht, wo der IS noch überall unterwegs ist. Er hat eine derart multinationale Truppe rekrutiert, dass es mich nicht wundern würde, wenn wir in den nächsten Monaten Kampfgebiete entdeckten, die wir noch gar nicht auf dem Schirm hatten», sagt Terrorexperte Guido Steinberg. Der Umgang mit den ausländischen IS-Kämpfern bereitet zahlreichen Ländern Kopfzerbrechen. «Es gibt aus meiner Sicht nur die Option, sie zurückzuholen», so Terrorexperte Steinberg. Die syrischen Kurden forderten die Rückholung ausländischer IS-Kämpfer und ihrer Familien im Rahmen einer Koordinierung mit der internationalen Gemeinschaft. Was vom «Kalifat» des sogenannten Islamischen Staates (IS) übrig blieb: eine Flagge der Terrormiliz am Boden des Zeltlagers im syrischen Dorf Baghus, das bis zum 23. März unter Kontrolle des IS stand. Einen Tag nach der Siegesmeldung ergaben sich die letzten IS-Kämpfer in dem Dorf. Über 66'000 Personen – die meisten davon gefangene Zivilisten – haben Baghus seit Januar verlassen. Die hohe Anzahl von Fliehenden überraschte die Anti-IS-Allianz. Es wird vermutet, dass viele in IS-Tunnels in den steinigen Hügeln hausten, die Baghus umgeben. Die syrischen Kurden halten allein mehr als 9000 ausländische Angehörige von IS-Kämpfern gefangen. Im Bild: zurückgelassene Selbstmordgürtel der Extremisten. Nach der Eroberung der Zeltstadt unterstreichen die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) ihre Forderung nach der Schaffung eines internationalen Gerichtshofs für gefangene Jihadisten. SDF-Sprecher Mustefa Bali erklärte, die Jihadisten hätten eine «hundertprozentige territoriale Niederlage» erlitten. Was vom IS jetzt noch übrig sei, werde «verfolgt und vernichtet». Die Schlussoffensive zur Einnahme von Baghus hatte am 9. Februar begonnen. Es war die letzte Phase eines im September 2018 gestarteten Einsatzes, um den Jihadisten die Kontrolle über ihre letzten Gebiete in Syrien zu entreissen.

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Am Karfreitag wurde publik, dass die Terrormiliz IS unter anderem in Basel sowie in Deutschland Anschläge geplant hatte. Vorangetrieben wurden die Enthüllungen von der britischen «Sunday Times», die sich Einblick in die Daten einer geheime IS-Festplatte verschafft hatte. Nun wird erneut die Frage laut: «Wie gefährlich ist der IS?». Bereits vor drei Wochen hat Reporterin Ann Guenter mit Terrorexperte Guido Steinberg über genau diese Frage gesprochen.

Der Fall des Kalifats sei ein grosser militärischer Erfolg, aber «es ist leider nicht das Ende des IS und seiner Ideologie», sagt Interpol-Chef Jürgen Stock im Interview mit ITV2. Ihm zufolge werden wir es jetzt mit einem «IS 2.0» zu tun bekommen. Dieser «IS 2.0» sei «noch internationaler», als es die Terrormiliz vor dem Fall des sogenannten Islamischen Staates gewesen sei.

Ein ernüchternder Ausblick, gerade was die Sicherheitslage angeht. Teilt Terrorexperte Guido Steinberg diese Einschätzung? 20 Minuten hat nachgefragt.

Herr Steinberg. Steigt bei uns die Terrorgefahr mit dem Ende des IS-Kalifats in Syrien und Irak?
Um mit dem Positiven zu beginnen: Mit dem Verlust seines Territoriums hat der IS auch viele Rekrutierungsmöglichkeiten sowie die Möglichkeit verloren, zentralisiert Attentäter auszubilden, diese loszuschicken und vielleicht sogar noch während der Tat zu instruieren. Es ist allerdings nicht auszuschliessen, dass der IS noch über Zellen verfügt, die das weiterhin können. Aber das haben wir lange nicht mehr gesehen. Insgesamt hat sich die Sicherheitslage zumindest in Europa verbessert.

Wir müssen befürchten, dass mehr Leute aktiv und unterwegs sind, als bekannt

Also geht jetzt vom IS keine erhöhte Gefahr aus?
Leider doch. Denn der IS hat sich auf diese Situation vorbereitet. Was uns mit der grossen Frage zurücklässt: Wo sind die ganzen ausländischen IS-Kämpfer abgeblieben? Auf dem Höhepunkt hatte die Organisation bis zu 40’000 Kämpfer unter Waffen. Wenn man sich einzelne Kontingente des IS anschaut – etwa der deutschen Kämpfer –, dann ist auffällig, dass bei Hunderten unklar ist, wo sie sich aufhalten. Ich nehme an, dass viele von ihnen tot sind, im Schutt in Raqqa und Mosul oder in Tunneln im Euphrattal liegen. Wir werden nie erfahren, was aus ihnen geworden ist. Allerdings müssen wir auch befürchten, dass mehr Leute im Untergrund aktiv bleiben, als bekannt ist. Das wird eine der grossen Fragen der nächsten Jahre sein: Wer lebt noch, wer nicht?

Wo könnten diese Leute am ehesten sein?
In der Türkei oder bei einem der IS-Ableger in Afrika oder Asien. Tatsächlich hat der IS fünf sehr wichtige Provinzen gegründet. Auf den Philippinen, im Jemen, auf dem Sinai, in Libyen und Afghanistan. Diese Ableger sehe ich tatsächlich als Problem – obwohl sie jeweils eigenständig operieren dürften, weil die Zentralen in den beiden IS-Hauptstädten Mosul und Raqqa nicht mehr bestehen.

Es würde mich nicht wundern, wenn wir in den nächsten Monaten noch mehr Kampfgebiete entdecken


Zieht der IS auch einen Vorteil aus dem Ende seines «Kalifats»?

Der Vorteil für den IS nach dem Fall des Kalifats ist die Fragmentierung der Organisation, sie ist jetzt weniger angreifbar. Damit gehen aber neben den bereits erwähnten Rekrutierungsschwierigkeiten auch Organisationsprobleme einher. So gab es eine sehr enge Koordinierung zwischen der Zentrale in Mosul und den Operationsbasen in Syrien, in Libyen und IS-Gruppen weit darüber hinaus. Diese länder- und sogar kontinenteübergreifende Koordination gibt es aus meiner Sicht nicht mehr.

Der «IS 2.0» ist jetzt zwar weniger angreifbar, hat aber auch weniger Rekrutierungs- und Koordinationsmöglichkeiten. Das klingt eigentlich vielversprechend.
Das grosse Aber ist: Wir wissen nicht, wo der IS noch überall unterwegs ist. Er hat eine derart multinationale Truppe rekrutiert, dass es mich nicht wundern würde, wenn wir in den nächsten Monaten Kampfgebiete entdeckten, die wir noch gar nicht auf dem Schirm hatten.

Und diese Kampfgebiete könnten auch in Europa sein?
Ja. Alle Europäer hatten recht grosse Truppenteile beim IS, das gilt ja sogar für kleine Länder wie die Schweiz, Dänemark oder Österreich. Alle Länder mit IS-Rückkehrern müssen also jetzt sehr genau hinschauen, ob es weiterhin Strukturen gibt, die die Bekämpfungsmassnahmen der letzten Jahre überlebt haben, oder ob Strukturen neu gebildet werden. Ich sehe es insgesamt positiv. Unsere Sicherheitsbehörden sind nicht schlecht aufgestellt. Aber es ist natürlich nie auszuschliessen, dass sie einige Strukturen nicht entdecken werden.

Es gibt aus meiner Sicht nur die Option, die IS-Kämpfer zurückzuholen

Ein letzter Punkt zu den Gefahren nach dem Fall des Kalifates: die Rückkehrer. Sollen wir diese Kämpfer lassen, wo sie sind, oder aktiv heimholen?
Es gibt aus meiner Sicht nur die Option, sie zurückzuholen. Aus drei Gründen. Erstens ist es eine völkerrechtliche Verpflichtung, daran haben wir uns zu halten. Länder wie Deutschland oder auch die Schweiz vertrauen ja auch darauf, dass Länder ihre Straftäter zurücknehmen, wenn wir sie abschieben. Wenn wir das weiterhin machen wollen – Kriminelle nach Afghanistan oder Tunesien abschieben –, dann müssen auch wir unsere mutmasslichen Verbrecher zurücknehmen. Zweitens: Die Amerikaner, gemeinsam mit den Kurden, haben uns die Organisation IS vom Hals geschafft. Er kann keine anspruchsvollen Anschläge wie in Paris 2015 oder Brüssel 2016 mehr verüben. Wenn sie uns also bitten, einige Dutzend Staatsbürger zurückzunehmen, halte ich es für vollkommen unmöglich, das nicht zu tun. Drittens: Natürlich ist es für unsere Sicherheitsbehörden ein Problem, wenn eine grössere Zahl von Personen zurückkehrt, die wahrscheinlich beim IS waren. Sie müssen abklären, was es an belastendem Material gibt, ob ein Prozess möglich ist und wer gefährlich ist und wer nicht. Aber bei den Zahlen, über die wir reden, muss das möglich sein. Trotz aller praktischen Probleme.

Überfälle auf Gefängnisse sind ein wichtiger Bestandteil der IS-Geschichte

Der IS hat sich darauf spezialisiert, Gefängnisse zu stürmen und seine Leute rauszuholen. Jetzt sitzen Tausende ausländische IS-Kämpfer in Syrien und Irak in überfüllten Gefängnissen. Sollte uns das nicht auch zu denken geben?
Doch. Es ist ganz richtig: Überfälle auf Gefängnisse sind ein wichtiger Bestandteil der IS-Geschichte. Sie werden das wieder versuchen, sobald sie die Möglichkeit dazu sehen. Mit dem Teilabzug der Amerikaner in Syrien ist das noch einfacher geworden. Ein weiterer Grund, die eigenen IS-Anhänger zurückzuholen.