Vermisster Journalist

09. Oktober 2018 16:03; Akt: 09.10.2018 16:31 Print

Wurde seine Leiche in Boxen verpackt?

Im Fall des verschwundenen Journalisten Jamal Khashoggi zeigen Überwachungsvideos beim saudischen Konsulat: Verdächtige Boxen wurden in Fahrzeuge geladen.

Bildstrecke im Grossformat »
US-Aussenminister Mike Pompeo hat am Mittwoch in Ankara den Fall des verschwundenen saudiarabischen Journalisten Jamal Khashoggi erörtert. Direkt nach seiner Ankunft am Flughafen in Ankara traf er dort ... ... den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der US-Aussenminister hatte zuvor mit dem saudiarabischen König Salman und Kronprinz Mohammed bin Salman gesprochen. Saudi-Arabien habe ihm eine «vollständige» Untersuchung zugesichert, bei der niemand verschont werden solle, sagte Pompeo. Am Dienstag, 16. Oktober, durchsuchte die türkische Polizei das saudiarabische Konsulat. Uniformierte Polizisten und Beamte in Zivil fuhren mit mehreren Fahrzeugen vor und betraten umgehend das Gebäude. Die Ermittler suchten vor allem nach DNA-Spuren des verschwundenen Journalisten Jamal Khashoggi. Die Ermittler erhoffen sich dadurch Aufklärung über den Verbleib des saudischen Regimekritikers. Der türkische Fernsehsender TV 24 veröffentlichte Bilder einer Überwachungskamera, die Khashoggi beim Betreten des Konsulats zeigen sowie ... ... einen schwarzen Van, der zwei Stunden später das Gebäude verlässt. Danach fuhr das Auto zur nahe gelegenen Residenz des Konsuls. Auf den Überwachungsvideos ist Khashoggis Verlobte zu erkennen, wie sie stundenlang und zunehmend nervös vor dem Konsulat wartet. Die regierungsnahe Zeitung «Sabah» veröffentlichte die Namen, Geburtsdaten und Fotos von 15 Männern, die sie als Mitglieder des angeblichen «Anschlagsteams» bezeichnete. Die Fotos stammten demnach von der Passkontrolle am Istanbuler Atatürk-Flughafen und der Rezeption eines Luxushotels, in dem die Saudiaraber nach ihrer Ankunft eincheckten, ohne dort aber die Nacht zu verbringen. Stattdessen kehrten sie bereits am gleichen Abend in Privatjets über Dubai und Ägypten nach Saudiarabien zurück. «Hürriyet» berichtet zudem, neun der Saudiaraber hätten in Istanbul Koffer gekauft, diese aber beim Abflug nicht mitgenommen. Khashoggi war im September 2017 aus Furcht vor einer Festnahme in die USA ins Exil gegangen, wo er unter anderem für die «Washington Post» schrieb. Der Saudi ging ins Konsulat in Istanbul, weil er dort Papiere für seine Hochzeit mit einer Türkin abholen wollte. Er schlug Sicherheitsbedenken aus: «Die Saudis können mir in der Türkei nichts anhaben.» Die türkische Polizei geht davon aus, dass Khashoggi in dem Konsulat ermordet wurde. Nach Angaben türkischer Offizieller zeigen Videoaufnahmen, dass Khashoggi das Konsulat betreten, aber nicht mehr verlassen hat. Die saudische Seite erklärte dagegen, Khashoggi sei erst nach dem Besuch in dem Konsulat verschwunden. Khashoggi ist ein Veteran des Journalismus in Saudiarabien. Wegen seinen kritischen Artikel eckte er bei der Führung immer wieder an. Nachdem er vergangenes Jahr in die USA ins Exil gegangen war, schrieb er Meinungsbeiträge für die «Washington Post» und den britischen «Guardian». In seinen Artikeln kritisierte er immer wieder die Politik von Kronprinz Muhammad und die saudiarabische Militärintervention im Jemen. Am Montag, 8. Oktober, kam es zu Protesten vor dem saudiarabischen Konsulat in Istanbul. Nach Khashoggis Verschwinden haben die türkischen Behörden einem Medienbericht zufolge die Durchsuchung des saudiarabischen Konsulats in Istanbul gefordert. Riad hat dem zugestimmt. Man habe nichts zu verbergen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Mindestens sechs Überwachungskameras haben das Treiben rund um das saudiarabische Konsulat in Istanbul im Visier. Einige davon werden von der türkischen Polizei betrieben. Deswegen konnte diese im Fall des verschwundenen Journalisten Jamal Khashoggi nun Aufnahmen auswerten, die den Mann beim Betreten der Saudi-Vertretung zeigen.

Die türkischen Ermittler folgerten, dass der saudische Dissident das Konsulat wohl nicht lebend mehr verlassen habe. Aus Polizeikreisen verlautete gar, der Mann sei im Konsulat «auf bestialische Weise» ermordet worden.

Verdächtige Boxen verladen

Bei den Ermittlungen wurden auch zahlreiche Verkehrskameras beigezogen, die in ganz Istanbul aufgestellt sind. Der Fokus der Polizei, schreibt der «Guardian» unter Berufung auf türkische Regierungsquellen, liege dabei auf einem Konvoi, der das Konsulat zwei Stunden nach Ankunft des Journalisten verlassen habe. Überwachungskameras zeigten demnach, wie zuvor mehrere Boxen in eines der sechs Fahrzeuge mit abgedunkelten Scheiben und Diplomaten-Nummern geladen wurde.

Nachdem der Konvoi das Konsulat verlassen habe, bogen drei der Autos links auf eine Hauptstrasse ab, die übrigen drei nach rechts. Die Ermittler interessierten sich vor allem für einen dieser Wagen. Strassenkameras fingen ihn ein, als er auf dem Weg auf eine Autobahn war, bevor sie ihn wieder verloren.

Was machte die «Sicherheitsdelegation» in Istanbul?

Verdächtig findet die türkische Polizei auch, dass eine mehrköpfige Delegation aus Saudiarabien an diesem Tag an- und gleich wieder abgereist war. Riad bestätigte zwar, dass eine «Sicherheitsdelegation» in Istanbul gewesen sei, schweigt aber über den Zweck dieses Besuches. Die türkischen Ermittler vermuten aber, dass es sich bei der Delegation um ein eigentliches Mordkommando gehandelt habe, das dem Regierungskritiker im Konsulat auflauerte und ihn ermordete.

Präsident Recep Tayyp Erdogan persönlich hat sich nun in den Fall eingemischt. Wenn Saudiarabien behauptet, dass der Journalist das Konsulat des Königreichs lebend verlassen habe, «dann müssen die zuständigen Behörden das beweisen», sagte er. «Wenn er rausgegangen ist, dann müssen sie das mit Bildern belegen.»

Saudiarabien kooperiert

Ankara wisse mehr über das Schicksal des saudischen Journalisten, als es zu diesem Zeitpunkt offenlege, so der «Guardian» weiter. Diese Zurückhaltung erkläre sich aus den starken wirtschaftlichen Banden zwischen der Türkei und Saudiarabien.

Gleichwohl erhöht Ankara den Druck auf Riad. Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche bestellte das türkische Aussenministerium den Botschafter des arabischen Königreiches ein. Ausserdem kündigte das Ministerium an, man werde das Konsulatsgebäude im Rahmen der Untersuchungen durchsuchen.

«Die saudiarabischen Behörden haben sich zur Kooperation bereit erklärt und einer Durchsuchung des Konsulatsgebäudes zugestimmt», erklärte der türkische Aussenamtssprecher Hami Aksoy, ohne einen Termin für die Durchsuchung zu nennen.

(gux)