Barcelona

18. Oktober 2019 03:24; Akt: 18.10.2019 03:45 Print

Zehntausende Katalanen setzen Proteste fort

25'000 Studenten und Aktivisten haben sich in Barcelona vor dem Rathaus versammelt.

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Feuer und Rauch in Barcelona: Die Unruhen in Kataloniens Metropole nehmen kein Ende. In der Nacht auf Samstag kam es erneut zu gewaltsamen Protesten. (18. Oktober 2019) Der katalanische Innenminister sagte in der Nacht zum Samstag, «eine solche extreme Gewalt» habe es in Katalonien «noch nie gegeben». (18. Oktober 2019) Mehrere Autos sowie Barrikaden und Blumenkästen wurden am Mittwochabend in Barcelona in Brand gesetzt. (16. Oktober 2019) Die Polizei der Region im Nordosten Spaniens teilte mit, gewaltbereite Aktivisten hätten nicht nur Steine und Böller auf die Sicherheitskräfte geworfen, sondern auch «Gegenstände mit Säure». Es war bereits der dritte Tag mit massiven Demonstrationen in und um Barcelona, nachdem das Oberste Gericht in Madrid am Montag neun Separatistenführer zu langjährigen Haftstrafen verurteilt hatte. Neben friedlichen Kundgebungen Tausender Unterstützer einer Abspaltung der Region von Spanien kam es dabei auch immer wieder zu Krawallen mit Dutzenden Verletzten und zahlreichen Festnahmen. Regionalpräsident Quim Torra hat die Gewalt trotz Aufforderungen der Zentralregierung in Madrid bislang nicht öffentlich verurteilt. Die in Haft sitzenden Separatistenführer hingegen distanzierten sich auf Twitter von den Ausschreitungen. Hunderte Menschen haben am 14. Oktober 2019 den Zugang zum Flughafen in Barcelona gesperrt. «Der Eingang zu den Terminals wurde gesperrt», berichtet Leser-Reporterin Yvonne Ziegler. Die Demonstranten sind Befürworter der Unabhängigkeit Kataloniens. Die Polizei beobachtete lange die Situation. Sie protestieren derzeit wütend gegen das Urteil des Obersten Gerichts. Hunderte waren nach Bekanntgabe des Urteils zum Flughafen Barcelona zu Fuss unterwegs, um den Flugverkehr lahmzulegen. Viele sitzen seit Stunden in den Hallen der Terminals. Im Stadtzentrum haben Demonstranten die wichtigsten Zugangsstrassen zum Zentrum blockiert, Taxis und die U-Bahn fahren nicht.

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Trotz Warnungen vor erneuten Eskalationen haben die Unabhängigkeitsbefürworter in Katalonien ihre Proteste fortgesetzt. Etwa 25'000 Studenten und weitere Aktivisten versammelten sich am Donnerstag vor dem Rathaus in Barcelona.

Die Kundgebungsteilnehmer demonstrierten gegen die hohen Haftstrafen für neun prominente Unabhängigkeitsbefürworter. Kataloniens Regionalpräsident Quim Torra verurteilte die Ausschreitungen am Rande der jüngsten Proteste, drohte aber auch mit einem neuen Unabhängigkeitsreferendum. Die Regierung in Madrid kündigte erneut ein hartes Vorgehen gegen Randalierer an.

Torra reagierte mit seiner Ankündigung eines neuen Referendums auf den Unmut über die harten Gerichtsurteile. «Wenn wir für die Aufstellung von Urnen zu 100 Jahren Gefängnis verurteilt werden, dann ist die Antwort klar: Man muss erneut Urnen für die Selbstbestimmung aufstellen», sagte Torra im Regionalparlament in Barcelona. Dieses solle noch in dieser Legislaturperiode, die 2022 endet, stattfinden.

Seit Tagen protestieren katalanische Unabhängigkeitsbefürworter gegen das Urteil von Spaniens Oberstem Gerichtshof. Die Proteste hielten am Donnerstag weiter an: Tausende Studenten traten in den Streik, bei den Protesten vor dem Rathaus in Barcelona wurden Polizisten beschimpft und mit Eiern sowie Toilettenpapier beworfen.

Autobahnen gesperrt

Strassen und Autobahnen wurden gesperrt, weil tausende Menschen ihren am Mittwoch begonnenen Sternmarsch in Richtung Barcelona fortsetzten. Der Marsch soll am Freitag mit einer Massenkundgebung in der katalanischen Hauptstadt enden, gleichzeitig ist ein Generalstreik geplant.

Die sogenannte Verteidigungskomitee der Republik (CDR), eine Gruppe radikaler Unabhängigkeitsbefürworter, rief für die Nacht zu Freitag zu weiteren Protesten auf. Innenminister Fernando Grande-Marlaska warnte, gewalttätige Demonstranten würden «nicht straffrei» davonkommen.

Spaniens Oberstes Gericht hatte am Montag Haftstrafen von bis zu 13 Jahren unter anderem gegen den frühere katalanischen Vize-Regionalpräsidenten Oriol Junqueras und die frühere Präsidentin des katalanischen Regionalparlaments, Carme Forcadell, verhängt. Die Richter sprachen sie des «Aufruhrs» und der Veruntreuung öffentlicher Gelder schuldig, weil sie im Oktober 2017 ein von der spanischen Justiz als illegal eingestuftes Unabhängigkeitsreferendum organisiert hatten.

Polizisten mit Säure beworfen

Am Mittwoch kam es in Barcelona den dritten Abend in Folge zu schweren Ausschreitungen von Anhängern der Unabhängigkeitsbewegung. Nach einem friedlichen Protestmarsch tausender Menschen errichteten hunderte junge Demonstranten Barrikaden, setzten Abfalleimer und Autos in Brand und schleuderten Flaschen und Steine auf die Polizei.

Nach Angaben der Polizei wurden die Beamten dabei erstmals auch mit Molotowcocktails und Behältern mit Säure beworfen. Die Protestierenden feuerten zudem Feuerwerkskörper in Richtung eines Polizeihubschraubers ab.

Torra hatte daraufhin ein sofortiges Ende der Gewalt gefordert. Es gebe für brennende Autos und andere Formen des Vandalismus «keinerlei Rechtfertigung», sagte er am späten Mittwochabend im Regionalfernsehen. «Das muss sofort aufhören.» Der spanische Regierungschef Pedro Sánchez hatte Torra zuvor aufgerufen, die Gewalt klar zu verurteilen.

Fast hundert Verletzte

Insgesamt wurden bei den Ausschreitungen 96 Menschen verletzt, davon allein 58 in Barcelona, wie die Rettungsdienste mitteilten. Dem Innenministerium zufolge wurden 46 Polizisten verletzt, einige von ihnen schwer. Die Polizei nahm nach eigenen Angaben in der gesamten Region 97 Menschen seit Beginn der Proteste fest.

Die anhaltenden Proteste stossen bei vielen Katalanen aber auch auf Ablehnung. Fernando Sánchez Costa, Vorsitzender der Plattform Katalanische Bürgergesellschaft (SCC), die sich für die Einheit Spaniens einsetzt, erklärte, der Unabhängigkeitsprozess «hängt uns zum Hals raus». Die Unabhängigkeitsbefürworter «haben uns zehn Jahre Koexistenz geraubt, und wir möchten eine neue Phase der Ruhe einläuten».

Die SCC hat für den 27. Oktober, den Jahrestag der gescheiterten Unabhängigkeitserklärung 2017, eine Demonstration in Barcelona angekündigt. Einer im Juli veröffentlichten Umfrage zufolge unterstützen 44 Prozent der Katalanen die Abspaltung von Spanien, 48,3 Prozent sind jedoch dagegen.

(chk/sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Manu el am 18.10.2019 05:32 Report Diesen Beitrag melden

    Spanien / Katalonien

    Ist auf dem besten Weg sich zu einem China / Hong Kong zu entwickeln. Vermutlich würde dann auch eher die USA als die EU die schützende Hand über Katalaonien halten.

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  • Tommy am 18.10.2019 10:57 Report Diesen Beitrag melden

    Recht hat er!

    «Wenn wir für die Aufstellung von Urnen zu 100 Jahren Gefängnis verurteilt werden, dann ist die Antwort klar: Man muss erneut Urnen für die Selbstbestimmung aufstellen» Beste Reaktion! Die Schotten hat man abstimmen lassen und sie haben Nein zur Unabhägigkeit gesagt. Wieso? Weil man sie abstimmen liess und genau damit ja bewiesen hat, dass sie nicht unterdrückt oder zu irgendwas gezwungen werden. Daran sollten sich die Spanier ein Beispiel nehmen! Nicht daran wie China mit Hongkong oder Taiwan umgeht!

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  • Voltaire am 18.10.2019 09:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spanien und Katalonien (2)

    Spanien hat bis heute immer noch die Illusion Weltmacht zu sein und unterdrückt jegliche Autonomiebestrebungen seiner Provinzen, wie schön immer. Ehrlicherweise ist zu sagen, dass Spanien bisher weder die Franco-Diktatur aufgearbeitet hat, noch wahre demokratische Werte zugelassen hat. Spanien ist eine Monarchie und hat bis heute ein starkes hierarchisches Gesellschaftsbild, wenn man hinter die Kulissen blickt. Die reichen Provinzen, wie Katalonien werden ausgebeutet. Das passt den Leuten natürlich nicht. Die Proteste muss man verstehen, da Katalonien wirtschaftlich und sozial aufsteigen will

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Die neusten Leser-Kommentare

  • h.b. am 06.11.2019 00:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Regierung Spanien.

    So eine schlechte Regierung ist der Untergang Spaniens.Der Sansches taugt doch nichts.Wer angibt hat mehr vom Leben.Mehr ist nicht drin.Racheu hat alles aufgebaut und Sansches macht alles kaputt.

  • Wörni am 05.11.2019 20:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wiederstand ist nicht Zielführend

    Das Katholische Spanien sollte sich darauf besinnen. dass die Bürger sich der Regierung unterordnen sollen. Wo bleibt da die Kirche, die solche Gruppierungen auf- klären müsste. Bürgerkrieg ist naheliegend, wenn nicht die Vernunft einsetzt.

  • MadChengi am 19.10.2019 09:31 Report Diesen Beitrag melden

    Guardia Civil raus lassen

    Es gibt ja immer noch die Guardia Civil, an die kann ich noch gut erinnern auf Interrail 1976. Die sollten eigentlich ein überzeugendes "Argument" gegen Krawallanten im Täschchen haben!

    • Julio Shim am 19.10.2019 14:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @MadChengi

      Bin auf Twitter gut vernetzt und sehe wie die Nationalpolizei die Leute mit Schlagstöcken verfolgt. Deshalb gibt es vor allem Verletzte. Die Guarda civil ist in Katalonien, Baskenland und Navarra nicht willkommen.

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  • El Pepito am 19.10.2019 02:02 Report Diesen Beitrag melden

    Blutet?

    Katalonien blutet? Wieder jemand der 0 Ahnung über die Materie hat.

  • Fragender am 19.10.2019 00:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frage

    Die Demokratie wird von Madrid und der EU mit Füssen getreten. Und einer solchen Wertegemeinschaft soll die Schweiz beitreten? Sind denn die Befürworter für das Niederknüppeln der Demokratie und des Volkswillens?