Verheerende Bastelbomben

01. Juni 2011 07:39; Akt: 02.06.2011 13:02 Print

Zu Fuss unterwegs – Arme und Beine weg

US-Soldaten erleiden im Afghanistankrieg zunehmend grausige Verletzungen, darunter den Verlust beider Beine. Hintergrund ist eine Direktive, öfter zu Fuss zu patrouillieren.

Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen, englisch «Improvised Explosive Device» (IED), setzen den US-Soldaten schwer zu. Undatiertes Video aus Afghanistan oder dem Irak. (Video: Youtube/calisonic)
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Vor bald einem Jahr übernahm US-General David Petraeus das Oberkommando der ISAF-Truppen in Afghanistan. Seine Soldaten ermahnte er damals, wenn immer möglich ihre gepanzerten Fahrzeuge zu verlassen und zu Fuss zu patrouillieren. Davon erhoffte er sich, das Verhältnis zur Bevölkerung zu verbessern sowie die Observation und das Sammeln von Informationen zu erleichtern, wie er in einem Memo an die Truppe festhielt.

Ein weiterer Grund, die Fahrzeuge zu verlassen, ist die höhere Wahrscheinlichkeit, im Boden vergrabene Bomben aufzuspüren und zu entschärfen. Laut Recherchen der Zeitung «USA Today» gelingt dies zu Fuss in 79 Prozent der Fälle – fast doppelt so oft wie aus einem Fahrzeug (41 Prozent). Die höhere Auffindrate hat allerdings einen schrecklichen Preis: Für Fusssoldaten stellt das Restrisiko eine weit grössere Bedrohung dar als für ihre Kameraden in den gepanzerten Humvees.

Prothesen teilweise kaum möglich

Die Taliban haben sich auf die neue Taktik des Gegners eingestellt und vergraben noch mehr ihrer selbstgebastelten Tretbomben. Diese bestehen oft aus wenig mehr als einem Plastikeimer gefüllt mit Kunstdünger und einem primitiven Zünder aus Holz oder einer Petflasche. Solche sogenannten «Improvised Explosive Devices» (IED) töteten im vergangenen Jahr 268 US-Soldaten – mehr als in konventionellen Gefechten umkamen (231). Im gleichen Zeitraum wurden 3366 verwundet. Die Art und Schwere ihrer Verletzungen zeugen vom Umstand, dass die Fusssoldaten der Explosion schutzlos ausgeliefert waren.

Amerikanische Militärärzte berichteten der «Huffington Post», dass die Verletzungen teilweise so schwer sind, dass sie beide Beine bis nah an die Hüften der Opfer amputieren müssen, was die Anbringung von Prothesen erschwert. Da die Soldaten mit vorgehaltener Waffe patrouillieren, sind auch Armamputationen weit verbreitet. Mindestens vier Patienten im Walter Reed Army Medical Center, dem grössten Militärspital in den USA, haben in Afghanistan beide Beine und Arme verloren.

Ausbildung wichtiger als Hightech

Ein weiteres schwerwiegendes Problem sind Verletzungen des Sexualorgans, die junge, zuvor kerngesunde Männer in Depressionen stürzen. Die Scheidungsrate unter den verheirateten Patienten übersteigt 50 Prozent. «Wenn ein junger Mann erfährt, dass er keine Kinder mehr zeugen kann, ist das ein grosses Problem – vor allem, wenn seine Frau neben ihm sitzt», sagte Bo Bergeron, Leiter Physiotherapie des Walter-Reed-Spitals der «Huffington Post».

IED-Spezialisten der US-Armee räumen ein, dass die enormen Investitionen in neuartige Detektoren mit der Ausbildung der Soldaten nicht immer Schritt hält. In Afghanistan stehen Roboter sowie Sensoren auf Luftballonen und unbemannten Drohnen zur Verfügung. Fusssoldaten benutzen zudem tragbare Detektoren, die den Boden mit Radar durchdringen und auf nicht-metallische Bomben reagieren. Auch Spürhunde kommen zum Einsatz. Trotzdem: Die beste Waffe gegen IEDs sind gut ausgebildete Soldaten.

(kri)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Fritz am 03.06.2011 22:48 Report Diesen Beitrag melden

    Grausam, doch ich verstehe das.

    Grausam, doch ich verstehe das. Das Afghanische Volk hat sonst keine Möglichkeit sich gegen die High-Tech US Soldaten zu wehren.

  • Steve Whitehall am 01.06.2011 07:51 Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    Danke an alle Armeen für ihren täglichen und notwendigen Job in Afghanistan. Durch ihren Job ist unsere Welt sicherer geworden. Auch für jene die in einen Neutralen Land wohnen. God Bless America

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  • Bobo am 01.06.2011 09:15 Report Diesen Beitrag melden

    Tragik

    Es ist einfach nur tragisch, wenn solch junge Männer das Leben oder ihre Gliedmassen verlieren.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Fritz am 03.06.2011 22:48 Report Diesen Beitrag melden

    Grausam, doch ich verstehe das.

    Grausam, doch ich verstehe das. Das Afghanische Volk hat sonst keine Möglichkeit sich gegen die High-Tech US Soldaten zu wehren.

  • Who cares am 02.06.2011 04:11 Report Diesen Beitrag melden

    Osamania Bin Laden

    Uncle Sam hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Nachwehen werden schlimm und noch lange weh tun. Mittlerweile gibt es mehr "kriegsbedingte Suizide" als Kriegs-Tote. Vietnam, Agent Orange etc. lässt grüssen.

  • Michael Palomino (*1964) am 01.06.2011 16:48 Report Diesen Beitrag melden

    Von wem kam der Angriff?

    Afghanistan hat die "USA" nie angegriffen.

  • Siebenschlauer am 01.06.2011 15:19 Report Diesen Beitrag melden

    Playstation-War!

    Wenn man die kriegerischen Auseinandersetzungen auf der Playstation austragen würde, dann könnte man die Konsole einfach abschalten und keiner käme zu Schaden. Doch der Krieg ist leider real und Verstümmelungen waren schon immer ein Gesicht des Krieges, das ist nichts Neues. Die Menschheit muss eben intelligenter werden oder den Krieg den Maschinen überlassen die gegeneinander kämpfen, die Seite die kein Geld für neue Kampfroboter hat, hat verloren.

    • P. Huber am 01.06.2011 20:07 Report Diesen Beitrag melden

      Skynet

      Und am Schluss wird Skynet siegen!

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  • Dr Chrigu am 01.06.2011 13:41 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht gewinnbarer Krieg

    Solange sich die ISAF nicht darauf einigen kann, in einer Zangenbewegung aus Nordwest-Pakistan und Afgahnistan gleichzeitig vorzugehen wird das nichts. So oder so würden sich die Taliban dann wieder in die Berge zurückziehen. Wie es momentan läuft, ist die Drogenproduktion seit dem Einmarsch um das mehr als 200fache angestiegen, und die ISAF zahlt für jeden Transport, der Waren und Treibstoff bringt, "Lösegeld". Den übrigen Kommentarschreibern hier rate ich übrigens, sich die verschiedenen Videos zu diesem Thema auf Youtube reinzuziehen (Stichworte: Afgahnistan, Scholl-Latour).

    • Denker am 03.06.2011 09:01 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht ganz verstanden...

      1. Es gibt keinen Krieg, den man gewinnen kann. Man kann einen Krieg nur beenden. 2. Die Taliban kann man nicht einfach mit mittels einer Zangenbewegung besiegen. Denn die Taliban sind von der Zivilbevölkerung nicht zu Unterscheiden. Ausserdem gibt es im Volk einige Leute, die nicht aktiv kämpfen, die Taliban aber trotzdem unterstützen. Wäre es so einfach wie Sie es darstellen, hätte man den Krieg schon lange beendet.

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