Jesiden-Kinder

07. März 2019 17:04; Akt: 07.03.2019 17:42 Print

Versklavte Buben als IS-Selbstmordattentäter

von Ann Guenter - Jesidische Buben wurden zu Tausenden vom IS entführt. Jetzt kehren sie heim: indoktriniert, traumatisiert, ihrer Identität beraubt. Ein Besuch in einem Safehouse.

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13 jesidische Buben zwischen elf und 15 Jahren kamen aus der letzten IS-Bastion Baghus in ein Safehouse in Nordsyrien. Als der IS sie ihren Familien entriss, waren sie noch so jung, dass die meisten ihre kurdische Muttersprache vergessen haben. Sie sprechen jetzt Arabisch. Der 15-jährige Saddam ist der Älteste von ihnen. Er stammt aus dem Dorf Dugir in der Sinjar-Region. «Ich erinnere mich daran, dass mein Vater zur Arbeit und ich zur Schule ging. Das Leben war friedlich. Ich weiss nicht mehr viel von diesem Leben.» Das Leben unter den Extremisten hat tiefe Wunden hinterlassen. «Viele schreien im Schlaf», sagt Betreuerin Zuhour Kado. Milad sagt: «Der IS war gut zu uns.» Er hoffe trotzdem, dass er bald nach Sinjar und zu seiner Familie zurückkehren könne. Später wird mir Betreuer Rasho erzählen, dass Milad noch nicht wisse, dass sein Vater vom IS getötet wurde und seine Mutter als vermisst gilt. Als 20 Minuten mit den Buben spricht, bestreiten sie, dass der IS sie an Waffen ausgebildet hat. Sie hätten immer nur den Koran lesen müssen, sagen sie. Doch die Betreuer winken ab. «Sie können alle eine Waffe bedienen.» «Einige können auch sehr gut Auto fahren. Sie wurden zu Selbstmordattentätern ausgebildet», sagt Betreuer Mahmoud Rasho. Einige der Buben schickten den überlebenden Verwandten im Nordirak Fotos von sich als IS-Kämpfer. «Ich wasche und bade sie. Einige haben Wunden am ganzen Körper. Sie wurden so oft geschlagen», sagt Zuhour Kado, die jesidische Betreuerin dieses Safehouse. Einige Buben würden sich tagelang verstecken. «Sie haben Angst. Sie bezeichnen uns als ‹Ungläubige›. Erst nach drei, vier Tagen beginnen sie, mit uns zu reden.»

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Milad erinnert sich nicht mehr ans Glück. Wärme, Nähe, Geborgenheit kennt der 11-Jährige nicht mehr. «Der irakische IS-Kämpfer, bei dem ich lebte, sagte, dass Umarmungen haram, verboten, sind», sagt der Bub.

Milad weiss auch nicht mehr, wie es in seinem Dorf Solak im Sinjar-Gebirge im Nordirak aussah. Als der IS 2014 das Dorf überfiel, brachten die Jihadisten seine Familie nach Tal Afar. Hier wurden Jesiden wie Milad zu Tausenden als Sklaven verkauft. «Sie schlugen mich mit Kabeln, weil ich meine Eltern nicht verlassen wollte», erzählt der Bub. «Ein Mann mit langem Bart sagte mir: ‹Weinen bringt nichts, ihr seid verkauft.»

20 Minuten hat den Buben in einem Safehouse in Nordsyrien getroffen – nur zwei Tage zuvor hatten ihn die Syrian Democratic Forces SDF aus Baghus geholt, wo die letzten IS-Kämpfer noch erbitterte Gegenwehr leisten. Was die vier Jahre unter der Herrschaft der Terroristen mit dem Kind angestellt haben, ist an den traurigen Augen zu erkennen.

«Sie wurden so oft geschlagen»

Bei den anderen elf Buben, die ebenfalls hier untergebracht sind, stechen jedoch Narben am Kopf oder den Händen hervor. Sie sind zwischen elf und 15 Jahre alt. Sie sind unterernährt. Als der IS sie ihren Familien entriss, waren sie noch so jung, dass die meisten die kurdische Sprache vergessen haben. Sie sprechen jetzt Arabisch. Der IS hat ihre Identität als Jesiden ausgemerzt.

«Wenn sie hier ankommen, sind sie ausgehungert und schmutzig», sagt Zuhour Kado, die jesidische Betreuerin dieses Safehouse. «Ich wasche und bade sie. Einige haben Wunden am ganzen Körper. Sie wurden so oft geschlagen.» Einige Buben würden sich tagelang verstecken. «Sie haben Angst. Sie bezeichnen uns als ‹Ungläubige›. Erst nach drei, vier Tagen beginnen sie mit uns zu reden.»

«Wir wurden nicht an Waffen ausgebildet»

Mahmoud Rasho, ebenfalls Jeside, ist der Chef des Safehouse. Bislang hat er hier 600 Jesiden-Buben betreut, bevor sie in den Nordirak zurückgebracht wurden. «Unter dem IS blieben nur die unter Vierjährigen bei ihren Müttern. Alle anderen wurden von ihren Eltern getrennt und eingesperrt, teilweise bis zu 40 Buben in einem Zimmer», sagt er.

Als 20 Minuten mit den Buben spricht, bestreiten diese, dass der IS sie an Waffen ausgebildet hat. Sie hätten in bewachten Räumen immer nur den Koran lesen müssen, sagen sie. Doch Betreuer Rasho, der die Gruppe in diesem Safehouse betreut, winkt ab. «Sie können alle eine Waffe bedienen», sagt er.

«Einige können auch sehr gut Auto fahren. Sie wurden zu Selbstmordattentätern ausgebildet.» Einige der Buben hätten überlebenden Verwandten im Nordirak Handyfotos von sich als IS-Kämpfer geschickt.

«Die Älteren weisen die Jüngeren an zu schweigen»

Nachts belauscht der Betreuer die Gespräche der Kinder. «Die Älteren weisen die Jüngeren an, nichts über das Leben unter dem IS zu erzählen. Sie denken, dass der IS zurückkehren und sich an ihnen rächen wird, wenn sie reden.» Masen (10) sagt, er habe in den fünf Jahren, in denen er unter der IS-Herrschaft lebte, «nie schlimme Sachen» gesehen. Die Betreuer aber sagen, dass einige der Buben schwere Traumata erlitten haben, weil sie die öffentlichen Hinrichtungen mit ansehen mussten.

Milad sagt: «Der IS war gut zu uns.» Er hoffe trotzdem, dass er bald nach Sinjar und zu seiner Familie zurückkehren könne. Später wird mir Betreuer Rasho erzählen, dass Milad noch nicht wisse, dass sein Vater vom IS getötet wurde und seine Mutter als vermisst gilt. Eine Tante aber warte auf den Bub.