Details zum Aufstand

29. März 2011 07:39; Akt: 06.06.2011 11:33 Print

Zurück im Herzen der Revolution

von Felix Burch, Kairo - Mustafa demonstrierte 16 Tage auf dem Tahrir-Platz. Einen Monat nach der Revolution reist er mit 20 Minuten Online an den Ort, der Ägypten veränderte.

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Mustafa* steht auf dem Trottoir und atmet tief ein. Sein Blick schweift über den Tahrir-Platz. «Was ich hier erlebt habe, was hier geschehen ist vor einem Monat, das lässt sich nicht in Worte fassen.» Er redet von einer wahnsinnig positiven Energie. Nur noch wenige Panzer sind zu sehen. Die Soldaten winken den Menschen freundlich zu, Mustafa wechselt mit mehreren ein paar Worte. Die Ägypter lieben ihre Armee.« Dass sie nicht auf uns geschossen haben, vergessen wir ihnen nie», sagt Mustafa.

An mehreren Orten verkaufen Strassenhändler ägyptische Flaggen und Revolutions-Souvenirs mit der Aufschrift «25. Januar», an jenem Tag begannen die Proteste. Baumstämme und Autos, bemalt mit den Nationalfarben rot, weiss, schwarz, fallen auf. «Ägypten ist zurück zum Volk gekommen, endlich können wir stolz auf unser Land sein», sagt ein Passant. Plakate des verhassten Ex-Diktators Hosni Mubarak sind aus der ganzen Stadt verschwunden.

Mustafa steuert auf einen Kreisel zu. «Hier verbrachte ich all die Nächte in einem Zelt.» Viel geschlafen habe er allerdings nicht, die Sache sei zu aufregend gewesen. Vorbei an Früchteverkäufern und Fladenbrotständen gelangt er in ein Café. Er trinkt Tee und beginnt ausführlich zu erzählen, was sich während den «aufregendsten Tagen seines Lebens» abspielte.

Für die Revolution zu sterben, hätte Sinn ergeben

Seine Augen leuchten, er redet ohne Punkt und Komma. Lange hätten sich die Ägypter auf die Revolution vorbereitet, sich alle Informationen darüber beschafft. «Wir studierten Revolutionen», so Mustafa, es seien alle Details und Eventualitäten durchgegangen worden. Nach dem Umsturz in Tunesien sei dann alles rascher als geplant begonnen.

«Ich begriff erst zwei Tage nach dem Beginn der Demonstrationen, was in Kairo wirklich vor sich geht», sagt Mustafa, der in Hurghada wohnt. Rasch trommelte er seine Freunde zusammen, trieb ein Auto auf und los ging es Richtung Hauptstadt.«Wir waren alle total aufgeregt. Auf diesen Tag hatten wir so lange gewartet.» Die Stimmung, die im Wagen herrschte, sei eine Mischung aus Zorn, Freude und Angst gewesen.

In Kairo schlossen sich Mustafa und seine Freunde den Demonstrationen an. Mit grosser Entschlossenheit marschierten sie Richtung Tahrir-Platz. Weit davor warteten jedoch Mubarak-Leute, die verhindern wollten, dass noch mehr Menschen dorthin gelangten. «Wir wurden zurückgedrängt, berieten, was wir tun können.» Dann raufte sich eine Gruppe Männer zusammen. «Wir mussten eine Lücke aufreissen.» Alle hätten die Augen geschlossen und kurz vor den Wasserwerfern zum Sprint angesetzt. «Es wäre uns egal gewesen, getötet zu werden.» Er habe immer Angst gehabt, irgendwann sterben zu müssen, während das Regime noch an der Macht sei. Für die Revolution zu sterben, hätte für Mustafa Sinn ergeben. Doch er blieb am Leben.

Moslems schützen Christen, Christen schützen Moslems

In der Nacht des 2. Februars kamen die Mubarak-Schläger. «Sie bewarfen uns mit Steinen, die ihnen sackweise geliefert wurden.» Für Nachschub sorgte das Regime. Dann flogen Molotov-Cocktails. Mustafa und seinen Männer schützen sich mit Bauabsperrungen gegen die Angriffe.

Mustafa erzählt, wie er Tag für Tag, Nacht für Nacht demonstrierte. «Das oberste Ziel war, nicht aufzugeben, bevor Mubarak ganz weg ist.» Ebenso sei es absolut wichtig gewesen, dass niemand von den Demonstranten zu den Waffen griff. Und dafür wurde gesorgt. «Wir stellten drei Ringe mit Leuten auf, die vor dem Tahrir-Platz alle Menschen auf Messer, Schlagstöcke, Rasierklingen und dergleichen kontrollierten.» Zudem gab es Aufpasser, Mustafa wurde zu einem von ihnen. Sie hielten Ausschau, ob jemand die Nerven verliert. «Leute, die zur Gewalt neigten, zogen wir sofort aus dem Verkehr.»

Die Aufständischen haben zum Schutz der Gläubigen Menschenketten um die Kirche und die Moschee beim Tahrir-Platz aufgestellt. Beteten die Christen, schützen sie die Moslems und umgekehrt.

«Wir weinten, dann feierten wir»

Informiert haben sich die Demonstranten in den Cafés in den Seitengassen. Frauen versorgten sie mit warmem Tee. Strom für die Handys wurde von den Laternen abgezapft.

Mustafa erzählt und erzählt. Und er scheint die Revolution noch einmal zu erleben. Am 18. Tag kam die erlösende Mitteilung, «Mubarak ist zurückgetreten.» «Alle lagen wir uns in den Armen, weinten.» Danach habe man ausgelassen gefeiert.

Am Samstag (19. März) steht die erste demokratische Wahl seit Jahrzehnten an. Mustafa freut sich darauf, ist aber skeptisch, ob die Leute verstehen, wie sie abstimmen sollen.

Die grosse Enttäuschung

Am späten Sonntagabend werden die ersten Resultate bekannt gegeben. Mustafa ist enttäuscht, weil die Verfassungsänderung angenommen wurde. Er, wie viele Liberale und die Jugend, hätten sich eine umfassendere Änderung der Verfassung gewünscht und stimmten deshalb Nein. Jetzt wird befürchtet, dass die Muslimbruderschaft und die Überreste von Mubaraks Nationaldemokratischer Partei von schnellen Neuwahlen profitieren werden, weil sich die neuen Kräfte in der politischen Arena noch nicht ausreichend organisiert haben.

Mustafa hat Angst, dass die Revolution gescheitert ist. Aufgeben wird er, wie auch all die anderen Revolutionäre, nicht. Jetzt muss rasch eine neue Strategie gefunden werden, so der Tenor. Wie am 27. März bekanntgegeben wurde, soll im September ein neues Parlament gewählt werden. Mamduh Schahin, ein ranghoher Vertreter des Obersten Militärrats, sagte: Ein Datum für die Präsidentschaftswahl werde zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben.

*Name von der Redaktion geändert

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