Benedikt & Franziskus

03. Mai 2013 16:16; Akt: 04.05.2013 10:47 Print

Zwei Päpste unter einem Dach – geht das gut?

Benedikt XVI. ist zurück im Vatikan, wo auch Papst Franziskus lebt und wirkt. Werden die beiden miteinander zurechtkommen? Eine Schlüsselrolle dürfte Benedikts Privatsekretär spielen.

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Geistliche und Bischöfe aus dem Vatikan hielten in der Kapelle die Heilige Messe. Ein grosses Holzkreuz hängt hinter dem Altar unter einem bunten halbrunden Fenster. Die Wände sind mit Ikonen geschmückt. Die Schwestern zogen sich zu den Messen und mehrmals täglich zum Stundengebet in einen kleinen Raum hinter einem Gitter zurück. Hier befinden sich Werke zur Ordensgeschichte, theologische Bücher sowie zeitgenössische Literatur. Oben am Hauptgebäude ist eine Marienfigur mit Krone zu sehen, die Jesus auf dem Arm trägt. «Mater Ecclesiae» bedeutet übersetzt «Mutter der Kirche». Es ist ein Bildmotiv, das sich schon auf einer Säule der Vorgängerbasilika des Petersdoms befand, und das Papst Johannes Paul II. nach dem Attentat auf ihn als Mosaik über dem Petersplatz anbringen liess. Die erhöhte Lage des Klosters sorgt für einen tollen Ausblick. Die imposante Peterskuppel sieht man in den Vatikanischen Gärten aus fast jedem Blickwinkel. Von der Dachterasse aus blickt man auch über die uralte Leonische Mauer rings um den Vatikan in die Stadt Rom hinein. In dem Raum kamen die Schwestern zum Austausch und zur Erholung zusammen – es ist praktisch das Wohnzimmer des Klosters. Zu den oberen Geschossen führt neben dem Treppenhaus auch ein Aufzug. Insgesamt zwölf Schlafräume befinden sich im zweiten und dritten Stock des Gebäudes. Sie sind sehr einfach eingerichtet. In den Schlafräumen lebten alle drei bis fünf Jahre Schwestern eines anderen Ordens, die jeweils aus verschiedenen Ländern kamen – ein Symbol der Weltkirche. Im Erdgeschoss haben sich die Schwestern in der Speisekammer zu den gemeinsamen Mahlzeiten versammelt. Die Zubereitung der Speisen haben sie selbst übernommen.

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Der frühere Papst Benedikt XVI. ist am Donnerstag in den Vatikan zurückgekehrt, wo er von seinem Nachfolger Franziskus empfangen wurde. Der Pontifex wartete auf den emeritierten Papst im Frauenkloster Mater Ecclesiae, in dem Benedikt künftig wohnen wird. Es war das zweite Treffen zwischen Franziskus und seinem Vorgänger innerhalb von eineinhalb Monaten. Franziskus hatte am 23. März kurz nach seinem Pontifikatsbeginn Joseph Ratzinger in Castel Gandolfo besucht. Die beiden werden fortan nur einige Hundert Meter voneinander entfernt im Vatikan wohnen.

Zwei Päpste unter einem Dach – kann das gutgehen? Sie könnten sich zufällig in den vatikanischen Gärten in die Arme laufen, in denen Benedikt seine täglichen Spaziergänge absolviert. Oder versuchen, genau dies tunlichst zu vermeiden – nicht zuletzt um Gerüchten entgegenzutreten, der alte Papst versuche den neuen in irgendeiner Weise zu beeinflussen. Franziskus könnte aber auch etwas ganz Naheliegendes tun: Die einmalige Gelegenheit ergreifen, von seinem Vorgänger Ratschläge einzuholen.

Direkter Draht zum Papst

«Wir betreten Neuland, es gibt keine Präzedenzfälle dieser Art», sagte Roberto Rusconi, ein Kirchenhistoriker der Universität Roma Tre, gegenüber der «New York Times». Ob Benedikt Lust – und die Fähigkeit – hat, am Heiligen Stuhl weiter eine Rolle zu spielen, hängt nicht zuletzt von seinem Gesundheitszustand ab. Auf dem einzigen Bild von seiner Rückkehr in den Vatikan macht er einen gebrechlichen Eindruck. «Er ist 86 und die letzten acht Jahre haben Spuren hinterlassen», sagte Vatikan-Sprecher Ciro Benedettini. Benedikt selbst hatte anlässlich seiner Abdankung erklärt, dass er sich als Hirte zurückziehen, aber seine Herde im Gebet begleiten werde.

So oder so wird Benedikt einen direkten Draht zum neuen Papst haben: Sein Privatsekretär Georg Gänswein ist gleichzeitig Präfekt des Päpstlichen Hauses und verfügt somit über beträchtlichen Einfluss am Heiligen Stuhl: Der 56-jährige Erzbischof aus Baden-Württemberg organisiert unter anderem die öffentlichen und privaten Audienzen von Papst Franziskus sowie zusammen mit dem Staatssekretariat seine Auslandreisen und Staatsbesuche im Vatikan.

Eigenes Schlafzimmer für Georg Ratzinger

Der emeritierte Papst wird mit seinem Privatsekretär und den vier Ordensschwestern, die seinen Haushalt betreuen, im Frauenkloster Mater Ecclesiae wohnen. Es gilt als Oase der Ruhe im Herzen des Vatikans – Benedikt wird seinen Lebensabend also abgeschottet und gleichzeitig mittendrin verbringen. Papst Johannes Paul II. hatte das Frauenkloster auf dem Vatikanhügel 1994 gegründet, um das besinnliche Ordensleben im Vatikanstaat zu fördern. Der 400 Quadratmeter grosse Bau, der heute eine Kapelle sowie eine Bibliothek umfasst, diente zuvor als Gärtnerhaus.

Für die Ankunft Benedikts wurden einige bauliche Veränderungen vorgenommen. Die Kammern sind nun etwas grösser und komfortabler, aber immer noch «ziemlich klein», wie Vatikan-Sprecher Benedettini betonte. Ein Raum wurde in ein Studierzimmer umfunktioniert, wo Benedikt Gäste empfangen kann und auch sein Klavier steht. Seine Bücher und Akten füllen eine Bibliothek. Ein Schlafzimmer ist für seinen älteren Bruder Georg Ratzinger reserviert.

Laut Gerüchten ist das Anwesen behindertengerecht gestaltet worden, um auf eine allfällige Verschlechterung von Benedikts Gesundheitszustand vorbereitet zu sein. Die Baukosten werden vom Vatikan getragen.

(kri)