Kaschmir-Konflikt

27. Februar 2019 13:17; Akt: 27.02.2019 13:46 Print

Gibt es zwischen Indien und Pakistan jetzt Krieg?

Indien und Pakistan bekriegen sich wieder im Kaschmir. Dies ist das Resultat von Propaganda, einem heftigen Attentat und langwierigen Provokationen.

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Heftiger Schlagabtausch im Kaschmir-Konflikt: Am Mittwoch hat Pakistan zwei indische Militärflugzeuge abgeschossen. Einer der indischen Piloten wurde festgenommen. Dessen Militär hat zwei Tage zuvor ein Terroristenlager im pakistanischen Teil Kaschmirs angegriffen. Grossbritannien entlässt am 14. August den indischen Subkontinent in die Unabhängigkeit. Das Gebiet wird aufgeteilt: in ein muslimisches Pakistan und ein hinduistisches Indien. Pakistan besteht zunächst aus den beiden Landesteilen West- und Ostpakistan (später Bangladesch). Der Konflikt um das mehrheitlich muslimische, aber von einem hinduistischen Fürsten regierte Kaschmir bleibt ungelöst. (Im Bild: Generalgouverneur Lord Mountbatten verkündet die Unabhängigkeit.) Im Oktober bricht der Erste Indisch-Pakistanische Krieg (Erster Kaschmirkrieg) aus, der mit der De-facto-Teilung des im Himalaja gelegenen Fürstentums Kaschmir endet: Zwei Drittel des Gebietes kommen als Bundesstaat Jammu und Kaschmir zu Indien, die Nordgebiete und das westliche Asad Kaschmir («freies Kaschmir») gelangen zu Pakistan. (Im Bild: Indische Soldaten treffen in Srinagar ein.) Der Indisch-Chinesische Grenzkrieg vom 20. Oktober bis zum 20. November fordert 2000 Tote und endet mit einem Sieg Chinas. Kriegsgrund war unter anderem der Konflikt um die Grenzregionen Aksai Chin nordöstlich von Kaschmir. Sie wird von China kontrolliert, aber von Indien beansprucht. (Im Bild: Indische Offiziere während des Indisch-Chinesischen Grenzkriegs). Nach ersten Scharmützeln im Frühjahr bricht am am 1. September der Zweite Indisch-Pakistanische Krieg (Zweiter Kaschmirkrieg) aus. Er endet am 26. September 1965 mit der Wiederherstellung des Vorkriegszustandes. (Im Bild: Pakistanische Soldaten vor einem erbeuteten indischen Jeep.) In einem dritten Krieg kämpfen Indien und Pakistan diesmal wegen Islamabads Herrschaft über Ostpakistan, dem heutigen Bangladesch, gegeneinander. Der Krieg, der Kaschmir nicht betraf, endet endet mit einer Kapitulation Pakistans. (Im Bild: Flüchtlinge verlassen Ostpakistan Richtung Indien). Indien besetzt den Siachengletscher am zentralen nördlichen Rand Kaschmirs. Eigentlich geht es bei diesem Kampf nicht um den Gletscher, sondern um den Zugang zum südlichen Karakorum-Pass. In den folgenden Jahrzehnten kommt es immer wieder zu Gefechten. Die Medien sprechen vom «kältesten Krieg», da die Temperaturen dort auf unter –40 Grad fallen können. (Im Bild: Pakistanische Soldaten vor ihrer Unterkunft in 4200 Metern Höhe.) Entlang der Waffenstillstandslinie im Kaschmir kommt es im Juli zu schweren Gefechten zwischen indischen und pakistanischen Truppen. (Im Bild: Indische Soldaten in einer Stellung an der Grenze zu Pakistan.) Neue Kämpfe flammen im Kaschmir auf; im Mai beginnt der Kargil-Krieg (Vierter Indisch-Pakistanischer Krieg). Indische Truppen drängen bis zum 14. Juli von Pakistan unterstützte bewaffnete Kämpfer, die in den indisch besetzten Teil eingedrungen sind, aus dem hochgelegenen Gebiet. Der zehnwöchige Kargil-Konflikt kostet 1000 Menschen auf beiden Seiten das Leben. (Im Bild: Eine indisches Rakete wird in Richtung pakistanischer Stellungen abgeschossen). Indische und pakistanische Truppen liefern sich entlang der Waffenstillstandslinie im Kaschmir erneut Feuergefechte. Im November 2003 einigen sich Indien und Pakistan auf einen Waffenstillstand, die Kriegsgefahr ist vorläufig gebannt. (Im Bild: Indische Soldaten am Siachengletscher) Indien startet im September begrenzte Angriffe auf Ziele im pakistanischen Teil Kaschmirs. Zwei Wochen zuvor hatten Rebellen bei einem Angriff auf eine indische Militärbasis 19 Menschen getötet. Pakistan bestreitet, dass die indischen Angriffe jemals stattfanden. Im November stürmen als Polizisten verkleidete Kämpfer einen indischen Stützpunkt nahe der Grenze und töten sieben Soldaten. (Im Bild: Die brennende indische Militärbasis westlich von Srinagar) Indien kündigt nach einem Selbstmordattentat mit mindestens 40 Toten auf einen Armee-Konvoi Vergeltung an. Am 26. Februar fliegt das indische Militär nach eigenen Angaben Luftangriffe auf ein «Terrorcamp» der Islamistengruppe Jaish-e-Mohammed im pakistanischen Balakot, außerhalb der Kaschmir-Region. (Im Bild: Proteste gegen die indischen Angriffe in Srinagar, der Sommerhauptstadt des Bundesstaates Jammu und Kaschmir.) Einen Tag später schiessen pakistanische Kampfflugzeuge nach Militärangaben zwei indische Flugzeuge ab. Die Flugzeuge sollen im pakistanischen Luftraum eingedrungen sein, Indien bestreitet das. (Im Bild: Die Absturzstelle eines indischen Helikopters in der Umgebung von Srinagar).

Zum Thema
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Die Region Kaschmir steht teilweise unter indischer und teilweise unter pakistanischer Kontrolle – doch beide Atommächte beanspruchen die gesamte Region für sich. Nun droht der seit Jahren anstauende Kaschmir-Konflikt erneut in heftige Gewalt umzuschlagen. In den letzten Stunden und Tagen eskalierte die Situation im umkämpften Gebiet erneut.

Aktuell
Was ist passiert?

Am Mittwoch hat Pakistan zwei indische Militärflugzeuge abgeschossen. Die pakistanische Luftwaffe soll die beiden Jets im pakistanischen Luftraum über der umstrittenen Kaschmir-Region abgeschossen habe. Ein Pilot wurde festgenommen, die restliche Besatzung sei beim Absturz ums Leben gekommen.



Chronologie
Worauf baut dieser Schlag auf?

Die beiden Abschüsse sind ein Vergeltungsschlag gegen einen vorgängigen Angriff vonseiten Indiens: Dessen Militär hat vor zwei Tagen – nach eigenen Angaben – ein Terroristenlager im pakistanischen Teil Kaschmirs angegriffen. Bei dem nächtlichen Luftangriff sind laut dem indischem Aussenministerium «eine sehr grosse Anzahl» von Kämpfern der islamistischen Terrorgruppe Jaish-e-Mohammed (JEM) getötet worden.

Pakistan dementiert: Es gebe kein Terrorcamp, zudem sei bei dem Angriff niemand getötet worden. Dennoch: Nach diesem Anschlag kündigte Pakistan eine baldige Antwort seiner Streitkräfte an – welche nun am Mittwoch tatsächlich erfolgte.

Auch der Angriff auf das Terrorcamp hat seine Vorgeschichte: Die seit Jahren aktive und nun angegriffene Organisation hat in den letzten Tagen einen Anschlag vom 14. Februar im indischen Teil Kaschmirs für sich reklamiert. Selbstmordattentäter der Terrorgruppe Jaish-e-Mohammed sollen dabei über 40 indische Polizisten umgebracht haben. Indien beschuldigt Pakistan, den Anschlag unterstützt zu haben. In Islamabad weist man diese Anschuldigung aber zurück.

Hintergrund
Wieso eskaliert es jetzt derart?

Der letzte Luftangriff in Kaschmir ist Jahre her, doch jetzt nimmt die Gewalt zwischen den Nachbarn erneut zu. Seit dem Attentat vom 14. Februar ist Indien in Aufruhr: Hunderttausende versammelten sich im In- und Ausland zu Mahnwachen für die getöteten Polizisten.

Diese interne Hektik gegen den gemeinsamen, benachbarten Feind kommt der aktuellen indischen Regierung nicht ungelegen; das Land steht kurz vor den Gesamterneuerungswahlen. Mit dem heftigen Angriff gegen Pakistan kann sich der amtierende indische Premierminister Narendra Modi als Kämpfer für sein Land positionieren.

Szenarien
Gibt es zwischen Indien und Pakistan jetzt Krieg?

Noch am Dienstag schrieb die «New York Times», Indien und Pakistan würden sich ein Hintertürchen für eine mögliche Deeskalation offenhalten. «Jetzt sieht die Situation aber bereits anders aus», sagt Kaschmir-Experte Jakob Rösel, Professor an der Universität Rorstock, gegenüber 20 Minuten. Mit dem Angriff auf die Luftwaffe habe man eine neue Dimension der Eskalation erreicht.

Da im Mai Wahlen anstehen, könne Premierminister Modi nämlich nicht mehr kuschen – «man gewinnt keine Wahl, wenn man sich ohrfeigen lässt, und schliesslich noch die zweite Wange hinhält», umschreibt Rösel die Krise symbolisch. So schlage er nun also heftig zurück.

Zwar ist man sich in der Kaschmir-Region Anschläge seit den 90er-Jahren gewohnt, doch das Attentat vom 14. Februar gegen über 40 indische Polizisten sei «skandalöser als bisher» gewesen. Im Kaschmir stationiertes indisches Militär will sich diese kleineren und grösseren «Nadelstiche» nicht ewig gefallen lassen: «Das Bedürfnis der konventionellen Armee zur Gegenwehr ist gewachsen.»

Sollte Indiens Premierminister mit seinen Aktionen nicht die gewünschte Reaktion vom Volk erhalten, wird gar Schlimmeres erwartet: «Falls bei den indischen Massen auch nur leise Zweifel aufkommen, könnte sich Modi – die Wahlen vor den Augen – entscheiden, noch massiver zuzuschlagen», meint Ruth Bossart, SRF-Korrespondentin für Südasien.

Laut Rösel könnte sich gar der Kargil-Krieg von 1999 wiederholen: «Angesicht der aktuellen Lage ist dies durchaus möglich», so der Experte. Bei der damaligen Auseinandersetzung kam es zwischen den beiden Staaten zu Luftangriffen sowie Gefechten zwischen Bodentruppen. Das Jahr 1999 forderte in der Kaschmir-Region 2538 Todesopfer, davon auch 799 Zivilpersonen.

Dies soll sich nicht wiederholen; China und die EU rufen die beiden Atommächte zu Zurückhaltung in dem seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt auf.

(miw)