Zürcher Facebook-Aktivist

20. Februar 2018 21:42; Akt: 20.02.2018 21:53 Print

«Politik in Europa richtet sich an Scharia-Muslime»

von Mareike Rehberg - Der Schweizer Anwalt Emrah Erken zeigt, wie es in vielen muslimischen Ländern früher einmal aussah. Damit will er die Europäer zum Nachdenken bringen.

Bildstrecke im Grossformat »
Auf der Facebook-Seite «Before Sharia Spoiled Everything» posten die Mitglieder Alltagsfotos aus muslimischen Ländern. Dieses Bild zeigt die Familie des Gruppen-Initiators Emrah Erken in einem Wald in der Nähe der türkischen Stadt Adana im Jahr 1974. Das Ziel der Gruppe: Europäern zeigen, dass es in vielen muslimischen Ländern bis in die 1970er- und 1980er-Jahre weltoffener zuging als heute. Dieses Foto zeigt Erkens Mutter und eine Freundin, wie sie 1965 in Ankara den Twist üben. Warum Emrah Erken in der Gruppe auch explizit die laizistische Türkei miteinbezieht, lesen Sie hier. Bild: Erkens Tante gewinnt 1946 in Adana einen 1500-Meter-Lauf. Erken und seine Mutter im Jahr 1970 in Ankara. Dieses Foto zeigt Erkens Grossmutter im Jahr 1935 in Bursa. Auch andere Gruppen-Mitglieder schicken Familienbilder ein. Hier sind die Grosseltern einer Nutzerin in den 1930er-Jahren zu sehen. Die Grossmutter stammte aus einem Dorf nahe der türkischen Stadt Eskiehir, der Grossvater aus Zypern. Diese Hochzeitsgesellschaft von 1975 in Irans Hauptstadt Teheran sieht nicht so viel anders aus als ähnliche Festgesellschaften in europäischen Ländern zu dieser Zeit. Selbst Bierflaschen stehen auf dem Tisch. Die Mitarbeiterinnen der Hereke-Teppich-Fabrik im türkischen Izmit kamen im Jahr 1967 in kurzen Röcken zur Arbeit. Anfang der 1970er-Jahre trainieren diese Mitglieder einer Ballettschule in der irakischen Hauptstadt Bagdad. In Lashkargah in der afghanischen Provinz Helmand feierten die Kinder 1965 Halloween. Was dieser junge Mann in Ankara wohl zu seiner Partnerin sagt? (1969) Miniröcke waren in den 1960er-Jahren auch im Irak populär, wie diese Medizinstudentinnen an der Universität in Bagdad (1969) zeigen. Auch in den frühen 1970er-Jahren trugen Frauen in Bagdad Minirock. Auftoupierte Haare und Cocktailkleider: Damen an einer Party in Teheran in den 1960er-Jahren. Auf diesem Bild aus den 1960er-Jahren sind sowohl Iranerinnen mit als auch solche ohne Kopftuch zu sehen. Nein, dieses Bild stammt nicht aus einer US-Vorstadt, sondern aus dem Teheran der späten 1960er-Jahre. Brav mit Seitenscheitel: Ein Bub (r.) bekommt 1969 in Ankara sein Grundschuldiplom. Zwei junge türkische Bäuerinnen, die an einem Dorfinstitut in der Nähe von Trabzon studieren, mit ihrem Besuch (1946). Zwei junge Frauen flanieren in den späten 1930er-Jahren in Ankara über den Ulus-Platz. Ein Lehrer mit seinen Schülerinnen und Schülern in Anatolien (1940). So sah die Innenstadt von Kairo im Sommer 1964 aus. Junge türkische Bäuerinnen erlernen ihren Beruf beim praktischen Unterricht auf dem Feld (Sivas, Zentralanatolien, in den frühen 1940er-Jahren).

Zum Thema
Fehler gesehen?

Auf seiner Facebook-Seite «Before Sharia Spoiled Everything» (deutsch: Bevor die Scharia alles verdorben hat) veröffentlicht Emrah Erken (48) jahrzehntealte Bilder. Sie zeigen den früheren weltlichen Alltag (Link auf vorherigen Text) in heute stark vom konservativen Islam geprägten Ländern. Der Zürcher Rechtsanwalt mit türkischen Wurzeln hat 20 Minuten verraten, was er mit der Seite bezweckt.

Was ist Ihr Hauptanliegen?
Von den 1920er- bis Anfang der 1980er-Jahre gab es in Staaten wie der Türkei, dem Iran, Irak, Ägypten, Afghanistan und anderswo einzigartige säkulare Kulturen und Subkulturen, die stark zurückgedrängt wurden. Weil diese Gesellschaften in Europa weitgehend unbekannt sind, verfolgt die Gruppe einen informativen Zweck. Ich möchte, dass sich Europäer auf den Bildern wiedererkennen. Immer wieder kommen Kommentare wie «Diese Menschen sehen ja genauso aus wie wir in der damaligen Zeit». Genau solche Assoziationen wollte ich auslösen. Europäer sollen sich mit uns identifizieren und sich mit uns solidarisieren.

Ich will aber auch zeigen, dass es uns säkulare Menschen in der islamischen Welt gab und immer noch gibt. Die meisten von uns sind frustriert darüber, dass sich die heutige Politik in Europa vor allem den Scharia-Muslimen zuwendet, obwohl wir die besser integrierten Einwanderer sind.

Gab es einen konkreten Auslöser für die Idee?
Der Auslöser war ein deutscher Journalist, der in einem Video auf Youtube regelrechte Scharia-Propaganda betrieb. Sinngemäss sagte er, dass Muslime die Scharia brauchen würden. Ich schrieb einen Blog-Artikel über dieses Interview und zeigte Bilder aus der muslimischen Welt, bevor die Scharia diese ruiniert hatte. Dann fing ich dann an, solche Bilder auf Facebook zu posten, so entstand die Seite.

Welche Reaktionen bekommen Sie?
Das Feedback ist positiv und berührend. Es ist uns gelungen, die Menschen anzusprechen, und die Reaktionen kommen sowohl von politisch ganz links stehenden als auch politisch sehr konservativen Menschen. Die Gruppe will möglichst die gesamte europäische Gesellschaft ansprechen. Ich will Vorurteile beseitigen, und diese sind überall vorhanden. Zum Teil melden sich auch Migranten aus Ländern, aus denen die Bilder stammen. Viele fühlen sich endlich repräsentiert. Die Reaktionen sind überwiegend positiv.

Warum ist die Unwissenheit der Europäer ein Problem?
Die europäische Politik ist heute leider auf konservative Islamverbände fokussiert und damit beschäftigt, den konservativen Islam salonfähig zu machen. Säkulare Migranten aus der muslimischen Welt sind uninteressant. Die Zürcher Regierungsrätin Jaqueline Fehr etwa will eine staatliche Anerkennung des Islam. Ich bin gegen die Anerkennung von konservativen Islamverbänden als Partner des Staates. Der Staat, damit meine ich nicht bloss die Schweiz, soll sich lieber auf uns konzentrieren. Die säkularen Menschen aus der muslimischen Welt, ob gläubig oder nicht, sind die besseren Einwanderer. Für uns ist die Gleichberechtigung der Geschlechter eine Selbstverständlichkeit.

Welche Erfahrungen haben Sie in der Schweiz gemacht?
Ich habe kaum Rassismus erlebt, erinnere mich aber an einen Vorfall aus meiner Kindheit, der die Unwissenheit der Schweizer demonstriert und mich damals sehr gekränkt hat. Als ich im Alter von neun Jahren in die Schweiz kam, fragten mich die anderen Kinder, warum meine Mutter keinen Hidschab trägt. Das war damals in der Türkei unüblich, und die Frage hat mich sehr irritiert. Ich habe den Islam schon als Kind abgelehnt. Ich bin Freidenker, schon mein ganzes Leben lang.

Wie sollte der Westen mit islamistischem Gedankengut umgehen?
Ich denke, dass wir Gesetze benötigen, die gewisse Bereiche der Scharia verbieten und andere einschränken. Hassreden gegen andere Religionsangehörige, wie sie in Biel stattgefunden haben sollen, darf der Staat nicht tolerieren. Die staatliche Reaktion auf solche Hassreden, die gegenwärtig in unserer Rechtsordnung vorgesehen ist, ist aus meiner Sicht unzureichend. Es kann nicht sein, dass die einzige Konsequenz solcher Vorfälle eine allfällige Bestrafung nach der Antirassismusstrafnorm ist und eine Moschee-Schliessung nicht einmal vorgesehen ist. Wir dürfen totalitären Ideologien nicht mit Toleranz begegnen.

Gibt es die Chance, dass es in Ländern wie dem Iran oder Afghanistan wieder so wird wie früher?
Ich denke nicht, dass ich das noch erleben werde. Mein Ziel ist es ohnehin nicht, diese Länder zu retten. Für mich steht meine Heimat im Vordergrund, und das ist die Schweiz. Für mich ist es essenziell, dass die Scharia in der Schweiz keine Rolle spielt, auch in der Zukunft nicht.